Seitdem war das Land nicht mehr zu Ruhe gekommen. Seine Hoffnungen in den Sohn von Eilert waren jäh durch dessen Tod zerbrochen worden. Ein Sturz vom Pferd hatte am Ende gereicht, eine Wunde zu schlagen, die den jungen Erben in den Tod gerissen hatte. So blieb dem alten Herzog nur mehr Lerke, die Tochter des jüngsten Sohn, Rainald, der einst in Elorath bei dem Versuch starb, den König zu ermorden. Nach deren geplanter Hochzeit mit dem Erben von Tandor würde seine Linie nun also erlöschen und das einstige stolze Herzogtum Rethas dann wohl auch de jure in Tandor aufgehen. Der Lauf der Geschichte war eben nicht aufzuhalten. Dennoch war es ein trauriges Ende für Rethas.
Mit zittrigen Händen schloss Helmbrecht das Buch und lehnte sich in dem Holzstuhl zurück. Er betrachtete den schweren Band. Ob Lerke das Buch weiterfüllen würde? Selbst wenn Rethas als Herzogtum nicht mehr bestand, seine Menschen würden weiterleben, und die Geschicke ihrer Heimat bestimmen. Doch die junge Herzogin würde wohl in Taarl residieren, das große Buch von Rethas aber hier in Grünburg verweilen.
„Euer Gnaden?“. Helmbrecht hörte die Stimme des Dieners. Er hätte ihn sonst nicht bemerkt. Seine Sinne waren wie die gesamten Kräfte seines Körpers geschwunden. Nur sein Blick war scharf wie eh und je.
„Ja?“, sagte er mit schwacher Stimme und signalisierte dem Mann mit einem Winken, näher zu kommen. Doch seine Augen hielt er fest auf dem Buch, während sich der Diener in seinem Rücken näherte.
„Euer Gnaden, der Herzog von Tandor ist angekommen und wünscht Euch zu sprechen.“
Helmbrecht nickte. „Und wie gerne wäre er als König Valoriens angekündigt worden…“, antwortete er leise.
„Wie meint Ihr, mein Herr?“
„Schon gut.“, sagte Helmbrecht. „Hilf mir bitte.“, wies er den Diener an. Dieser trat sofort näher und reichte dem alten Herzog einen Arm um ihn zu stützen. In die freie rechte Hand des Herzogs gab er ihm einen Stock, auf dem sich der alte Mann zusätzlich stützen konnte. Erneut spürte Helmbrecht, wie viel Kraft es ihn kostete, nur aufzustehen. Der kurze Weg in die große Halle würde ungleich anstrengender werden.
Eigentlich hätte er ob seines Alters und Gebrechens sein Leben im Bett verbringen müssen. Um langsam und siechend zu sterben. Aber er wollte nicht ein solches Bild abgeben. So war die kleine Schreibkammer ein willkommener Platz. Man konnte sitzen, stundenlang und lesen, oder sich einfach ausruhen. Und niemand störte einen. Doch jetzt musste er wieder in die Welt dort draußen zurück. Die Welt voller Lügen, Verrat, Intrigen, Mord und Totschlag. Der Welt, der er eigentlich überdrüssig war. Aber das Schicksal ließ ihn nicht frei.
„Der Graf von Ostwacht ist auch eingetroffen.“, sagte der Diener, als sie einige Schritte gegangen waren. Helmbrecht nickte, antwortete aber nicht. Natürlich, Valentin war auch gekommen. Er war über die letzten Jahre zu einem treuen Diener von Celan verkommen. Mit einem Auge hatte er stets auf Rethas geschielt, das er doch so gerne selbst beherrschen wollte. Aber Celan würde dies nicht erlauben. Helmbrecht selbst wollte einfach nicht sterben. Beides nicht gut für die Ambitionen des Grafen.
Als er mit langsamen Schritten so auf die Wendeltreppe nach oben zuging, dachte Helmbrecht an jenen Tag vor fast sechzehn Jahren zurück. Er war auch in der Kammer gesessen, als der junge König mit Graf Valentin und Freiherr Arthur nach Grünburg gekommen waren, um ihn zu demütigen. Es war das letzte Mal gewesen, dass er Priovan I. gesehen hatte.
Damals dachte er, dass er wohl ein schlechter König für Valorien war, zumindest für Rethas. Heute war er sich nicht mehr sicher. Die Zeit ohne Herrscher war wohl ungleich schlechter für das Land. Er seufzte. Ein Herrscher Celan würde Valorien wohl auch nur Unglück bringen. Doch war dies wohl die wahrscheinlichste Zukunft.
