Dem fraglichen Kollegen war die Entscheidung sichtbar unangenehm, aber er nickte nur und bedankte sich sogar. Dirk war kein schlechter Kerl, aber Johanna hatte schnell gelernt, dass seine Loyalität zu Hajo am größten war. Irgendwie konnte sie ihm das noch nicht mal vorwerfen, denn mit drei kleinen Kindern und einem hohen Kredit hing für ihn natürlich viel von diesem Job ab.
„Warum hast du dich eigentlich nie selbstständig gemacht?“, fragte Johanna Mareck leise, als alle zurück an die Arbeit gegangen waren. Er hatte die Lippen so fest aufeinander gepresst, dass sie weiß wurden, was ihr zeigte, dass er sich insgeheim sehr wohl ärgerte.
Trotzdem lächelte er sie jetzt an und antwortete ruhig: „Wozu denn? Ich verdiene doch hier gutes Geld.“
„Aber er schikaniert dich. Er ignoriert deine Ideen. Das kann dich doch nicht glücklich machen.“
„Ach Hanna, es ist doch nur ein Job!“ Damit wandte Mareck sich wieder seinen Auswertungen zu, während Johanna ihm wortlos die wertvolle zweite Hälfte ihres Franzbrötchens hinüberschob.
Um Punkt 13:00 Uhr erschien Nana hinter der Glastür und gab ein unauffälliges Zeichen. Nach und nach erhoben sich daraufhin Paul, Dirk, Mareck, Johanna und Merit, die für die Buchhaltung zuständig war, und verließen das Büro. Mit Brotdosen oder einer Currywurst vom Imbisswagen beladen trafen sie sich wenig später auf ein paar Bänken auf einer nahegelegenen Grünfläche zur Mittagspause wieder. Auch das war zum Ritual geworden. Heute war es schon sommerlich warm, aber ein frischer Wind ließ Johanna kurz erschaudern. Trotzdem blinzelte sie genießerisch in die Sonne, die zwischen zwei Bürotürmen hervorlugte.
„Oh Mann, es tut mir echt leid“, wandte sich Dirk an Mareck. „Aber was soll ich machen?“
„Schon gut“, erwiderte dieser erwartungsgemäß und winkte ab.
Die nächste halbe Stunde verbrachten sie damit, abwechselnd über Napoleon zu schimpfen und sich daran zu erinnern, dass sie sich nicht mit ihm beschäftigen wollten, um daraufhin ihr jeweiliges Privatleben unter die Lupe zu nehmen. Johanna ließ ihren Blick über die Kollegen schweifen und merkte, wie gern sie diese schon nach diesen paar Monaten hatte. Nicht nur Mareck, der heute einer ihrer besten Freunde war, sondern auch die lustige, aufgedrehte Nana, die eigentlich Nathalie hieß. Dirk, der trotz allem einfach dazu gehörte. Merit, die dank ihrer zweijährigen Zwillinge permanent Augenringe hatte und Hajo noch mehr fürchtete als Kopfläuse in der Kita. Und Paul, der zwar fast nie etwas zur Unterhaltung beitrug, aber zumindest für die weiblichen Mitglieder ihrer kleinen Gruppe einen unschätzbaren, optischen Mehrwert hatte.
* * *
„Mach‘ dich nicht lächerlich, Mareck, es würde uns viel zu viel Zeit kosten, die Anforderungen des Kunden zu verstehen. Es gibt Stegmann-Standard und damit hat sich’s.“ Während Hajo am Nachmittag eine weitere Gelegenheit fand, Mareck zu provozieren, was ihm ein weiteres Mal nicht gelang, erschien Merit im Hintergrund und räusperte sich schüchtern.
„Hajo, ich müsste jetzt Feierabend machen. Meine Tochter hat Fieber bekommen und muss abgeholt werden.“
Ohne sich zu ihr umzusehen, fragte der Angeredete eisig: „Bist du dir sicher, dass du deine Prioritäten nicht nochmal überdenken willst?“
„Ja!“, antwortete Merit unter Aufbietung ihres gesamten, nicht sehr ausgeprägten Selbstbewusstseins fest.
