Ich verabschiedete mich bereits um die Mittagszeit von den beiden, um keinen allzu schlechten Platz zu bekommen. Ich ließ meinen Namen auf der Liste eines Helfers abhaken, erst danach durfte ich den abgesperrten Versammlungsort betreten.
Obwohl ich viel zu früh dran war, hatten sich schon mehrere Reihen von schwatzenden Mädchen vor der Bühne platziert. Die Banner standen noch immer dort, die Leinwand hing ebenfalls bereits da. Dieses Mal fiel mir auch sofort der Projektor auf, der die Bilder live aus unserer Hauptstadt übertragen würde. Hoffentlich klappte das mit der Technik, es gab häufiger Störungen des Netzwerkes, weshalb wir recht selten Live-Sendungen aus den anderen Königreichen empfingen.
Ich hätte mir auch zu gerne die weiteren Verkündungen angeschaut, aber die waren bloß innerhalb der jeweiligen Grenzen ausgestrahlt worden. Die restlichen Thronfolger sowie die gezogenen Kandidatinnen sollten wohl eine Überraschung für die anderen Reiche werden. Der erste Schritt, um Spannung aufzubauen.
Diese hatte sich wegen der Ziehung auch in mir breitgemacht, schlug jedoch mit jeder Minute mehr in Nervosität um. Die Wartezeit überbrückte ich dieses Mal nicht damit, den Gesprächen anderer zu lauschen. Stattdessen ließ ich den Blick über die Kleidung der Bewerberinnen schweifen. Viele hatten Kleider angezogen, manchmal sah ich auch den ein oder anderen viel zu kurzen Rock. Überall glitzerten Pailletten, Stoff fiel wasserfallartig oder rüschte sich. Außerdem waren viele Ausschnitte zu tief und mit glänzenden Ketten behängt.
Ich fühlte mich wieder einmal wie eine Außenseiterin mit meinem langen weißen Rock und dem in unterschiedlichen Blauschattierungen leuchtenden, eher züchtigen Top. Das einzige Schmuckstück, das ich trug, war eine dünne Silberkette mit einem Diamantanhänger, die ich von meiner Großmutter geerbt hatte.
Manche der Mädchen sahen mich gerade wegen meiner unspektakulären Erscheinung an. Da ich wie immer aus der Reihe fiel, waren ihre Blicke abschätzig, bevor sie dazu übergingen, mich zu ignorieren.
Als der Bürgermeister endlich das Podium betrat, verspürte ich nicht nur Erleichterung. Mir war auch ein wenig übel. Ich versuchte, mich auf die Worte des Mannes zu konzentrieren, um das unangenehme Gefühl auszublenden.
»Meine sehr geehrten jungen Damen, ich begrüße Sie recht herzlich an diesem schönen Tag«, fing er an, wobei seine Stimme ein wenig zitterte. »Die Übertragung wird gleich beginnen. Viel Glück Ihnen allen.«
Wir klatschten, während er sich an den Rand der Bühne zurückzog, um nicht im Bild zu stehen. Es dauerte keine Minute, bis dieses auf der Leinwand erschien. Ich erkannte den Marktplatz unserer Hauptstadt Thuringia – benannt nach dem alten Bundesland Thüringen – und sah auch die riesige Menge vor der Bühne. Dort standen bestimmt fünfmal so viele Mädchen wie bei uns. Wahrscheinlich würde es also wieder auf eine Hauptstadt-Kandidatin hinauslaufen ...
Als Prinz Stephan mit dem Mikrofon auf das Podium trat, musste ich trocken schlucken. Er sah so perfekt aus wie bei jedem seiner bisherigen Auftritte. Die grauen Wolken, die über Thuringia hingen, konnten seinem Strahlen nichts anhaben. Wie sehr wünschte ich mir, ich könnte auch so positiv sein wie er!
»Liebe Bürger, liebe Mädchen des Bezirks C«, begann er und ließ seinen Blick über die Menge vor ihm schweifen, bevor er in die Kamera sah. »Dies ist der Tag, auf den viele von euch lange gewartet haben. Das Leben einer von euch wird sich heute verändern. Und ich bin sehr froh, dass ich derjenige sein darf, der diese frohe Nachricht verkündet.«
Sowohl aus den Lautsprechern als auch um mich herum brandete Jubel auf. Ich klatschte ebenfalls, jedoch verhalten, weil mich die Nervosität zu lähmen drohte.
