J.D. David - Sonnenfeuer

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Der junge Soldat Daron kehrt seiner Heimat den Rücken, die nach dem Tod des letzten Königs in Chaos versinkt. Als er viele Jahre später nach Valorien reist, sieht er das Land zerrissen zwischen seinen Herzogen und Adeligen. Doch die wahren Feinde stehen außerhalb der Grenzen des Landes. Ihr Verlangen nach Macht geht weit über die Herrschaft eines einzelnen Königreiches hinaus. Die Legende einer Nachfahrin des Königs ist die einzige Hoffnung, die dem Volk bleibt. Diese, und eine große Kraft alter Tage, der sich auch Daron bemächtigt hat.

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Kapitel 6

Die Nacht war trotz des Frühlings kalt. Obwohl der Waldboden an vielen Stellen bereits von den ersten Frühblühern durchbrochen wurde, fühlte sich Taskor eher wie im Herbst. Oder gar im Winter. Denn Winter war es fürwahr für Kargat. Vielleicht der Winter eines sterbenden Reiches. Er schien den letzten Keim der Hoffnung in den Händen zu halten. Doch dieser war zerbrechlich, und selbst wenn er sprießen sollte, war es unklar, ob das Königreich Kargat wieder aus dem Winter erwachen konnte.

„General, ich kann nun die Wache übernehmen.“, hörte Taskor die dunkle Stimme von Eggbert, der zu ihm ans Feuer trat.

„Danke. Wieso nennst du mich noch so?“, fragte er den alten Veteranen.

„Wie? General? Weil Ihr das doch seid. Ihr seid General der Streitkräfte Kargats und Anführer unserer Truppen. Obwohl ich meine Differenzen mit der Armee hatte, respektiere ich Euch noch immer. Und Euren Titel.“

Taskor nickte gedankenversunken, den Blick ins Feuer gerichtet.

„Ich glaube nicht mehr, mich General nennen zu können. Immerhin habe ich weder Armee noch Königreich. Noch trage ich eine Rüstung.“, sagte er. Er schaute an sich hinunter und dann zu den beiden schlafenden Frauen. Schnell nach ihrer Flucht aus Härengar hatten sie sich ihrer edlen Kleidung und der Rüstung entledigt. Auf der Flucht war beides nur störend, bei einem echten Angriff würde es kaum helfen, und die Gefahr erkannt zu werden war mit solch auffälligen Gewändern deutlich größer. Doch mit der Rüstung war auch das Gefühl gewichen, ein großer Heerführer zu sein. Taskor, der Schwarze General, hatte man ihn genannt. Nun sah er aus wie ein gewöhnlicher Landstreicher. Immerhin passte er somit zur Lage im Land. Er wusste nicht mal mehr, ob es noch eine kargatianische Armee gab. Große Teile waren in Härengar mit dem König untergegangen. Ob sich die überlebenden Soldaten irgendwo gesammelt hatten, wusste Taskor nicht. Im Moment galt seine Aufmerksamkeit auch etwas anderem.

„Ich glaube nicht, dass man einen solchen Titel einfach abstreifen kann. Immerhin habt Ihr uns mehr als einmal erfolgreich in die Schlacht geführt. Man kann nicht jeden Kampf gewinnen. Dennoch seid Ihr hier und lebt noch. Genauso wie die Königin und Prinzessin“

„Uns? Hast du in meinem Regiment gedient?“

Der alte Veteran nickte, schaute aber wortlos ins Feuer.

„In den Südlandkriegen?“, hakte Taskor nach.

„Ja, gegen die Ylonier.“, antwortete Eggbert. „Und in Valorien.“, fügte er hinzu.

Valorien. Taskor dachte all die Jahre zurück. Es hätte sein großer Triumph sein sollen. Bis zu jenen Tagen hatte er gedacht, die Niederlage mit Prinz Beorn wäre seine größte Schmach gewesen. Doch der Rückzug, der erneute Fall von Eisentor, die Demütigung, hatten dies übertroffen. Der Fall von Härengar bildete nun die dritte Niederlage in dieser Reihe. Doch wie Eggbert sagte, er lebte noch immer.

„Als wir die Brücke in die Heimat wieder passiert hatten, habe ich mich für immer von der Armee davon gemacht. Mein Glauben in die Streitkräfte und ihre Führung war für immer verschwunden, und meine Tochter brauchte einen Vater. Vielleicht war ich nicht immer der beste Vater, aber ich bin stolz darauf, was aus ihr geworden ist.“

„Du bist desertiert?“, fragte Taskor verwundert. Er hatte schon erfahren, dass Eggbert ein Veteran gewesen war, aber gegenüber einem General Kargats Desertation zuzugeben war in der Tat mutig. Immerhin stand darauf der Tod. Aber was hatte das in Zeiten wie diesen noch zu bedeuten.

„Ja. Es gab keinen Grund mehr, der mich gehalten hätte.“

Taskor antwortete nicht. Die Männer schauten wortlos in ihr Feuer. Beide hatten eine vollkommen andere Geschichte, doch ihre Wege hatten sich gekreuzt, und das Schicksal sie nun an diesen Ort geführt. Taskor erkannte viel von sich selbst in Eggbert. Was, wenn er in Armut, und nicht in das reiche Haus der Graufels hereingeboren worden wäre?

