»Ich nahm sie mit in mein Hotel«, fuhr Elektra fort. »Am Ende war es reiner Egoismus. Da gab es jemanden, dem es noch schlechter ging als mir. Und merkwürdig war, ihr zu helfen, sie wie ein kleines Mädchen im Arm zu halten, lenkte mich nicht nur von all meinen Problemen ab, es gab mir sogar Kraft. Es war irgendwie unwirklich.
Verstehst du das? Entschuldigung, verstehen Sie das, Silvana?«
Silvana lächelte. Aber nicht der Frage wegen, sondern weil ihr das Du dieser Frau beinahe vertrauter erschien als dieses fremde Sie.
»Sagen Sie ruhig Du.«
»Ja … Gern. Aber nur, wenn du es auch tust.«
Oh nein! Silvana spürte, wie sie innerlich kurz zuckte.
Aber warum eigentlich?
Offensichtlich gab es hier kein Oben und Unten, auch gab es kein Ablehnen mehr. Doch der erste Eindruck, vor Wochen geprägt, saß tief. Und das alles hier ging auch viel zu schnell. Menschen sind normalerweise nicht so. Obwohl … in ihrer Nähe war es oft anders. Also …
»Gut. Ich versuche es, Elektra.«
»Das freut mich. Und … da wäre noch etwas …« Verschämt ließ Elektra den Blick fallen. »Könntest du mich jetzt einmal … ganz kurz nur … in den Arm nehmen?«
Hastig zuckte Silvana äußerlich zurück, etwas, das Elektra nicht verborgen blieb. Doch verstand sie es falsch. Sie konnte ja nicht wissen, dass Silvana es schon längst gern getan hätte, doch hatte sie nicht gewusst … Und im Moment hatte sie die Frage nur überrascht.
»Nein, bitte, vergiss es wieder«, sagte Elektra. »Oh mein Gott, das könntest du jetzt tatsächlich falsch verstehen … Nein, es tut mir leid. Lassen wir das. Manchmal bin ich ziemlich unbeholfen, auch wenn viele das nicht wissen oder gar sehen. Entschuldige. Und …«
Weiter kam sie nicht mit ihrer stotternden Erklärung, die durchweg sinnlos war. Im nächsten Moment lag sie in Silvanas Umarmung. Und sie begann bitterlich zu weinen.
*
Ein paar Minuten später, nachdem sich Elektra wieder halbwegs beruhigt hatte, gingen sie weiter und saßen bald schon in einem Café.
Und Elektra fuhr dann mit all dem, was ihr heute noch auf der Seele brannte, fort: »Gern würde ich dir noch von Bella erzählen.
Ich weiß nicht warum, aber merkwürdigerweise fällt es mir nicht schwer, dir all das zu erzählen.
Über Rafi, über unsere Liebe, die gänzlich anders war, als viele Menschen auch heute noch glauben zu wissen, möchte ich jetzt nicht sprechen. Eines nur: Er war ein wundervoller Mann, völlig anders, als man ihn in der Presse oder gar im Internet dargestellt hat und es noch immer tut. Wie er wirklich war, hat nicht einmal seine engste Familie gewusst.«
Elektra trank einen Schluck Kaffee und erzählte dann weiter, von der ersten Nacht, als Bella in ihrem Arm gelegen und bitterlich über den Verlust ihrer Liebe, Gabrielle, eine junge Frau aus L. A., geweint hatte. Dass sie von einer lesbischen Liebe gesprochen hatte, hatte Elektra erst Stunden später begriffen.
»Ich war unsagbar naiv, was das betraf. Aber vielleicht war auch tief in mir etwas, das die Liebe zwischen zwei Frauen als völlig normal ansah und nur darauf gewartet hatte, endlich geweckt zu werden.
Und das tat Bella, durch Worte, durch Gesten und durch ihre unverkrampfte Offenheit. Aber nicht gleich.
Wirklich ernst wurde es erst zwei Wochen später. Bella hatte gespürt, dass es da in mir etwas gab … Sie hatte es einfach gefühlt, wie sie mir später erzählte.
