Die amerikanischen Zigaretten wurden aus dem Wagen geholt, die Müdigkeit war verflogen. Das erste Wiedersehen nach drei Jahren. Man hatte so viel zu erzählen im Schutze der Nacht, die letzten drei Jahre hatten so viel gebunkert. Wie ein Hamster, der seine Vorräte versteckt, hatte man jeden Eindruck, jedes Geschehnis aufbewahrt, um es jetzt zu erzählen. Im Schutze der Nacht.
In der Morgensonne konnte man es am nächsten Tag deutlich sehen. Der Baum – mitten im Garten. Unter ihm konnte man, ohne gehört zu werden, über alles sprechen, ohne dass das Ohr der Wanze im Telefon oder in der Mauer davon Wind bekam. Mal voller Blüten, weiß über den Köpfen der miteinander Sprechenden wie eine runde, gezipfelte Schlafmütze, die das Schweigen oder das Geredete, die Geheimnisse oder das Unausgesprochene aufsog und nicht weitergab. Mal kahl, die Zweige wie Antennen der »Staatsnacht« oder der Staatsmacht gen Himmel gerichtet, die mit breitem Stiefel ungeniert in dem neuen Schnee ihre Spuren hinterließ. Das waren sichtbare, beabsichtigte Zeichen. Wir waren hier, wir haben alles gehört. Dort, wo ihr eure Geheimnisse der großen Schlafmützenkrone anvertraut habt. Spuren der breiten Stiefel zum Baum hin und um den Baum herum, Zigarettenstummel um den Baum herum. Der Blick des rauchenden Stiefeltragenden direkt durch das Küchenfenster auf den Tisch gerichtet, wo alle gesessen hatten. Wo sie ihre Geschichten, ihre Ängste, ihre Pläne ausgebreitet hatten. Im Schutze der Nacht, geschützt von der »Staatsnacht«, oder besser der Staatsmacht, dachten sie.
Das verwanzte Telefon klingelt um elf Uhr, gleich am nächsten Morgen. Mia weiß es ganz genau, das Telefon ist verwanzt, sie selbst hat früher bei der Telefongesellschaft gearbeitet.
Man wolle Alexandru sprechen. Wer da sei? Oberst Soundso.
»Ich bin aus diesem Grunde aus diesem Land geflohen, ich möchte keine Gespräche mit Ihnen führen!« Aufgelegt.
Zehn Minuten später. Man wolle Alexandru sprechen, Oberst Soundso.
»Sie haben es doch gehört, er möchte nicht mit Ihnen sprechen, war es nicht deutlich genug?«, sagt Mia mit einem am Anfang zögerlichen Ton und dann immer entschlossener, als machte sie ihr eigener Mut mutiger. Alexandru nimmt den Hörer in die Hand, Mias Mut gibt ihm Kraft.
»Und wenn Sie noch einmal anrufen, dann …«, was dann? Wie kann er in diesem Land, in dieser Stadt, die er so geliebt hat, die von der Staatsmacht umzingelt und vermauert ist, zeigen, dass er über das eigene Schicksal selbst entscheiden kann?
»… dann packe ich meine Leute und meine Sachen ins Auto und fahre zurück!« Lächerliche Antwort, er hat Angst, nichts anderes. Flüchten, erneut flüchten vor einer Stimme am Telefon, die nichts anderes tut, als ihn eine vergessen geglaubte Ekelkralle im Nacken spüren zu lassen. Eine Machtlosigkeit, die ihn grau und dumpf fesselt. Und dann die Vorstellung dessen, was unterwegs zurück in die Freiheit passieren könnte. Die Kralle drückt immer heftiger in seinen Nacken. Soll er aufgeben, soll er versuchen, wie damals zu sprechen, als er verhört wurde und stundenlang sprach, ohne etwas zu sagen, soll er so tun als ob? Einen Unfall zu inszenieren, wäre für diese Machtkrake ein Kinderspiel. Bericht in der lokalen Zeitung: »Drei Ausländer: Mann, Frau, Kind gestorben in einem fürchterlichen Unfall auf der E 34. Erhöhte Geschwindigkeit und Trunkenheit am Steuer.«
Er legt auf und wartet. Nichts. Bis zum nächsten Tag nichts. Kein Anruf vom Oberst Soundso. Er will nicht zugeben, dass er wartet, er tut es aber. Er kann sich nicht vorstellen, dass diese rauen, grauen immer adrett angezogenen Diener der Diktaturkrake bei so einem Satz aufgeben. »Ich nehme meine Spielsachen und gehe«, das ist kein Satz für die geschulten Henker der Staatsmacht. Sie versuchen es mit Sicherheit anders. Staatsicherheit, Securitate.
