Diese Gewissheit traf mich damals beinahe wie … wie ein Todesstoß. Ja, wie ein Todesstoß.
Das mag übertrieben klingen, dennoch war es so: Ein Todesstoß … der auch tatsächlich etwas in mir beendete.«
Abermals brach Elektra ab, schloss die Augen und öffnete sie Sekunden später wieder. Und noch immer ruhte ihr Blick in der Vergangenheit. »Raymond hatte eine Frau an seiner Seite, die seine Familie gänzlich ablehnte, das wusste ich. Niemand musste mir das sagen. Ich kenne seine Familie zur Genüge.
Melissa Scholz. Er muss sie wirklich sehr geliebt haben«, sagte sie, wobei sie den Namen … Melissa Scholz … kaum vernehmbar auf der Zunge zergehen ließ.
Abrupt drehte sie den Kopf und richtete ihren Blick erneut, klar und fragend, auf Silvana. »Sein Vater war bestimmt der Einzige, der nicht über ihn und auch nicht über beide herfiel, als Raymond seine Melissa in die Familie einführte, denke ich mal. Aber der … Hat Raymond Ihnen je von ihm erzählt?«
Silvana schrak zusammen, sie hatte nicht mit einer Frage gerechnet, sie war mit ihren Gedanken gerade an einem ganz anderen Punkt. Sie hatte versucht, sich vorzustellen, welch Tortur all das für die Frau hier vor ihr wohl gewesen sein musste. Jahrelang vor sich selbst weglaufen, ein schlechtes Gewissen haben und dann auch noch die letzte Verbindung zu einem Leben, zu einer Liebe verlieren, die ihr offensichtlich einmal sehr kostbar gewesen war. Das muss schrecklich gewesen sein.
»Nein«, sagte Silvan schließlich mit verwirrter Stimme, räusperte sich und fuhr fort: »Er hat noch nie von ihm, von seinem Vater erzählt. Auch Mel … Melissa hat mir nie etwas … doch, halt, einmal, am Telefon … von dem Unfall.«
»Aber Sie haben ihn doch kennengelernt? Auf der Hochzeit?«
Silvana zucke die Achseln. »Ich habe ihn gesehen. Aber kein Wort mit ihm gewechselt. Obwohl … wenn ich es recht bedenke … mehr als einmal hat er mich an den zwei Tagen, die ich dort war, beobachtend angesehen. Beinahe so, als wollte er nicht glauben, dass es mich gibt. Wer weiß, was Mel ihm von mir erzählt hat. Aber am Ende irre ich mich vielleicht auch.
Es ist zu lange her. Doch weiß ich ziemlich sicher, wir haben kein Wort … Nein … bestimmt nicht.«
»Das ist schade. Neben Raymond war er der einzig wirkliche Mensch in der Familie. Aber lassen Sie sich von ihm mehr erzählen. Es lohnt sich.«
Elektra wendete sich ab und ihr Blick verlor sich wieder irgendwo weit entfernt.
Und sie fuhr fort. Doch ihre Stimme hatte sich verändert, hörte sich jetzt gequält an. »Zwei, drei Monate nach der Hochzeit war ich zu einer Gala nach L. A. eingeladen worden. Gern hatte ich diese Einladung angenommen, zumal ich wusste, Henri-Severin, Raymonds Bruder, würde auch auf dieser Gala zu finden sein. Was auch stimmte.
Ich hoffte, er würde meine Traurigkeit … Ja, es gab da tatsächlich eine tiefe Traurigkeit, die Raymonds Heirat in mir ausgelöst hatte.
Jedenfalls hoffte ich, er würde nachempfinden können, was in mir vor sich ging, zumal er ja auch irgendwie anders gewesen war. In all seinen Lebensentscheidungen. Ich ersehnte am Ende sogar ein wenig familiäre Absolution. Ja, all das erhoffte ich tatsächlich.
Doch es kam ganz anders.
Eingangs schien es, als würde Henri-Severin mich verstehen. Er machte mir Mut, stellte Raymond dann aber bald schon als einen Versager hin, den ich fünf Jahre später sowieso verlassen hätte. ›Dann hättest du vielleicht die schönsten Jahre deines Lebens verschenkt‹, hatte er gesagt. Seine Worte waren schrecklich und furchtbar deprimierend, denn nun wusste ich, er hatte mich nicht verstanden. Gar nichts hatte er verstanden.«
Wieder stockte Elektra und presste schließlich die Lippen fest zusammen, so, als wollte sie sich verbieten, die nächsten Worte auszusprechen.
