Sie saßen jetzt beide auf der Couch, nur eine Handbreit voneinander entfernt, Silvana war vor Augenblicken von ihrem Sessel aufgesprungen und zu ihr geeilt, dennoch wusste sie nicht, was sie tun sollte. Eine ungeheuer schändliche Welt in Elektras Erinnerungen wollte jetzt vielleicht keine menschliche Nähe spüren, war sie doch durch die Nähe zu einem Menschen verursacht worden – sie wollte wohl nur ausgesprochen und vernommen werden.
Leise fuhr Elektra schließlich fort: »Ich hatte die ganze Zeit nur gebetet. Nicht um mein Leben, nein, … ›Lieber Gott, lass mich sterben. Jetzt, sofort‹, war mein Gebet gewesen.
Aber ich war nicht gestorben.«
Wieder stockte Elektra und schüttelte den Kopf. Nein, ich war nicht gestorben, schien sie sich zu sagen. Auch hatte es den Anschein, als hätte sie den tiefsten und dunkelsten Grund ihrer Beichte erreicht, denn mit veränderter, beinahe kraftvoller Stimme fuhr sie fort: »Nachdem er mich ein letztes Mal genommen, bestraft hatte, in der Zwischenzeit war es Morgen geworden, warf er mich aus seinem Appartement. ›Solltest du zur Polizei gehen, werde ich alles abstreiten‹, hatte er gesagt. ›Ich habe Freunde, einflussreiche Freunde, die beschwören werden, dass ich letzte Nacht gar nicht in L. A. war.‹
Wie lächerlich er war. Er hatte wirklich geglaubt, im Zweifelsfall damit durchkommen zu können.« Elektra schüttelte den Kopf. »Aber ich hatte nicht vor, zur Polizei zu gehen. Auch sah ich ihn nie wieder.
Doch schlimm ist, ab und an taucht er in einem schrecklichen Traum wieder auf. Ich werde ihn einfach nicht los.«
Vielleicht ja doch. Jetzt! Weil es endlich einmal ausgesprochen ist, dachte Silvana und wünschte es ihr von ganzem Herzen.
Als Elektra dann Monate später von seinem tödlichen Unfall erfahren hatte, hatte sie nichts empfunden. Weder Genugtuung noch Trauer.
»Um Raymonds Vater tut es mir heute noch sehr leid«, sagte Elektra mit wehmütiger Stimme, stand auf und ging zum Fenster. Sie blickte hinaus, die untergehende Sonne konnte sie nicht sehen, dennoch schien die Gewissheit sie innerlich zu beruhigen, auch dieser Tag würde nun bald seine Vollendung finden, wie jeder andere auch.
Schließlich drehte sie sich um und sah Silvana ängstlich an, wobei es eine andere Angst als noch vor Minuten war. Es war die Angst, sich offenbart und verwundbar gemacht zu haben, es war die Angst, für all das Gesagte ausgelacht oder gar weggeworfen werden zu können, es war die Angst vor dem Urteil eines fremden Menschen, dem Urteil, das bewerten, nein, mehr noch, sie hatte Angst vor dem Urteil, das sie abwerten könnte. Als Mensch.
Und schnell sagte sie: »Möchten Sie nicht lieber gehen, Silvana? Ich würde es Ihnen nicht verübeln.«
Was für eine Frage. Nach einer solchen Beichte. Aber vielleicht die einzig legitime Frage einer nackten Seele.
Silvana schüttelte den Kopf. Natürlich würde sie jetzt nicht gehen. Auch vernahm sie mehr und mehr einen bitteren Schmerz, ausgelöst durch all die schrecklichen Erlebnisse dieser Frau, der ihr direkt in die Seele drang. Von Frau zu Frau, nein, von Seele zu Seele schien jetzt angebrachter. Vor Minuten noch gänzlich unvorstellbar.
Obwohl Silvana nicht gehen wollte, auch nicht gehen konnte, wusste sie nicht, was sie tun sollte. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und hätte die junge Frau, die noch immer verzagt, ängstlich und mit hängenden Schultern am Fenster stand, in den Arm genommen. Aber das schien ihr dann doch unangemessen.