Der Rumäne sagt: »Geduld und Tabak«. Als könnte ihm das helfen.
Er zerdrückt in seinem Aschenbecher die kleinen, zylindrischen Formationen der Asche, die von seiner Zigarette herabfallen. Er zerkleinert sie, als wären sie in der ursprünglichen zylindrischen Form bedrohlich. Er scheint vor ihnen Angst zu haben. Sein Blick verrät aber, dass er geistesabwesend ist, dass diese Bewegung automatisch ist und er nicht nach vorne blickt, sondern tief in die Vergangenheit, er erinnert sich. Er will es nicht, er verdrängt es, aber es hat sich so viel angestaut. So wie sich Regenwasser in einem Regenwasserkübel während eines regnerischen Sommers sammelt und irgendwann, wenn die Pflanzen nicht damit bewässert werden, überläuft und Pfützen um den Kübel bildet, die bei Sonnenschein schnell verdunsten und doch Spuren hinterlassen. Getrockneter Schlamm, dunkel und unergründlich, bereit, beim nächsten Regen neue Pfützen zu beherbergen. Er wartet. Er sucht und versucht in diesem Schlamm die Antwort für die jetzige Situation zu finden.
Wie ist er in diesen Schlamm gelandet? Er erinnert sich ungern und doch flimmern ihm Bilder vor den Augen, Bilder, die er verdrängt hatte, die er gelöscht geglaubt hatte.
Schmierig, fett und doch sympathisch war Jogo, der Kamerad beim Militärdienst dort oben im Norden des Landes an der Grenze, den sie, die drei Freunde, Alexandru, Tomi und Janos, bekehren sollten. Er war Zeuge Jehovas, und das passte nicht ins Schema des Regimes.
»Das ist doch Aberglaube, oder? Wir müssen ihn davon abbringen. Ihr helft doch mit, oder? Nehmt ihn mit, wenn ihr in die Stadt geht, er soll mit euch ein Bier trinken und vielleicht könnt ihr für ihn ein Mädchen finden, oder? Dann wird er merken, dass das wahre Leben mit Saufen und Ficken besser ist als das mit strengen Regeln der Zeugen Jehovas, oder? Jungs, unterschreibt hier, dass ihr euch um ihn kümmert und wir übernehmen die Kosten. Soviel ihr wollt.« Sie unterschrieben. Sie unterschrieben alle, einer nach dem anderen und wurden zu IMs, ohne es zu wissen, sie rutschten in diesen Schlamm, in den sie die Machtkrake hineingezogen hatte, ohne dass sie es merkten. Sie warfen sich gegenseitig kaum Blicke zu. Sie waren plötzlich Rädchen in einem System, das sie verabscheuten.
Jogo kam mit ihnen, er musste nicht saufen, er musste auch nicht mit irgendeinem Mädchen ins Bett gehen. Die Berichte jedoch waren voller Bierkrüge und Orgien, Jogo freute sich mit jedem neuen Mädchen und bald fing er an, selbständig danach zu suchen. »Mission accomplished«, dachten sie, die drei Freunde, Alexandru, Tomi und Janos. Sie sprachen nie wieder miteinander darüber, was sie in den nächsten Jahren wegen dieser Unterschrift zu erleiden hatten, wie oft sie von Oberst Soundso besucht wurden. Einmal war er klein und trocken, dann groß und äußerst zuvorkommend, und jedes Mal mussten sie reden und reden, ohne wirklich etwas zu sagen. Ständig mit der Kralle im Nacken. Wann würde die »Staatsnacht« zuschlagen, wann würde sie sie erschlagen?
Ein einziger Tag verging, ohne dass das Telefon klingelte. Es klingelte aber an der Tür. Es war Mias und Victors Lieblingsgast, versteht sich: Oberst Pascu von der Securitate. In Zivil versteht sich. Ein breites Lächeln im Gesicht, wie immer, sagte Mia später. Dieses Lächeln, das Mia und Victor Eiswasser durch die Venen fließen lies und sie zu einem gequälten Lächeln zwang, wie das der Puppen im Puppentheater, denen ein Grinsen ins Gesicht gemalt wird, und die sich kaum anders bewegen können, als der Puppentheaterspieler ihnen erlaubt. Oberst Pascu begleitete Mia und Victor seit Anna und Alexandru das Land verlassen hatten, er besuchte sie treu jede Woche, brachte mal Kuchen mit, mal amerikanische Zigaretten, mal Kaffeebohnen. Kleine Aufmerksamkeiten. Er wollte nichts von Mia oder Victor erfahren, er fragte nur ab und zu, wie zufällig, wie es den Kindern gehe, ob sie dort eine Wohnung und Freunde gefunden hätten, so wie ein guter, treuer Freund eben fragt.
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