Gespannt verfolgte ich die Berichte, die über die Reise von Prinz Stephan gesendet wurden. Zum Glück ging das von unserer Wohnung aus, da heutzutage jeder Haushalt mit einem speziellen Fernsehgerät ausgestattet worden war, das neben dem königlichen Sender nur zwei weitere Programme empfangen konnte: Nachrichten und Dokumentationen. Damit konnte man natürlich keine ganzen Tage füllen, darum war der Apparat oft nur Zierde. Aber in den nächsten Wochen würde sich das dank des Connectings wohl schnell ändern.
Die ersten Berichte über unseren Thronfolger waren noch ziemlich unspektakulär, man sah ihn meistens auf den Marktplätzen, wo er Ansprachen hielt oder ein paar Worte mit dem jeweiligen Bürgermeister wechselte. Manchmal wurde auch sein Zug durch die Stadt gezeigt, wo ihn die Menschen bejubelten. Ich war gespannt, ob er auch zu uns kam. Bis ich das erfahren würde, mussten allerdings noch einige Tage vergehen. Schließlich war unser Bezirk erst der dritte, wenn man von Norden nach Süden durchs Zentralreich reiste.
Auf den Bericht aus Kopenhagen, der Hauptstadt von Bezirk A, war ich besonders neugierig. Dort fand die erste Ziehung statt. Man sah den Mädchen auf dem Marktplatz die Nervosität an, wobei es ja noch nicht einmal sicher war, ob die Kandidatin des Bezirks wirklich in der Menge gefunden werden würde – obwohl die Chance natürlich groß war, denn in den Hauptstädten waren vermutlich die meisten Bewerbungen eingegangen.
Darum wunderte es mich nicht, als ein Kreischen erklang, kaum dass Prinz Stephan einen Zettel aus der Kristallschale gezogen und den Namen darauf vorgelesen hatte. Ein Mädchen mit rotblonden Locken bahnte sich seinen Weg durch die Menge und wurde schließlich vom Thronfolger auf der Bühne in Empfang genommen.
Liva – so hieß sie – wirkte regelrecht überwältigt, als Prinz Stephan ihre Hand nahm und gen Himmel streckte. Man hörte Jubel, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Schließlich hatte Liva all diesen anderen Mädchen gerade die Chance auf ein Kennenlernen mit den Prinzen genommen. Offenbar gönnten manche Menschen anderen doch noch Erfolge – auch wenn meine Erfahrung etwas anderes sagte.
Im Bezirk B lief es zu Beginn ähnlich ab. Auch dort fand man die Kandidatin direkt in der Menge. Sie war ein wenig pummelig, hatte dazu kurze Haare. Prinz Stephan begrüßte Jessica genauso herzlich im Wettbewerb wie Liva – im Gegensatz zum Publikum, das eher verhalten reagierte. Anscheinend war das rothaarige Mädchen aus Kopenhagen eine lokale Berühmtheit oder Ähnliches.
Stephan schien das allerdings nicht zu kümmern, da er beide Kandidatinnen gleich behandelte. Das Connecting mochte ja eine Art Brautschau sein, aber Äußerlichkeiten spielten dabei keine so große Rolle, wie man es für eine Fernsehshow erwartet hätte. Hier hatte jeder die gleiche Chance. Und vielleicht bekam ich meine in wenigen Tagen.
Doch zuvor würde der Thronfolger des Zentralreiches auch bei uns Halt machen, wie ich schließlich aus dem Radio erfuhr. Zwei Tage danach sollte die Ziehung unseres Bezirks stattfinden. Und dann würde ich endlich wissen, ob ich meine Träume begraben und stattdessen meine Ziele weiterverfolgen musste.

Ich stand am Fenster meines Zimmers im zweiten Stock, um vielleicht einen Blick auf den Prinzen zu erhaschen. Wir wohnten nicht weit vom Marktplatz entfernt, die Chance, dass er unsere Straße durchquerte, stand nicht schlecht. Wobei jede der Zugangsstraßen blockiert war, jeder einzelne Bewohner schien heute hinausgekommen zu sein. Nur ich blieb lieber drinnen. Die Stadtversammlungen ließ ich über mich ergehen, weil ich wusste, dass es kein Drängen und Schubsen gab. Dort passierte schließlich nie etwas Aufregendes – von der Verkündung mal abgesehen.