Alles hatte mit einem Streicheln begonnen. Ihre Hände … es war wunderbar, sie zu spüren.«
Die Liebe zu Bella tat ihr gut, erschreckte sie aber auch. Sie begehrte eine Frau. Das war anfänglich, trotz dieser rasch verspürten Normalität, unsäglich befremdlich, dennoch schön, sehr schön … beinahe zu schön.
Und so war das gekommen, was kommen musste: »Nach weiteren zwei Wochen trennte ich mich von Bella. Obwohl … ich trennte mich nicht, ich rannte davon. Wieder einmal. Doch dieses Mal wusste ich, ich konnte nicht entkommen. Ich wusste, wenn ich überleben wollte, musste ich zurückkehren.
Findest du das übertrieben? Meine Worte? Meine Gedanken? … Mein Entzücken?«
Silvana lächelte, und sie schüttelte den Kopf. Liebe ist ein Wunder und wer findet für Wunder schon die passenden Worte. Und sie schwieg nur und hörte weiter zu.
»Und im Moment, als ich endlich wusste, dass ich zurückwollte, zu Bella zurückmusste, da geschah es. Es war auf dem Geburtstagsempfang eines Schauspielers, der Name ist so unwichtig wie dessen Schauspielkunst.
Ich weiß es noch wie heute, es war dort sterbenslangweilig. Ich wollte gerade gehen, zu Bella, ich wusste, ihre Schicht würde gleich enden, ich wollte ihr endlich … da lief mir Rafi über den Weg. Rafi, der Mann meines Lebens.
Eigentlich wollte ich nichts von ihm. Aber da war etwas … er war so ganz anders. Dennoch …
Noch in derselben Nacht hatte ich wieder mit Bella das Bett geteilt. Und obwohl ich Rafi bald schon heiratete, mit ihm und bei ihm lebte, gab es immer wieder auch Bella. Rafi wusste es.
Es war für uns drei eine schöne Zeit, aber wie gesagt, davon vielleicht irgendwann einmal mehr.«
Mit dem Tod ihres Mannes hatte sich dann alles geändert. Bella war mehr und mehr zum Mittelpunkt ihres Lebens geworden. Auch hatte Elektra aus Kolumbien weggewollt. »Ich wollte endlich ›richtig‹ mit Bella zusammen sein. Das wäre auf Perdida nie gegangen.«
Aber dann war es geschehen. »Letztes Jahr. Es war der zweite Oktober. Ein Samstag. Ich werde es nie vergessen. Es war … es war schrecklich.«
43 – Elektra hielt es nicht …
… mehr aus. Sie sprang auf. »Bitte, Silvana, lass uns noch ein paar Schritte gehen. Ich kann hier nicht mehr sitzen.«
Silvana nickte und war ebenfalls gleich auf den Beinen. Sekunden später waren sie zurück auf der Straße. Dunkel und leer war es in der Stadt geworden.
»Wollen wir zum Hafen? Vielleicht noch eine Kleinigkeit essen?«
Wieder nickte Silvana nur.
»Oder möchtest du nicht doch lieber gehen?«
Nein, bestimmt nicht, dachte Silvana. Sie fühlte in der Zwischenzeit eine merkwürdige Verantwortung für diese Frau, die vielleicht das erste Mal in ihrem Leben so offen über sich sprach. Und als Antwort hakte sie sich bei Elektra ein. Merkwürdig, wie leicht mir all das fällt.
Und schweigend gingen sie los.
Lange hallte nur das Klackern ihrer Absätze von den Wänden der Häuser wider. Ein junges Pärchen huschte an ihnen vorbei und verschwand küssend und beglückt in einer dunklen Seitengasse. Irgendwo bellte ein Hund und weit vor ihnen fuhr ein Auto hupend los.
Bald schon saßen sie dann in einem Bistro am Hafen und aßen Fingerfoods. Und Elektra erzählte schließlich weiter. Vom zweiten Oktober.
»Bella war einen Tag in L. A. gewesen. Irgendwas erledigen, hatte sie gesagt. ›Nichts Wichtiges‹, wie sie schwor, was nicht wirklich richtig, aber auch nicht falsch war.
Als sie wieder zurück war, ich hatte sie vom Flughafen abgeholt, da war sie völlig verändert. Sie schien innerlich tot zu sein. Und wie sich dann sogleich herausstellte, schien es nicht nur so. Ich hatte furchtbare Angst um sie.«
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