»Alles raus! Kind, Gepäck, alles!« Den Tonfall des Befehls erkannten sie wieder, er war ruhig, gelassen und trotzdem bestimmend, getragen von einer ungeheuren Sicherheit: Hier bestimme nur ich und niemand anderes. Sie mussten sich fügen, sie hatten nicht einmal die Kraft oder den Mut, sich zur Wehr zu setzen. Nicht einmal innerlich. Es gab kein Zähneknirschen, keine in der Tasche geballte Faust. Sie packten alles heraus auf die für diesen Zweck aufgestellten Bänke: Kleiderkoffer, Nahrungsmittelkisten, Medikamente, alles, was sie hatten. Anna ging mit Sophia ins Zollhaus, es stank nach abgestandenem Zigarettenrauch. Sie kannte diesen Gestank. Es war der Gestank von schäbigen Kneipen, in deren Holzböden Petroleum eingelassen wurde, angeblich aus hygienischen Gründen, in denen unrasierte raue Männer streng riechenden Zwetschgenschnaps tranken und billige, filterlose Zigaretten der Marke Marasesti rauchten, nach der schweren Arbeit in der Fabrik. Sie betranken sich, damit sie zuhause einen Grund hatten, ihre Frauen schlagen zu dürfen. Es war kalt im Zollhaus, genauso kalt wie draußen vielleicht. Draußen nahm sich der warm angezogene Zöllner die Zeit, alles in Ruhe zu betrachten und wollte auch unterhalten werden.
»Wie seid ihr denn raus?«
»Als Touristen.«
»Aha, und nicht mehr zurückgekommen, eh?« Was wollte er damit sagen? Es wurde deutlich kälter, Alexandru fing an, noch stärker zu zittern unter seiner kurzen ledernen Jacke. Was hatten sie vor mit einem, der »geflüchtet« war? Trotz seines deutschen Reisepasses, den er stolz an jeder Grenze vorzeigen wollte und den keiner anschauen wollte?
»Und diese Tasche, was ist drin?«
»Medikamente für meinen herzkranken Schwiegervater«. Es fing eine Auslese an, die Guten ins Töpfchen und diejenigen, die der Zöllner nicht weiterverkaufen konnte, blieben in der Tasche.
»Die hier sind für mich, ihr könnt weiterfahren. Übrigens, nach zwei Kilometern ist die Straße unpassierbar. Schnee.«
Sie fuhren trotzdem weiter, sofort, der Soldat könnte sich das auch anders überlegen, nein, sie mussten schnell weg.
In einem kleinen für sie namenlosen Grenzdorf mussten sie tatsächlich nach zwei Kilometern anhalten. Die hellen Scheinwerfer leuchteten auf ein mitten auf der Straße stehendes Schild aus Pappe: »Drum barat!« Es ging nicht weiter. Alexandru stieg aus dem Wagen und sah sich um. Alles dunkel, keine Straßenlaternen, er konnte kein Haus sehen. Doch, auf der rechten Seite der Straße erblickte er ein schwaches Licht. Er ging dem Licht entgegen. Es war ein großes, schmutziges Fenster, auf dem er das Wort »Hotel« erkennen konnte. Rechts davon eine dunkle, schwere Metalltür, die Alexandru mit großer Mühe öffnete. Die kleine Eingangshalle war voller Menschen. Manche saßen in den paar Sesseln, die um einen kleinen quadratischen Tisch aufgestellt waren, andere sah man auf dem Teppichboden sitzend oder liegend, Kinder schliefen in den Armen ihrer Mütter. Die Metalltür fiel mit einem höllisch lauten Knall zu, alle Anwesenden sprangen auf, böse Blicke richteten sich auf Alexandru, der vergessen hatte, dass man Türen hier leise schließen musste. Nein, es gab keine freien Zimmer. »Sie sehen es doch, alle hier wollen ein Zimmer!«
Die Nacht verbrachten sie im Wagen, einige Kilometer hinter der Grenze, bei laufendem Motor, damit sie nicht erfrieren würden. Sie hatten sich eingehüllt in Daunenjacken und Pullover, die sie als Geschenke für die Cousins und Cousinen mitgenommen hatten. Anna schaute jede fünf Minuten nach hinten und schüttelte Alexandru jedes Mal wach: »Sie atmet nicht mehr.«
»Doch, sie schläft, ruh dich aus, sie schläft tief, hab keine Angst.« Fünf, zehn Mal, fünfzehn Mal sprang sie auf. Sie schliefen trotzdem ein wenig.
Ein improvisiertes Frühstück. Die Bewohner des kleinen Dorfes an der Grenze brachten etwas Wurst in die Hotelhalle, etwas Butter, die sich nicht streichen ließ, weil sie zerbröckelte. Die Hotelangestellten machten Tee, für alle, selbst für diejenigen, die kein Zimmer in der Nacht mehr bekommen hatten und in ihren Autos übernachten mussten bei laufendem Motor. Die Sonne schien so hell und weiß über das Meer von sauberem Schnee, als wäre nichts passiert, und der Schnee verspräche, alles sauber zu waschen, um alles vergessen zu machen. Man konnte tatsächlich nach dem improvisierten Frühstück weiterfahren.