»Ganz schön laut da draußen«, stellte meine Mutter fest, die schräg hinter mir stand. »Ich frage mich, was es für einen Tumult geben wird, wenn der Prinz erst mal auftaucht.«
»Die Leute rennen sich über den Haufen«, murmelte ich und ließ meinen Blick über die überfüllte Straße schweifen.
»Gut, dass du hierbleibst. Ich hätte wirklich Angst um dich da unten.« Meine Mama legte mir eine Hand auf die Schulter und streckte ihren Kopf ebenfalls aus dem Fenster. »Wobei es bei der Ziehung bestimmt auch nicht viel anders zugehen wird.«
Ich spannte automatisch meine Schultern an. Sie hatte recht. Bei der Übertragung der Ziehung auf dem Marktplatz würde ich mich in die Masse stellen müssen. Schließlich wurde die ausgewählte Kandidatin sofort mit einer Kamera eingefangen. Also würde ich meinen inneren Schweinehund überwinden müssen.
»Übrigens denke ich, dass du gute Chancen hast.«
Erstaunt drehte ich mich zu meiner Mutter um. Aus vielen tausend Mädchen gezogen zu werden, würde ich nicht gerade als gute Chance bezeichnen.
»Ich meine, den Prinzen zu sehen«, erklärte sie lächelnd, als sie meinen überraschten Gesichtsausdruck bemerkte. »Der Weg vom E-Bahn-Halt zum Marktplatz führt direkt durch unsere Straße.«
»Hoffentlich gehen sie auch den direkten Weg.« Ich spähte über die wartenden Menschen hinweg zum Anfang der Straße, den ich jedoch von meiner Position aus nur vage erkennen konnte. Ich wünschte mir fast, ich könnte auch die E-Bahn-Station sehen, aber die war zu weit weg. Die Ankunft des Gefährts würde ich auch nicht hören können, denn im Gegensatz zu den Bahnen von früher fuhren die elektrischen heutzutage beinahe lautlos. Die Solarzellen, die überall angebracht waren, sorgten dafür, dass sie sich auf den Schienen bewegten. Strom war unerlässlich in unserer Gesellschaft, da alle anderen Ressourcen entweder aufgebraucht oder verboten waren. Zu viel Schaden war vor allem durch die Atomkraft angerichtet worden.
Als in der Ferne tosender Jubel aufbrandete, begann Aufregung in mir hochzusteigen. »Er ist angekommen, oder?«
»Ja, ich glaube schon.« Meine Mutter tätschelte mir noch einmal die Schulter, dann ließ sie mich alleine.
In meinem Kopf wirbelten die Gedanken nur so umher. Ich malte mir aus, welche Wege von der E-Bahn-Station bis zum Marktplatz führten. Es waren nicht viele. Und unsere Straße war eine der breiteren, also vielleicht entschieden sie sich wirklich dafür. Nur wie sollten sie sich einen Weg durch die Menge bahnen?
Einige Minuten später bekam ich eine Antwort. Um die Kurve am Anfang der Straße bogen bewaffnete Männer, die ein Rechteck bildeten. In dessen Mitte machte ich kurz darauf einen Rollwagen aus, der mit Sicherheit auch elektrisch betrieben wurde. Er besaß eine Art Plattform in erhöhter Position. An deren Rand hatten sich weitere Soldaten positioniert. Und mittendrin erspähte ich noch eine Person – die zu winken schien.
Es sah ähnlich aus wie bei den Aufzeichnungen, die ich bis jetzt im Fernsehen verfolgt hatte. Nur passierte das hier direkt vor meiner Nase.
Mein Herz pochte immer stärker, je näher der Tross kam. Ich erkannte die typischen Uniformen der Soldaten des Zentralreiches, die in der gleichen dunkelroten Farbe leuchteten wie unser Banner. Die Männer sorgten dafür, dass niemand zu nah an den Wagen, der nicht einmal in Schrittgeschwindigkeit fahren konnte, herantrat. Ich wusste, wie uneben der Weg war, also holperte es bestimmt ganz schön stark. Umso verwunderlicher war, dass der Thronfolger scheinbar mühelos dort oben stehen blieb. Er drehte sich in verschiedene Richtungen und winkte den Leuten zu, die seinen Namen riefen, klatschten oder kreischten.
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