„Was? Wir sind doch gerade erst gekommen!“
„Nein, eigentlich nicht. Und außerdem hatten wir doch abgemacht, dass wir nur ein Stündchen bleiben.“
Moritz wandte sich peinlich berührt an seine Kumpel: „Hanni-Bunny ist nach der Arbeit immer schrecklich müde.“ Er tätschelte ihr die Schulter. „Sie arbeitet ja im Büro.“
„Ich bin Projektmanagerin in einer Unternehmensberatung“, warf Johanna ein.
„Tja, so ein Nine-to-Five-Job ist bestimmt was ganz anderes, als Tag und Nacht zu büffeln“, grinste Kilian und die Jungs brüllten vor Lachen. Johanna wurde so wütend, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen.
„Lass‘ uns bitte gehen“, bat sie noch einmal, sah dann aber, dass auch ihr Freund sich köstlich amüsierte. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und verließ möglichst würdevoll die Wohnung.
Auf der Straße holte Moritz sie ein: „Warte! Schnuffi, du kannst doch nicht einfach so abhauen!“
„Doch, ich gehe nämlich nach Hause! Wie wir es besprochen hatten, erinnerst du dich?“
„Jetzt sei doch nicht so! Sei doch einmal spontan!“
„Wieso? Damit ihr weiter über mich lachen könnt?“, fuhr Johanna ihn an.
„Was? Nein! Das hast du falsch verstanden. Kilian macht doch nur Spaß, du kennst ihn doch!“, verteidigte Moritz sich. Eigentlich kannte sie ihn überhaupt nicht, sagte eine eindringliche Stimme in Johannas Kopf, die sie aber vorsichtshalber ignorierte. Überhaupt kannte sie eigentlich niemanden dieser Leute richtig, die angeblich ihre Freunde waren. Aber sie war erschöpft und sie wollte Moritz gerne glauben. Und als er sie dann wieder mit dem Welpenblick ansah und bat: „Komm‘, sei nicht sauer!“, nickte sie.
In Moritz Wohnung fiel Johanna nach einem kurzen Abstecher ins Badezimmer sofort ins Bett. Inzwischen war es nach Mitternacht und ihr Wecker würde in gut fünf Stunden klingeln. Sie hatte sich schon in ihre Decke gerollt, als Moritz‘ Hand unternehmungslustig an ihrem Oberschenkel hinaufwanderte. Sie küsste ihn, schob ihn aber sanft weg. „Heute nicht…“
„Aber wir sind doch schon wegen dir früher von der Party weg“, meinte er ungehalten und sofort meldete sich Johannas schlechtes Gewissen wieder. Na gut…
Sie hatte bestimmt nur drei Stunden geschlafen, als sie noch vor dem Weckerklingeln aufwachte. Im Zimmer war es noch dunkel, aber durch die Vorhänge fiel fahles Morgenlicht vermischt mit dem niemals erlöschenden Flackern der Großstadt. Johanna warf einen vorsichtigen Blick auf Moritz, der tief und fest schlief. Leise glitt sie aus dem Bett und schlüpfte aus dem Zimmer. Barfuß trat sie auf den Balkon, der auf eine dicht zugeparkte Nebenstraße hinabsah. Keine Menschenseele war hier unterwegs, aber das unermüdliche Rauschen der nahen Schnellstraße verstummte auch zu dieser frühen Stunde nicht. Die Steinfliesen waren kalt und Johanna fröstelte. Gleichzeitig fühlte sie sich seltsam schäbig. Sie schob den Gedanken beiseite und versuchte sich stattdessen an den Traum zu erinnern, den sie eben noch gehabt hatte.
Es war ein schöner Traum gewesen. Unter einem endlosen Himmel eine sattgrüne Wiese. Sie war darüber gelaufen, außer Atem und mit glühenden Wangen, die Arme weit ausgebreitet. An mehr konnte Johanna sich nicht erinnern, aber da war ein Gefühl gewesen, dass sie noch ganz deutlich spürte: Frei hatte sie sich gefühlt, stark und frei.
In diesem seltsam melancholischen Moment, allein und im Nachthemd auf einem tristen Balkon, irgendwo an der Grenze zwischen Tag und Nacht, zwängte sich die Frage in ihren Kopf, ob sie eigentlich unglücklich war.
Dann wankten zwei Gestalten auf der anderen Straßenseite vorüber, grölten und prosteten ihr mit ihren Bierdosen zu und Johanna huschte schnell wieder in die Wohnung und sprang unter die Dusche. Was für ein alberner Gedanke! Natürlich war sie nicht unglücklich! Sie hatte doch alles, was sie wollte - einen Freund, der sie liebte, eine Familie, die sie unterstützte, und den Job, den sie gewollte hatte.
Ihr Leben verlief exakt so, wie sie es geplant hatte.
