„Danke!“, knirschte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen. Was für eine Unverschämtheit, mich gleich mit dem ersten Satz so zu provozieren! „Es ist allerdings sehr spannend für mich! Seitdem ich hier bin, entdecke ich ständig etwas Neues!“
„Das musst du mir bei Gelegenheit näher erläutern!“ Er trieb seinen schwarzen Hengst wieder an. „Leider habe ich jetzt überhaupt keine Zeit! Entschuldigt mich, aber ich hab’ noch eine Menge zu tun!“
„Oh, warte bitte einen Moment!“ Myrtle eilte ihm hinterher, sodass er sich schon fast gezwungen sah, erneut durchzuparieren. Ein wenig genervt schaute er auf meine Freundin hinab. „Nachdem gerade sonst niemand hier ist, um ihr zu zeigen, wo sie wohnen wird und so weiter...nun ja, dein Bruder ist ja beschäftigt und deshalb...“
„Deshalb dachtest du“, fiel der Rancher ihr ahnungsvoll ins Wort, „dass ich das ja erledigen könnte.“
„Ja, genau! Und dann kannst du ihr ja auch gleich zeigen, wo sie loslegen soll.“
Seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen, hätte er Myrtle am liebsten erzählt, dass sie sich zum Teufel scheren solle. Doch stattdessen riss er sich, ganz Gentleman, zusammen und brachte sogar eine Art Lächeln zustande, als er erwiderte: „Das mit der Unterkunft musst du mit meiner Tante bereden, das ist ihre Zuständigkeit. Und wegen der Mithilfe...na ja...“ Sein Blick wanderte mit einer Mischung aus Zweifel und unverhohlener Abneigung an mir auf und ab. „Weißt du, ganz ehrlich, mit diesen Touris und ihren sogenannten Erfahrungen in Sachen Umgang mit Pferden hab’ ich ehrlicherweise ziemlich die Schnauze voll. Aber nachdem mein Onkel noch der Boss hier ist und es für eine großartige Idee hielt, sich auf deinen Vorschlag einzulassen...warte einfach, bis er hier aufkreuzt. Ich bin sicher, er hat noch mehr famose Ideen in petto!“
Myrtle bedankte sich herzlich und versprach, genau dies zu tun, woraufhin der dunkelhaarige Mann sich auf seinem Rapphengst entfernte. Es war offensichtlich, dass er mich nicht länger und öfter als nötig antreffen wollte. Das waren ja heitere Aussichten! Entschuldigend zuckte meine Freundin die Schultern.
„Nimm es nicht so ernst. Er ist ein bisschen schwierig ab und an, aber das täuscht. Das sind bloß seine Launen. Im Grunde genommen ist er ein sehr anständiger und feiner Mensch.“
„Ach ja?! Davon merkt man auf den ersten Blick nicht allzu viel!“, knurrte ich beleidigt und machte ein finsteres Gesicht dazu. Ich hatte mich so sehr auf meinen Aufenthalt auf der Ranch gefreut und dann tauchte ausgerechnet ein solches Exemplar von Mann auf und wollte mir alles vermiesen! Kam daher geritten, als fände er sich unwiderstehlich – was er vermutlich auch tat – und benahm sich auch noch wie ein arroganter Schnösel! Was fiel diesem Kerl eigentlich ein?! Der würde mich schon noch kennenlernen! Ich stammte nicht umsonst aus einer Linie von starken, eigensinnigen Frauen! Von wegen keine Stallarbeit erledigen können!
„Du siehst aus, als hättest du vor, ihn gleich zu erschießen!“ Myrtle zerrte an meinem Arm. „Nimm es ihm nicht übel und tu’ mir den Gefallen und leg’ dich nicht gleich mit ihm an. Komm, wir gehen rüber zu Randy und warten dort, bis der Rest der Familie auftaucht. Er kann dir vielleicht gleich ein bisschen etwas darüber erzählen, was sie so mit dir vorhaben.“
„Von mir aus.“ Ich stapfte noch immer aufgebracht hinter meiner Freundin her. Dem würde ich es schon zeigen!
„Na, wenigstens muss ich mir jetzt schon keine anderweitigen Sorgen machen!“ Myrtle atmete auf. „Das hätte mir gerade noch gefehlt, dass du dich in einen Rancher verliebst! In den heißbegehrtesten Junggesellen in der ganzen Gegend noch dazu!“
„Keine Ahnung, wie er zu dem Titel überhaupt kommt“, schnaufte ich und wusste gar nicht, weshalb ich eigentlich so wütend war auf diesen Kerl. Ich kannte ihn ja noch nicht einmal, es konnte mir doch völlig egal sein, was er von mir hielt! Doch meine Gedanken waren wie gefangen von ihm. Das Bild, wie er auf dem rabenschwarzen Hengst den Weg entlang galoppierte, wiederholte sich permanent vor meinem inneren Auge.