»Doch dann tat ich etwas«, fuhr sie endlich undeutlich flüsternd fort, »das ich glaubte, tun zu müssen, obwohl ich mich dafür vom ersten Moment an gehasst hatte … und auch heute noch schäme.
Viel weniger als Raymonds Andenken wollte ich Henri-Severins Zuspruch und Nähe in diesem Moment verlieren. Ich … ich fühlte mich so unsagbar allein und … einsam. Und er war da. Auch wenn er mich weniger und weniger verstand. Er war aber immer noch so eine Art Brücke zu Raymond. Und bald schon nickte ich nur noch zu all den Bösartigkeiten, die Henri-Severin über seinen Bruder, über seine Familie mit Ausnahme seines Vaters verlor.
Ich spürte, sollte ich ihm widersprechen, würde ich nicht nur seinen Zuspruch, den ich bitter nötig hatte, auch würde ich diese Brücke und am Ende sogar mich selbst verlieren.
Vielleicht klingt das jetzt irgendwie geschwollen, hochtrabend, gar pathetisch, aber so fühlte ich mich damals. Ich war dabei, mich zu verlieren. Und … ich hatte Angst vor der Konsequenz.« Wieder brach Elektra ab. Die Konsequenz, wie sie damals auch immer ausgesehen haben mag, hätte wohl erschreckende Ausmaße gehabt.
Silvana schloss die Augen. Von Frau zu Frau , hallte ihr plötzlich durch den Kopf.
Hatte sie so etwas erwartet? Nein, sicher nicht. Das, was hier vor sich ging, war viel mehr – es war ungeahnt erschreckend.
Und es sollte noch schlimmer kommen.
Nun gänzlich in sich versunken, fuhr Elektra fort: »Das Zusammensein mit Henri-Severin gab mir dennoch auch ein kleinwenig das Gefühl der Sicherheit. Bitterböse erkauft.
Aber dann, beim fünften Treffen, geschah das Entsetzliche … Ich verlor alles.
Zum ersten Mal war ich mit Henri-Severin in sein Appartement gegangen. Wir hatten uns vorher immer irgendwo zum Essen getroffen und dann dort noch lange miteinander gequatscht. Man konnte tatsächlich gut mit ihm quatschen, wenn es nicht um seine Familie ging.
Aber an diesem Abend, ich weiß es noch genau, da wollte ich mehr. Und ich spürte, auch Henri wollte mehr.«
Während sie sich völlig unbedarft in seiner Wohnung umgesehen hatte, spürbar enttäuscht von der Lieblosigkeit, die all die Dinge innehatten, die offensichtlich sein wahres Leben ausgemacht hatten, war er unversehens über sie hergefallen. »Ich wollte ihm noch sagen und zeigen, dass ich es auch wollte, aber es interessierte ihn nicht. Er wollte auch nicht mich , er wollte meinen Körper, schlimmer noch, er wollte meinen Schmerz.«
Wie ein Tier war er über sie gekommen. Böse, brutal und überstark. Sie hatte sich gewehrt, anfänglich, wollte dann nur noch rasch weg. »Aber das machte ihn noch mehr an. Er war einfach zu kräftig.« Ihr Widerstand war dann auch bald gebrochen. Am Ende hatte sie sogar geglaubt, sie hätte es verdient – diese »Strafe«.
Er hatte sie genommen, brutal, immer wieder und nur anal.
»›Ganz sicher hat dieser Schwächling sich nie getraut, dich so zu ficken, stimmt’s? Sag, dass es stimmt ‹ , hatte er wieder und wieder gebrüllt.« Worte, die Elektra heute kaum wagte zu wiederholen. Sie tat es aber, denn all diese Worte wollten endlich gesprochen und gehört werden.
»Auch schlug er mich dabei. Ich blutete. Im Gesicht. Unten. Überall. Es hat ihn nicht interessiert. Mir war es schließlich auch bald egal gewesen.«
Elektra stockte, und sie zitterte. Die Hände hatte sie in der Zwischenzeit unter ihren Oberschenkeln vergraben und ihr Oberkörper wippte vor und zurück, immer wieder vor und zurück. Und sie wagte nicht, Silvana anzusehen. Auch heute noch schien sie sich dafür zu schämen. Ihr war Leid angetan worden und sie schämte sich dafür. Was für eine grauenvolle und schrecklich verirrte Selbstverachtung.
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