„Gibst du mir mal den Frischkäse?“
„Hm?“
„Jonas! Frischkäse!“
„Hm!“ Johannas jüngerer Bruder hob mühsam den Kopf, um die Hand, die er als Stütze genutzt hatte, frei zu haben. Seine Haare waren verstrubbelt, als wäre er gerade aus dem Bett gekommen (was der Fall war) und sein T-Shirt war auf links gedreht. Mit halbgeschlossenen Augen tastete er auf dem Tisch herum, um Johanna schließlich eine Schale zu reichen.
„Erde an Jonas!“ Johanna sah zwischen ihrem Bruder, ihrer Scheibe Rosinenbrot und dem Frischkäse mit Frühlingszwiebeln hin und her.
„Oh, da hab‘ ich wohl den falschen erwischt!“, meinte Jonas und jetzt sah Johanna das schelmische Funkeln in seinen Augen, die genauso grau-blau waren wie ihre. Sie gab ihm unter dem Tisch einen leichten Tritt gegens Schienbein und beide mussten lachten.
„Ist denn gestern alles gut gelaufen?“, fragte ihre Mutter Jutta.
„Jo!“ Mehr würden sie nicht darüber erfahren, dass Jonas und ein Kumpel gestern in einem großen Club aufgelegt hatten, das war Johanna klar.
„War es denn voll?“, startete ihre Mutter aber einen weiteren Versuch, Konversation mit ihrem Sohn zu betreiben. Jonas nickte, während er konzertiert seinen Toast mit Erdnussbutter bestrich.
Johanna schmunzelte. Sie war schon immer ganz vernarrt in ihren kleinen Bruder gewesen, was am Altersunterschied von acht Jahren liegen mochte. Inzwischen war er natürlich schon lange nicht mehr ihre lebendige Puppe und sie fand es eigentlich schade, dass die beiden heute abgesehen von Johannas Besuchen zu Hause und gelegentlichen WhatsApp-Chats kaum etwas miteinander zu tun hatten. Aber ein neunzehnjähriger Bruder, der als DJ die Nacht zum Tag machte und nebenbei ein Freiwilliges Soziales Jahr im Sportverein absolvierte, und eine berufstätige Schwester, deren Interesse an Fußball gegen null tendierte, hatten einfach wenig gemeinsam.
„Wo ist Moritz denn, Hanna?“, wandte sich ihre Mutter jetzt resigniert an ihre Tochter.
Ehe Johanna antworten konnte, warf ihr Vater hinter der Zeitung hervor ein: „Habt ihr das von den Chinesen gehört?“ Alle gaben zustimmende Geräusche von sich, obwohl garantiert keiner von ihnen wusste, was genau er meinte. Das war aber auch nicht wichtig, denn Jens hatte sich bereits wieder in seinen Artikel vertieft.
Jutta, Jens, Johanna und Jonas - die Herzogs waren eine J-Familie, die gerade eines ihrer typischen Sonntagsfrühstücke erlebte. Im Garten der gemütlichen Altbauvilla im Hamburger Norden färbten sich bereits die ersten Blätter gelb, aber es war noch so warm, dass sie auf der Terrasse sitzen konnten. Wahrscheinlich das letzte Mal für dieses Jahr, überlegte Johanna und wurde wie immer seltsam wehmütig, wenn etwas zu Ende ging.
„Was ist denn jetzt mit Moritz?“, nahm Jutta den Faden wieder auf.
Johanna war über den Themenwechsel nicht unglücklich gewesen, antwortete aber trotzdem (da sie ja bereits mit Bus und Bahn hergefahren war, konnte sie ja schlecht wie ihr Bruder so tun, als würde sie noch schlafen). „Ihm ging es heute Morgen nicht so gut, da hab‘ ich ihm gesagt, er soll lieber zu Hause bleiben.“ Das war teilweise durchaus wahr (es ging ihm tatsächlich elend, was aber nur daran lag, dass er am Abend zuvor zu viel getrunken hatte), teilweise eine glatte Lüge (denn Johanna hatte ihm keinesfalls vom Mitkommen abgeraten, sondern ihn angefleht, sie endlich mal wieder zu begleiten). Aber ihr Freund fand so häufig Gründe, nicht zu erscheinen, dass es ihr gegenüber ihrer Familie schon unangenehm war.
„Sie wollen schon wieder eine Baustelle einrichten“, ließ Jens vernehmen und Jonas entgegnete abwesend:
„Es ist wirklich unglaublich, was die Politik so entscheidet.“ Das war seine Standardantwort, die in 90% der Fälle passte. Mutter und Tochter prusteten vor Lachen in ihren Orangesaft, was das Thema Moritz vorerst sowohl aus dem Gespräch als auch aus Johannas Kopf vertrieb.
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