Der Schnee hielt sein Versprechen nicht, er wurde immer grauer, immer holpriger, immer glitschiger wie die Haut eines aus einem trüben, matschigen Wasser gefischten Aals. Man verlor das Gefühl, das man für einen Augenblick hatte, alles würde glattgehen, weiß und hell sein, wie der Morgen es versprochen hatte. Die Reise dauerte ewig, man konnte nicht schnell fahren, die Straßen waren nicht geräumt, man wusste nicht, trotz der fast blind machenden Helligkeit, ob man auf der Straße fuhr oder quer durchs Feld.
Dreihundert Kilometer und sechzehn Stunden weiter, um drei Uhr morgens, der erste geräumte Weg: die Einfahrt zur Garage ihrer Eltern, Annas Eltern, geräumt, als hätte es in den letzten Stunden nicht geschneit. Victor war jede Stunde aufgewacht und hatte den Schnee zur Seite geschaufelt, der Schnee, der auf der Straße aufgetürmt war, als bildete er einen Wehrturm oder eine Wehrmauer um alle Häuser herum zum Schutze gegen die langen Ohren der »Staatsnacht« oder der Staatsmacht in der Stadt, in der vor Jahrhunderten drei Gürtel von Wehrtürmen und Wehrmauern gegen die Türken oder gegen die Mongolen errichtet wurden. Nicht gegen die eigene Bevölkerung. Drei Gürtel, die die Bevölkerung zusammenhalten sollten und die es taten, sechs- oder siebenhundert Jahre lang, oder waren es mehr? Sie hielten Sprache, Trachten, Gewohnheiten zusammen bis jetzt, wo alles zerbröselt, wo die Menschen, trotz der Grenzen und der Mauern, die um sie gebaut wurden, abhauen, neue Sprachen oder neue Dialekte der eigenen Sprache lernen müssen.
Der Wein und die Spuren im Schnee
Der Wein wurde aus dem Keller geholt, Alexandru wusste noch genau, wie das ging. Mit einem Gummischlauch zog man im Keller den Wein, der vom Schwiegervater im Herbst gemacht wurde, aus der bauchigen 25 Liter Flasche mit ganz dicken grünen Glaswänden in Literflaschen und hatte dabei jedes Mal einen Schluck von dem Wein sicher. Dann ging man die Treppen hoch und stellte den Wein auf den Tisch. Dies wiederholte sich etliche Male. Der Wein schmeckte ihnen, er war weich und nicht sehr süß, Victor war sehr stolz auf seine Weinmacherkunst. Früher holten sie den Wein von einem Siebenbürger Sachsen aus Agârbiciu, deutsch »Arbegen« und sächsisch »Arbäjen« im Kreis Hermannstadt, Gemeinde Frauendorf. Herr Hermann, ein kräftiger Mann mit immer roten Wangen, erwartete sie und führte sie ins Haus, ins vordere Zimmer, wo keiner schlief, wo aber die Gäste empfangen wurden. Dort gab es jedes Mal große Platten mit geräucherter Wurst, in Schmalz eingelegtes Schweinefleisch, Scheiben von einem dicken weißen Speck und ein wunderbar duftendes Bauernbrot. Den Anfang machte eine Runde Zwetschgenschnaps, und dann wurden mit jedem Happen die Weine probiert, die Herr Hermann benannte: Riesling, Mädchentraube, Muskateller. Einmal durften sie alle auf den Kirchturm, wo die ganze Gemeinde ihre Vorräte aufbewahrte. Oben unter dem Kirchturmdach hingen hunderte geräucherte Würste, Riesentafeln Speck, geräucherter Schinken, alles unmarkiert. Jeder aus dem Dorf wusste genau, wem was gehörte und es fehlte nie jemandem etwas von seinen Vorräten. All das ging Alexandru durch den Kopf, als er die Treppen vom Keller aus in die Küche hochlief, die er so mochte, vielleicht auch, weil er an der Gestaltung dieser Küche damals sehr beteiligt war. Er war so begeistert von Victors Idee gewesen, einen Schreiner aus Rasinari, »Städterdorf« genannt, mit dem Bau der Küchenmöbel zu beauftragen, dass er, als alle ins Bett gingen, Stifte in die Hand nahm und am großen Küchentisch sitzend Möbel entwarf, so wie er sie in deutschen und französischen Zeitschriften gesehen hatte. Er zeichnete, bis die Sonne durch das Küchenfenster schien und er geblendet wurde von den Sonnenstrahlen und vom stechend weißen Schnee im Hinterhof und im Garten. Der Schnee lag da noch unberührt, damals.
Читать дальше