J.D. David - Sonnenfeuer

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Der junge Soldat Daron kehrt seiner Heimat den Rücken, die nach dem Tod des letzten Königs in Chaos versinkt. Als er viele Jahre später nach Valorien reist, sieht er das Land zerrissen zwischen seinen Herzogen und Adeligen. Doch die wahren Feinde stehen außerhalb der Grenzen des Landes. Ihr Verlangen nach Macht geht weit über die Herrschaft eines einzelnen Königreiches hinaus. Die Legende einer Nachfahrin des Königs ist die einzige Hoffnung, die dem Volk bleibt. Diese, und eine große Kraft alter Tage, der sich auch Daron bemächtigt hat.

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„Valentin, in diesem Land führst du die Truppen bereits seit Langem. Mir scheint die Unfähigkeit der tandorischen Eskorte auch eher ein Grund für diese Entführung als meine Person.“, entgegnete der Herzog. Im Vergleich zu vielem anderen hatte ihn sein Verstand noch nicht verlassen.

„Es ist auch deine Enkelin, die in den Händen dieses Mannes ist.“, erwiderte Valentin weiter energisch. „Du bist ein verblendeter alter Mann.“

„Immer noch ‚Euer Gnaden‘“, mahnte ihn Helmbrecht. „Und dieser Mann ist ein Ritter Valoriens…“

Er senkte den Blick leicht. Ja, sein erster Gedanke, als er die Nachricht erhalten hatte, war ähnlich wie die Reaktion Valentins gewesen. Es ging immerhin um Lerke, seine letzte Nachfahrin. Und der letzte Sonnenschein in seinem Leben, das doch sonst von dunklen Wolken überschattet wurde. Aber je länger er darüber nachgedacht hatte, desto ruhiger war er geworden. Ja, Arthur von Freital war auf keinen Fall ein schlechter Mann. Er war im Gegenteil einer der ehrlichsten und offensten Männer, die Helmbrecht in seinem langen Leben kennen gelernt hatte. Und er war ein Ritterbruder Valoriens, Träger von Blutstein. Er würde sich nicht an einem jungen Mädchen vergreifen, selbst wenn es seinen Plänen zuträglich war. Je länger Helmbrecht in den letzten Jahren über Arthur nachgedacht hatte, desto weniger konnte er in ihm einen Verräter sehen. Vielleicht war er selber der eigentliche Verräter an Rethas. Doch dies konnte er nun nicht mehr ändern. Dennoch teilte er die Sorge von Valentin mittlerweile nicht mehr.

„Helmbrecht.“ Es war die tiefe und kraftvolle Stimme von Celan, die den alten Herzog aus seinen Gedanken riss. „Du wirst dafür sorgen, dass mein Sohn und meine zukünftige Schwiegertochter befreit werden. Koste es, was es wolle.“

„Du überschätzt meine Möglichkeiten.“

„Du…“, wollte sich Valentin gerade wieder lautstark zu Wort melden, wurde aber jäh von einer Handbewegung von Celan zum Schweigen gebracht. Auf ein Nicken des Herzogs von Tandor hin nahm stattdessen auch der Graf am Tisch Platz.

„Ich stelle nur Tatsachen fest.“, fuhr Celan fort. „Entweder du schaffst es, sie zu befreien, oder ich werde Rethas mit Krieg überziehen. Feuer und Eisen werden regieren, bis die Kinder frei, oder gerächt sind. Dein Land wird brennen.“

Es war die ruhige Art von Celan, die die Drohung erst glaubwürdig machte. Diese Kälte, mit der der Herzog von Tandor schon jetzt fast die Hälfte Valoriens unter seine Hand gebracht hatte. Mit Rethas würde sein Reich noch weiter wachsen. Helmbrecht zweifelte keinen Moment daran, dass Celan seinen Worten Taten folgen lassen würde. Aber er schüttelte nur resigniert den Kopf.

„Tu das, Celan. Bald ist es sowieso dein Land. Oder denkst du, dass ich meinem Schicksal noch lange entrinnen kann?“, antwortete er dann herausfordernd.

„Ich habe bereits heute Reiter entsendet. In die Alrinnen, nach Freital und in alle anderen Ecken deines Herzogtums.“, entgegnete Celan kühl.

„Dann ist ja allem Sorge getragen.“, antwortete Helmbrecht. „Und was wünschen wir noch zu besprechen? Oder habt ihr dafür einen so langen Weg auf euch genommen?“

Kurz lag Stille im Raum, bevor sich Valentin mit einem Räuspern zu Wort meldete. „Alois hat uns Boten geschickt. Er wünscht die Runde der Ritter in Elorath zu sammeln, um über die Verteidigung Valoriens zu sprechen. Er sichert freies Geleit, bei seiner Ehre als Ritter. Was werden wir tun?“

Celan schaute erwartungsvoll zu Helmbrecht. Der Herzog von Tandor hatte seine Gedanken schon gebildet, dessen war sich der alte Ritter sicher. Und dennoch fragten sie ihn nach seiner Meinung. Immerhin war noch immer er der Herzog von Rethas und traf seine eigenen Entscheidungen.