‚Kein Wunder, dass die Frauen verrückt nach ihm sind‘, dachte ich und musste grinsen. ‚Kein Wunder...er sieht ja auch aus, wie Adam Cartwright von Bonanza...‘
Als Byron McCullough an diesem Morgen seine Augen aufschlug, spürte er sofort die klirrende Kälte, die sich im Schlafzimmer festgesetzt hatte und er wusste instinktiv: Es hatte über Nacht geschneit. Er blinzelte, rieb sich die verschlafenen Lider und gähnte, während er sich langsam aufrichtete. Heute war erster Advent und somit Sonntag, was wiederum bedeutete, es war keine Schule. Der zwölfjährige Junge gähnte noch einmal, seine dunklen Augen wanderten hinüber zum Nachtkästchen und zu dem unaufhörlich tickenden Wecker. Er zeigte bereits kurz nach halb acht Uhr; er erschrak. Du liebe Güte! Er hatte ihn nicht klingeln gehört und verschlafen! Ruckartig warf der Junge die Bettdecke zurück und sprang hinüber zum Fenster. Wieso hatte ihre Mutter sie denn nicht geweckt? Sie mussten doch pünktlich zur Kirche fertig sein, sonst tobte Vater wieder!
In dem anderen Bett, am Ende des Zimmers, das er sich mit seinem ein Jahr jüngeren Bruder teilte, rührte sich noch nichts. Byron rannte hinüber, schüttelte ihn durch das Federbett hindurch energisch an der Schulter.
„Mensch, Stace! Wach auf! Wir haben verschlafen!“
Lediglich ein unwilliges Grunzen war die Antwort. Der andere Junge zerrte an der Decke und zog sie sich über die Ohren. Byron verzog das Gesicht. Typisch, sein kleiner Bruder eben! Er wollte sich jedoch den Ärger gerne ersparen, wenn sie wieder einmal nicht rechtzeitig zur Abfahrt bereit, in ihrem besten Sonntagsstaat in der Tür standen, wenn ihr Vater mit dem alten Lieferwagen vorfuhr.
Eilig zog Byron sein kariertes Hemd und seine Bluejeans über und zögerte noch einen Moment, ehe er in die Cowboystiefel schlüpfte. Er wusste, dass seine Mutter es nur ungern sah, wenn er in diesem Aufzug am Sonntag umherlief. Nein, vielleicht gab es noch etwas draußen zu tun, Holz holen oder die Hühner füttern und dabei konnte er sich nun wirklich nicht erlauben, seine beste Kleidung zu ruinieren. Flink knotete er sich das rote Halstuch um und lief den Flur entlang und die Treppenstufen hinab in den Wohnraum des Ranchhauses, in dem er geboren und aufgewachsen war.
„Mom? Pa?“ Auf der untersten Stufe blieb der Junge stehen, niemand antwortete. Er trat zwei Schritte nach vorn, wo zu seiner Linken die Tür zum Arbeitszimmer seines Vaters nur anlehnte. Er stieß sie vollends auf, doch auch hier war alles still und leer.
„Pa? Mutter?“ Seine Eltern mussten doch irgendwo stecken! „Sarah? Charlie?“ Doch auch seine beiden kleinen Schwestern gaben keine Antwort. Vielleicht schliefen sie noch.
Byron begann zu laufen – in die Küche neben dem großen Wohnraum, der die gesamte Westseite des Erdgeschoßes einnahm. Nein, niemand schien hier zu sein. Irgendetwas musste passiert sein! Sie hatten ihn und Stacy nicht geweckt und einfach alleine zurückgelassen!
Hastig rannte der Junge hinaus, unter den Vorbau der Veranda. Der Schnee, der sich vor ihm auftürmte, reichte ihm bis zu den Oberschenkeln und als er die beiden Stufen hinabtreten wollte, versank er fast vollständig darin. Solche Massen erlebten sie hier in der Gegend nur selten. Er ließ seinen Blick noch einmal gründlich über die mächtige Scheune, den Pferdestall, das kleine Bunkhouse – die Unterkunft der Cowboys – und die Koppeln gleiten. Fußstapfen führten vom Wohnhaus bis hinüber zum Pferdestall. Byron seufzte. Ihm war sehr unwohl zumute.
Mit einem Mal erklang das Wiehern eines Pferdes. Byron riss die Augen auf, er kannte diese Art von Wiehern – nur ein Hengst gab es von sich, so tief und laut. Jetzt siegte die Neugier über die Besorgnis. Schnell folgte der Junge dem Trampelpfad durch den Schnee, vorbei an der großen, alten Scheune, um zum Pferdestall zu gelangen. Womöglich war dem Hengst heute Nacht etwas zugestoßen, sodass seine ganze Familie sich jetzt um ihn kümmern musste!
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