„General, könnt Ihr mir eine Frage beantworten?“, fragte dann Eggbert.

„Ich kann es versuchen.“

„Was ist damals in Valorien geschehen?“

Taskor seufzte. Es fiel ihm schwer, darüber zu sprechen. Andererseits hatte ein Mann wie Eggbert es nach so vielen Jahren wohl verdient, die Wahrheit zu erfahren. Immerhin half er nun, die letzte Erbin Wulfrics zu schützen.

„Ich habe Valorien unterschätzt. Insbesondere habe ich Herzog Celan von Tandor unterschätzt. Ich habe mich in eine Falle ziehen lassen, die doch nur den durchtriebenen Plänen dieses Mannes diente. Auch das Schicksal hat uns schwere Schläge verpasst.“, begann Taskor zu reden.

„Eine recht ungenaue Antwort auf meine Frage.“, brummte Eggbert und wollte sich schon abwenden. Taskor lächelte schmerzhaft, als er an die Zeit zurückdachte.

„Ja. Das stimmt. Der Fall von Eisentor war ein abgekartetes Spiel.“, sprach er aber weiter und hielt Eggbert so weiter am Feuer. „Die Valoren wurden anscheinend von den Urben von Herzog Celan hinterrücks ermordet und uns wurde die Pforte geöffnet. Doch ich in meinem Hochmut dachte, dass wir einer guten Fügung des Schicksals entgegen sahen und befahl den Marsch auf Elorath. Immerhin dachte ich, dass der König mit seinem Bürgerkrieg in Fendron gebunden war. Mit ihm die Streitkräfte des Feindes und der anderen Herzogtümer. Außerdem hoffte ich auf schnelle Verstärkungen durch eine Streitkraft von König Magnus. All dies trat nicht ein. Die Burg wurde kurz nach unserem Abmarsch von urbischen Reitern von valorischer Seite erneut eingenommen. Die Streitkraft von König Magnus machte sich auf dem Weg aus Härengar. Allerdings nicht nach Norden, um Valorien einzunehmen, sondern nach Süden, um den ersten Angriff des Kaiserreiches abzuwehren. Wir waren alleine und verloren, geschwächt vom Marsch, einigen Kämpfen und Krankheit, wie du wohl weißt. Doch dann erhielt ich ein Angebot.“

„Was für ein Angebot? Von wem?“, fragte Eggbert, als Taskor erst nicht weitersprach.

„Von einem Kriegsherrn der Urben. Narthas war sein Name. Ich werde mich für immer an diesen Moment erinnern. Er versprach uns freies Geleit nach Kargat, wenn wir unsere Zelte und Fackeln aufgebaut ließen und im Schutz der Dunkelheit fliehen würden. Ich wusste, dass dies nicht ehrenhaft und eine Schmach war, aber die Alternative war, mit wehenden Fahnen unterzugehen. Alle Leben meiner Männer zu verschenken. Leben von Vätern wie dir, von Söhnen, Brüdern und Ehemännern. Doch die Bürde der Niederlage und der Schmach würde nur auf meinen Schultern liegen. Den Rest der Geschichte kennst du wohl.“, schloss Taskor die Erzählung ab. Was Eggbert dann sagte, verwundert Taskor.

„Danke, General.“, sagte der Veteran. „Danke, dass Ihr unser aller Leben bewahrt habt. So hat meine Tochter einen Vater. Hunderte Familien haben ihre Söhne, Väter, Brüder und Männer wiederbekommen.“

Der General nickte nur leicht als Antwort. Er wusste auch sonst nichts auf den Dank zu erwidern. Obwohl er ein Deserteur war, war Eggbert offensichtlich ein aufrichtiger Mann. Das hatte er schon in Härengar gespürt. Der Rest der Truppe war zwar im besten Fall bizarr, aber mittlerweile vertraute Taskor ihnen. Selbst dem verrückten Narren, der offensichtlich einige Knackse abbekommen hatte.

„In Ordnung, ich werde dann noch einige Stunden Ruhe suchen.“, sagte Taskor und erhob sich vom Lagerfeuer. „Sei wachsam. Hier gibt es mehr Gefahren als Kaiserliche…“, sagte er noch zu Eggbert, als er die Lagerstelle verließ, um sich unter einem der Bäume in eine Decke zu wickeln.

Ja, nicht nur durch Angreifer war dieses Land geplagt. Je mehr man sich von der Hauptstadt entfernte und in die abgelegenen Gegenden Kargats kam, desto größer wurde die Gefahr auf den Straßen. Einst waren es nur vereinzelte Räuberbanden gewesen. Doch sie hatten sich gesammelt, organisiert. Das Nachtrudel nannte man bald die Bande, die immer besser bewaffnet und koordiniert vorging. Fast zeitgleich mit seiner Niederlage in Valorien hatte sich die Gruppe formiert. Taskor war sich sicher, dass viele desertierte Soldaten, sowohl von der Front im Norden als auch um Süden, von ihrem Weg abgekommen waren. Soldaten wie Eggbert, der doch anscheinend einen etwas besseren Weg gefunden hatte. Einen etwas besseren Weg.

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