„Sabbaticals werden immer verbreiteter und viele Arbeitgeber schätzen es inzwischen, wenn man auch mal über den Tellerrand guckt. Außerdem ist so ein Gestüt auch ein komplexer Betrieb, da kann ich meine Kenntnisse aus der Unternehmensberatung bestimmt einbringen.“ Das Wort „Gestüt“ betonte sie dabei absichtlich, denn das war natürlich etwas ganz anderes als ein Bauernhof.
Ihr Vater schien zu merken, dass er seiner Tochter die Idee nicht ausreden konnte, also überlegte er angestrengt, wie er die Sache vor sich und der Welt rechtfertigen konnte. Irgendwann nickte er grimmig und sagte: „Ja, das ist wahr. Das Gestüt kann nur von deinem Aufenthalt profitieren!“
Letzte Male können sehr schön oder sehr schrecklich sein. Auf jeden Fall sind sie seltsam und manchmal auch alles zusammen.
Ein letztes Mal überquerte Johanna mit der S-Bahn die Lombardsbrücke, um am Bahnhof Dammtor auszusteigen. Ein letztes Mal kaufte sie dort einen Karamell-Macchiato und ein Franzbrötchen für Nana. Kurz überlegte sie, ein zweites für Mareck mitzunehmen, konnte sich dann aber nicht dazu überwinden. Seit sie ihn so beschimpft hatte, waren sie sich nicht mehr begegnet, und sie war sicher, dass es so auch besser war.
Nachdem sie ein letztes Mal durch die Drehtür eingetreten war, stand sie nervös auf dem Flur vor Stegmann & Partner . Wenn sie wieder herauskam, würde sie keine Mitarbeiterin mehr sein. Ihre Kündigungsfrist war kurz, der Jahresurlaub noch nicht angetastet, deswegen würde sie keinen Tag mehr arbeiten müssen. Das war ein Segen, denn sie hätte es nicht ertragen, Mareck auch nur noch eine Minute gegenüberzusitzen. Entschlossen trat sie ein und schob Nana gleichzeitig die Tüte mit dem Franzbrötchen und ihre Kündigung über den Tresen. Während diese ungläubig las, tupfte Johanna ein letztes Mal Brötchenkrümel von der glänzenden Oberfläche. Traurig sah Nana sie an, sagte aber nur: „Du machst das Richtige!“ Warum wussten das alle, nur Johanna selbst hatte es so lange nicht bemerkt?
„Danke!“ Sie lächelte ihre Fast-nicht-mehr-Kollegin an. „Dann geh‘ ich jetzt zu Hajo.“ Ohne anzuhalten ging sie an den Schreibtischen vorbei Richtung Glaskasten. Sie registrierte nur, dass die zweite Nische auf der linken Seite leer war. Obwohl sie gehofft hatte, Mareck nicht treffen zu müssen, war sie irgendwie enttäuscht. Hajo sah sie abwartend an, als sie eintrat. Unbeholfen erklärte sie ihr Anliegen und legte dabei ihr Schreiben auf den Tisch. Hajo betrachtete die Kündigung, dann wieder Johanna, dann bleckte er die Zähne zu seinem typischen Haifisch-Lächeln. „Ich wünsche dir alles Gute. Die Schlüssel kannst du gleich hier lassen!“ Das war’s. Wie oft hatte sie sich diesen Moment in schillernden Farben ausgemalt und jetzt war das alles! Das Gefühl des Triumphs, von dem sie geträumt hatte, blieb aus.
„Tschüss“, murmelte Johanna, der nichts Besseres einfiel, und machte sich auf den Rückweg durch den langen Gang. Dieses Mal sah sie in jede Nische, um jeden der Menschen, die ihr so ans Herz gewachsen waren, ein letztes Mal zu sehen - Merit, Dirk, Paul und all die anderen. Kein Mareck. Bei der großen Glastür drehte sie sich noch einmal um. Alle Augen waren auf sie gerichtet und sie wollte so viel sagen. Aber das ging nicht, denn Napoleon lauerte in seinem Aquarium. „Ihr seid die besten Kollegen“, erklärte sie deswegen nur schlicht. „Macht’s gut!“ Sie lächelte tapfer, dann floh sie aus dem Büro.
„Warte!“ Johanna war schon im Treppenhaus, als Nana nach ihr rief. Die blonde Mähne flog um ihren Kopf, als sie Johanna hinterherstürmte. Sie drückte sie einmal fest an sich und sagte: „Wir sehen uns wieder, klar?“ Bevor Johanna etwas erwidern konnte, huschte Nana die Treppe wieder hoch und die Tür zu Stegmann & Partner schloss sich.
Wieder zu Hause heulte Johanna erst einmal ausgiebig, dann zückte sie einen Stift und setzte ein weiteres „Erledigt!“ hinter ihre Liste. In diesem Moment kam ein grinsender Oke ins Zimmer. Sie überlegte kurz, dass er in letzter Zeit ziemlich häufig in der WG war, verwarf den Gedanken aber wieder. „Ich wollte nur mal kurz die Wand ausmessen.“
„Was willst du mit meiner Wand machen?“ Johanna sah ihn verwirrt an.
„Bald ist es nicht mehr deine Wand.“ Okes Schmunzeln wurde breiter. „Bald ist es meine Wand! Ich werde nämlich dein Nachmieter!“
„Oh, super!“ Vor Begeisterung hüpfte Johanna auf und ab. „Aber wie kommst du da auf einmal drauf? Was ist mit deiner Wohnung? Was ist mit deiner Freundin?“
„Die gibt’s nicht mehr. Also die Freundin. Die Wohnung gibt’s natürlich schon noch. Aber hier ist es schöner!“ Komischerweise wurde der große Teddy krebsrot, während er das sagte. Johanna dachte aber auch darüber nicht weiter nach, sondern griff noch einmal zum Stift:
Erledigt!
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