Stattdessen sagte sie, auch weil sie spürte, dass Elektra mit all dem, was in ihr rumorte, wohl noch nicht gänzlich am Ende angelangt war: »Wollen wir nicht rausgehen, ein wenig durch die Stadt laufen und dann irgendwo einen Kaffee trinken? Im Laufen erzählt sich vieles sehr viel leichter. Zumindest ist das bei mir so.«
Elektra sah Silvana lange und aus tiefer Seele an, schüttelte nachdenklich den Kopf und hatte plötzlich Tränen in den Augen. Schließlich sagte sie: »Wer sind Sie, Silvana? Ein Engel?«
Silvana stand auf und lachte verlegen, eine Träne drückte augenblicklich und eine merkwürdige Frage huschte ihr dabei durch den Kopf. Sind Engel Heilige? Oder Heilige Engel?
Doch wusste sie, dass sie weder das eine noch das andere war. Gleichwohl fragte sie sich wieder einmal, wer sie eigentlich wirklich war. Und fand erneut keine Antwort.
*
Minuten später waren sie Teil der frühabendlichen Stadt. Menschen, die an ihnen vorbeigingen, hielten sie sicher für zwei Fremde, die nur zufällig den gleichen Weg hatten. Elektra irrte innerlich durch ihre dunkle Vergangenheit, öffnete hier und dort eine Tür, schloss sie wieder, bis sie schließlich die Tür fand, nach der sie wohl gesucht hatte. Silvana war sprachlos und wagte kaum über das Gehörte nachzudenken.
Nachdem sie so eine Weile stumm durch enge Gassen gelaufen waren, fanden sie bald schon wieder … fanden ihre Seelen wieder zueinander und Elektra erzählte schließlich weiter.
In den nächsten fünf Tage nach diesem »Zwischenfall« – sie sprach tatsächlich selbst von Zwischenfall! , genauso wie sie vorher in ruhigem Ton von Strafe gesprochen hatte – hatte sie sich in einem einfachen Hotel verkrochen.
»Ich begann zu ordnen. Meine Gedanken. Mein Leben. Nie wieder wollte ich einen Mann an mich heranlassen. Merkwürdigerweise war das ein Gedanke, der mir leichtfiel. Und auch unsagbar guttat.«
Und diesen Gedanken musste Gott wohl als Gebet erhört haben, denn einen Tag bevor sie zurückwollte – über New York nach Europa, wohin genau, hatte sie nicht gewusst, vielleicht zu Freunden nach Mailand –, war ihr Bella über den Weg gelaufen.
»Bella war Bedienung in einem Café. Ihre Augen waren zum Überlaufen angefüllt mit Traurigkeit. Das fiel mir sofort auf. In Amerika, besonders in L.A., achtet man mehr auf das Lächeln, auf die weißen Zähne, die dabei zum Vorschein kommen. Weniger auf die Augen. ›Geht es gut?‹, fragt man. Rhetorisch. Niemand möchte etwas anderes als ein ›Ja‹ hören. Wie es einem wirklich geht, interessiert keinen Menschen. Und auch echten Augenkontakt vermeidet man tunlichst. Das sind meine Erfahrungen.
Als Bella mitbekam, dass mir ihre Traurigkeit nicht verborgen geblieben war, lächelte sie kleinherzig. Es war das erste und einzig echte Lächeln, das sie, während sie bediente, von sich preisgab.
Und ihr ging es tatsächlich noch schlechter als mir, wie sie mir am gleichen Abend noch erzählte.
Zufällig … Nein, es gibt keine Zufälle«, sagte Elektra, schüttelte nachdrücklich den Kopf, als wollte sie der Zufälligkeit auf keinen Fall auch nur den geringsten Platz einräumen, und fuhr fort: »Jedenfalls hatten wir gleichzeitig das Café verlassen. Ich wollte zurück ins Hotel, packen, um den nächsten Flieger nach New York zu nehmen, und für Bella war die Arbeit an diesem Tag einfach nur beendet.
Als ich ihr noch einen schönen Abend wünschen wollte, sah ich wieder diese traurigen Augen. Und da konnte ich nicht anders: Ich nahm sie in den Arm. Und sie …? Was tat sie?« Aus großen Augen sah Elektra Silvana an. »Sie begann bitterlich zu weinen und ließ mich nicht mehr los.« Elektra schüttelte den Kopf, und augenblicklich verlor sie sich wieder in ihren Erinnerungen.
Silvana schwieg, hörte wieder nur einfach zu und dachte jetzt nicht darüber nach, wie merkwürdig all das, was hier passierte, doch war. Wie war eine solche Nähe, die man sicher schon als intim bezeichnen konnte, in so kurzer Zeit möglich?, war eine Frage, die immer wieder in ihr hochstieg und genauso schnell wieder zum Schweigen gebracht wurde. Für Antworten hatte Silvana jetzt keine Zeit – sie wollte und musste einfach nur zuhören.
Читать дальше