Der Herzog von Rethas hörte die laute Stimme und die stampfenden Schritte von Graf Valentin schon aus einiger Entfernung. Der Ritter aus Ostwacht war über die Jahre immer aufbrausender geworden. Das Chaos im Land hatte sich scheinbar auf sein Gemüt übertragen. An manchen Tagen dachte Helmbrecht fast, die Persönlichkeit seines alten Weggefährten Heinrichs in Valentin zu sehen. Aber es gab einen großen Unterschied: Der Graf von Ostwacht war nicht nur aufbrausend, sondern auch verschlagen. Einen Charakterzug, den er sich wohl eher bei seinem Förderer Celan angeeignet hatte. Sowieso hatte sich Helmbrechts Bild über den jüngeren Mann von Jahr zu Jahr verschlechtert. Nicht verwunderlich, immerhin hatte der Graf die ganze Zeit auf seinen Thron geschielt. Und seine Enkelin. Doch wie es aussah, würde ihm beides verweigert bleiben.
Als er gestützt von dem Diener durch die offene Tür trat, sah er in der Tat seine beiden Ritterbrüder als einzige Personen. Valentin stapfte aufgeregt auf und ab. Seine körperlich imposante Gestalt hatte sich über die letzten Jahre kaum verändert, nur das Blond der Haare und des Bartes waren einem Weiß gewichen. Celan hingegen saß ruhig an einem der kleineren Tische am Rand der Halle und nippte ruhig an einem Weinbecher. Seine Augen fokussierten Helmbrecht sofort, als er den Raum betrat. Während der Herzog von Tandor äußerlich gealtert war – die einst schwarzen Haare waren von sichtbaren grauen Strähnen durchzogen und das Gesicht war gegerbt und von Falten gezeichnet – hatte sich die Kraft in seinem Blick nicht abgeschwächt. Es war diese Mischung aus arroganter Überlegenheit, unbändigem Ehrgeiz und einer gewissen Verschlagenheit, die ihn schon als jungen Mann gekennzeichnet hatte. Schon als ihn Helmbrecht als Knappen ausgebildet hatte.
„Helmbrecht!“, rief Graf Valentin laut aus, als er den Herzog sah. „Das ist alles deine Schuld! Ich habe dir schon im letzten Jahr gesagt, dass wir die Schwäche von Freital ausnutzen müssen, um ihn endgültig in die Knie zu zwingen. Wir hätten ihn aus den Wäldern treiben müssen, wie ein Wildschwein. Nun hat er uns in der Hand. Und keine deiner Soldaten konnten das verhindern!“
Helmbrecht lächelte Valentin milde an. Er war es mittlerweile gewohnt, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Und sein Alter erlaubte ihm nicht mehr die Kraft, um sich mit Valentin oder Celan zu streiten. Gestützt von dem Diener ging er also weiter auf den Tisch zu, an dem Celan saß.
„Für dich Valentin heißt es immer noch ‚Euer Gnaden‘“, wies er den Grafen ruhig aber bestimmt zurecht. „Des Weiteren würde ich dich bitten, einen sehr alten Mann zunächst zur Ruhe kommen zu lassen, bevor du mich mit Tiraden bewirfst.“
Valentin blieb stehen, als hätte ihn ein Blitz getroffen. Die Worte Helmbrechts waren entwaffnend, und er wusste auch nichts zu erwidern, sodass Helmbrecht genug Zeit blieb, sich in Ruhe zu setzen. Der Diener zog den Stuhl leicht zurück und der alte Herzog ließ sich erleichtert auf die Sitzfläche sinken.
„Ah, viel besser. Nun, junge Freunde. Willkommen in Grünburg. Mir scheint, ihr seid hier in letzter Zeit öfter, als es uns allen beliebt.“, sprach Helmbrecht ruhig weiter. Er bemerkte, wie ihn Celan weiter mit seinem Blick fokussierte, ohne etwas zu sagen. Stattdessen nippte er erneut an seinem Weinbecher.
„Ach, und ihr trinkt meinen Wein leer. Nun gut Diener, für mich bitte ein Becher mit Wasser und einem kleinen Spritzer des Roten aus dem Ylonischen Bund.“, wies er den Diener an und beobachtete, wie dieser die Halle aus einem Diensteingang verließ. Dann schaute er wieder herausfordernd zu Valentin und dann Celan.
„Also, was verschafft mir die Ehre?“
„Das weißt du genau so gut wie wir. Dieser Verräter läuft nun seit fast zwei Jahrzehnten ungestraft durch dein Herzogtum. Und nun hat er einen Sohn Tandors und deine Enkelin in seiner Gewalt. Der treue Dolf ist tot. Und alles, weil du zu untätig gewesen bist.“
Читать дальше