„Mmh“, war seine erste Antwort. Er überlegte. Alois. Wer hätte gedacht, dass jener Mann, den man eigentlich als den am wenigsten mutigsten Ritter wahrgenommen hatte, derart für das Reich aufstehen würde. Und für die Linie St. Gilberts. Wenn, wie das Gerücht ging, diese nicht mit dem jungen König untergegangen war. Helmbrecht hörte noch immer die Spötter nachhallen, als Alois von Priovan zum Ritter geschlagen wurde. Ein prächtiger Turnierstreiter, der noch nie einen wahren Kampf geschlagen hatte. Auch in der Rebellion Berlans war er oft zögerlich gewesen. Doch nach dem Tod seiner beiden Ritterbrüder in der Schlacht zwischen Ulf und Lora hatte sich der Mann gewandelt. Das Auftreten des Ritters aus Fendron im folgenden Disput um Elorath hatte Helmbrecht beeindruckt und sein Bild des nun herrschenden Reichverwesers geändert. Auch die Beharrlichkeit, mit der er die Kronlande gegen Celan verteidigt hatte, war beeindruckend gewesen.

„Was will er denn von uns?“, fragte Helmbrecht schließlich und schaute insbesondere zu Celan, der doch immer so gut informiert war. „Ich dachte, wir befänden uns bereits in einem Waffenstillstand.“

Erneut war es Valentin, der für den Herzog aus Tandor antwortete. „Sein Bote war unklar. Zumindest will er alle verbliebenden Ritter vereinen, somit wird auch Forgat dort sein. Zumindest wenn er sich nicht gerade mit seiner Priesterin im Bett befindet, um der Trias zu huldigen.“, fügte er spitz hinzu.

Helmbrecht zuckte schließlich mit den Schultern.

„Ich habe keine Zweifel an der Ehrhaftigkeit Alois‘. Wenn es Belange des Reiches gibt, sollten die Ritter in Elorath zusammentreten, obwohl wir uns in den letzten Jahren bekämpften. Ich werde jedoch selber die Reise aus verständlichen Gründen nicht antreten können.“

Celan nickte zustimmend. „Ja, so denke ich auch. Wir wollen uns anhören, was Alois zu sagen hat, während meine Männer Arthur jagen. Valentin wird dich bestimmt würdig vertreten.“

Die Worte des Herzogs von Tandor hatten etwas Abschließendes. Helmbrecht seufzte erleichtert, diese Begegnung offensichtlich auch überstanden zu haben.

„Also, meine Gäste, dann fühlt euch bis dahin in Grünburg willkommen. Ich werde mich nun aber zurückziehen.“, sagte der alte Herzog und wurde sofort von einem Diener gestützt, als er sich daran machte, aufzustehen.

Mit ihm erhoben sich auch Valentin und Celan. Helmbrecht schaute dem anderen Herzog noch in die Augen. Ganz kurz glaubte er die gleiche Müdigkeit zu erkennen, die er spürte, seit Rainald die Krone verraten hatte. Doch es war nur für einen Moment. Dann wich diese wieder der bekannten Kälte. Und der Gewissheit, dass Rethas brennen würde, wenn Arthur den Sohn Tandors nicht frei lassen würde.

„Wollt ihr euch nun hinlegen, Euer Gnaden?“, fragte der Diener den alten Herzog, als sie seine große Kammer betraten. Helmbrecht schüttelte den Kopf, jedoch mit einem milden Lächeln, das ihm etwas Großväterliches gab.

„Nein, mein Junge. Begleite mich doch kurz noch auf den Balkon. Ich möchte noch die letzten Sonnenstrahlen des Tages genießen. Bald werde ich genug liegen können.“

„Natürlich mein Herr.“, antwortete der junge Diener und führte Helmbrecht zu der kleinen Holztür, die auf einen Balkon führte, der einen Blick über Grünburg und die davorliegenden Wälder erlaubte.

„Danke.“, sagte der Herzog und stützte sich dann an der Balustrade des Balkons ab, während er seinen Blick über sein Volk schweifen ließ. Je näher er den kalten Hauch des Todes spürte, desto mehr dachte er über sein langes Leben nach. Hatte er alles richtig gemacht? Würde er als guter Herzog Rethas‘ in die Geschichte einziehen? Oder als gescheiterter Letzter? Unter drei Königen hatte er gedient, nur um dann das Ende der Linie ansehen zu müssen. Sein Volk hatte zu oft gelitten. Doch was hätte er tun können?

Im Nachhinein bereute er gar nicht mal viel. Er hatte stets versucht, die besten Entscheidungen in der jeweiligen Situation zu treffen. Nur eine Sache bereute er: Er hätte Arthur von Freital mehr vertrauen müssen, nicht Valentin, nicht Celan. Der Ritter aus dem kleinen Freital war ein aufrichtiger Mann, dem seine Loyalität zum Verhängnis geworden war. So war auch seine Sorge um Lerke kleiner, als die Sorge Celans um seinen Sohn. Nein, Arthur würde die junge Frau nicht zu Schaden kommen lassen. Natürlich war sie ein wertvolles Pfand, aber der Ritter würde niemals den ultimativen Preis verlangen. Nein, Lerke war im Moment sicher. Es war sein Herzogtum, um das er sich nun Sorgen machen musste.

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