»Wir wollen nun keine Zeit mehr verlieren«, fuhr der Thronfolger fort. »Ich kann es ja nicht riskieren, dass eine von euch wegen der Spannung umkippt.«
Sein Zwinkern, auch wenn es nicht in das Aufnahmegerät gerichtet war, ließ mein Herz höherschlagen. Sollte ich nicht gezogen werden, würde ich dieses nie in Realität zu Gesicht bekommen. Stattdessen müsste ich im Fernsehen dabei zuschauen, wie er es einer anderen schenkte ...
Prinz Stephan trat an die Kristallschale, in der bestimmt tausend winzig zusammengefaltete Zettel mit den Namen der Bewerberinnen ruhten. Er tauchte seine freie Hand tief hinein, wühlte ein wenig darin herum, hielt einen Moment inne und holte schließlich einen an die Oberfläche. Dieses Stück Papier entschied über mein Schicksal.
»Ich halte nun den Namen derjenigen in der Hand, die in wenigen Tagen zur Reise in den Palast der Einheit aufbrechen wird.« Prinz Stephan hob den Zettel hoch. »Sie wird nicht nur mich, sondern vier weitere Prinzen kennenlernen und so die Möglichkeit erhalten, die wahre Liebe zu finden. Genauso wird sie ihrem Volk dabei helfen, die Beziehungen zwischen den Reichen zu vertiefen.«
Er nahm das Stück Papier in die gleiche Hand wie das Mikrofon und faltete es mit der anderen auf. Die Sekunden zogen sich hin, sein Mund öffnete sich, um den Namen der Glücklichen zu verkünden. Ich konnte nicht atmen, hatte das Gefühl, gleich zusammenzubrechen. Und wieso lief auf einmal alles in Zeitlupe ab?
»Die Kandidatin des Bezirks C des Zentralreiches heißt«, er guckte in die Kamera, »Jillian Haas.«
Mir schien der Boden unter den Füßen wegzubrechen. Wie erstarrt guckte ich auf die Leinwand, wo Prinz Stephan zu sehen war, wie er sich fragend umschaute. Als nach mehreren Sekunden immer noch Stille herrschte, wanderte sein Blick zurück zur Kamera.
»Jillian, wo auch immer du dich gerade aufhältst, ich freue mich schon sehr darauf, dich kennenzulernen«, sagte er. »Herzlichen Glückwunsch!«
Ich war noch immer zur Salzsäule erstarrt, bemerkte jedoch, wie die Mädchen vor mir zurückzuweichen begannen. Einige schienen zu wissen, wer ich war. Dass es mein Name war, den der Thronfolger gerade genannt hatte. Irgendwann lag auch der Blick des Bürgermeisters, der plötzlich wieder in der Bühnenmitte stand, auf mir.
»Offenbar haben wir hier die glückliche Gewinnerin«, stellte er fest und wischte sich über die Stirn. »Komm doch zu uns nach oben.«
Aber ich konnte nicht. Ich spürte die Feindseligkeit um mich herum, sie schien mich zurückzuhalten. Wenn ich jetzt dort hochging, würde man mich so verächtlich ansehen wie nie zuvor.
»Du bist doch Jillian Haas, oder nicht?«, erkundigte sich Bürgermeister Berger, der eigentlich genau wissen müsste, wer ich war. Ich war mit seiner Tochter Becky in derselben Klasse gewesen, wir hatten erst kürzlich zusammen unseren Abschluss gemacht.
Je länger ich nicht reagierte, desto unangenehmer schien ihm die Situation zu werden. Er wischte sich erneut über die glänzende Stirn.
Sollte er erst einmal in meiner Haut stecken.
Schließlich schaffte ich es, zu nicken, woraufhin er mir einen hektischen Wink gab. »Dann komm doch bitte zu mir auf die Bühne. Wir wollen dein Gesicht für die Prinzen ganz genau einfangen.«
Als er die Thronfolger erwähnte, stieg auf einmal Entschlossenheit in mir auf. Ich war gezogen worden. Prinz Stephan hatte meinen Namen unter vielen Hunderten aus dieser Kristallschale gefischt. Ausgerechnet meinen! Das musste einfach Schicksal sein. Und niemand würde mich davon abhalten können, diese Chance zu nutzen.
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