„Würde wahrscheinlich eh nichts bringen.“ Napoleon schüttelte den Kopf. „Entweder man hat den Biss oder nicht.“
„Ich kann aber heute Abend noch von zu Hause aus weiterarbeiten, wenn die Kleinen schlafen…“, schlug Merit entschuldigend vor, aber Hajo unterbrach sie:
„Ich bezahle dich doch nicht dafür, dass du dir in Seelenruhe die Fußnägel lackierst! Aber du kannst die Stunden gerne in den nächsten Tagen im Büro nacharbeiten.“
Als Merit sich verabschiedet hatte, schien ein kalter Nebel über dem Büro zu liegen, der Johanna stärker frösteln ließ als der Wind vorhin.
„So, wie machen wir jetzt hier weiter?“, fragte Hajo aber ungerührt und klopfte auf die Projektunterlagen.
„Wir könnten vielleicht die Handlungsempfehlungen des Marienthal-Projekts auf dieses Unternehmen übertragen“, warf Johanna vorsichtig ein. „Das wäre ein sehr ökonomisches Vorgehen.“ Sie warf Mareck einen entschuldigenden Blick zu, der nur die Augen verdrehte.
„Das ist es! Johanna, das sind die Vorschläge, die ich mir von dir erhofft hatte. Ich wusste schon in unserem ersten Gespräch, dass du es drauf hast!“ Hajo wandte sich ihr zu und Johanna kam sich plötzlich unendlich viel wichtiger vor, als wenn sie mit klackernden Absätze durch die große Drehtür schritt. Er blickte sie an, als würde er sie tatsächlich sehen und sich daran erinnern, warum er sie eingestellt hatte. Sie, Johanna Herzog, Master of Arts in Internationalem Management mit der Abschlussnote 1,4, Inhaberin diverser Projektmanagement-Zertifikate, relevante Vorerfahrung durch vier Praktika, Fremdsprachenkenntnisse in Englisch (fließend in Wort und Schrift) und Spanisch (verhandlungssicher). Man sah Hajo an, dass er stolz auf seinen Neuzugang war, und Johanna war sich wieder sicher, dass dieser Job der richtige Schritt gewesen war. „Du erstellst die Abschlusspräsentation des Projekts!“, entschied Hajo und zwinkerte ihr zu. Es hatte einen Grund, dass sie hier war. Weil sie die Beste gewesen war. Weil Stegmann & Partner ihr alle Türen öffnen würde. Schließlich war das hier nur eine Station. Mit einem spitzenmäßigen Arbeitszeugnis in der Tasche könnte sie sich dann irgendwann ihren nächsten Arbeitgeber, irgendein größeres und internationaleres Unternehmen, aussuchen. „Die Unterlagen müssen morgen fertig sein“, fügte Hajo beiläufig hinzu. Auch wenn das eine Nachtschicht bedeutete, nickte Johanna zustimmend.
Sie wusste ja, wofür sie es tat.
Mach‘ es wie die Sonnenuhr, zähl‘ die heiteren Stunden nur.
Bestimmt acht Mal hatte dieser Spruch in Johannas Poesiealbum gestanden, geschrieben von Grundschulfreunden, die sie heute wahrscheinlich nicht mal mehr auf der Straße erkennen würde. Jetzt fiel er ihr wieder ein, als sie erschöpft die U-Bahn-Haltestelle verließ und die Sonne bereits hinter den Wohnblocks aus Backstein verschwand. Es musste ein herrlicher Augusttag gewesen sein und immer noch waren die Straßen von Hamburg-Hamm erfüllt von einer schweren, süßen Sommerluft. Es war angenehm warm und Johanna streifte schnell die Strickjacke ab, die sie den ganzen Tag zum Schutz vor der garstigen Klimaanlage im Büro getragen hatte. Wie gerne hätte sie heute früher Feierabend gemacht und wäre mit Linea in den Park gefahren, aber ihre Projekte nahmen natürlich keine Rücksicht auf das Wetter. Sie seufzte. Aber immerhin war es jetzt immer noch schön und der ganze Abend lag schließlich noch vor ihr. Sie bog um eine Ecke, sodass die tiefstehende Sonne sie blendete. Vielleicht zählte das ja sogar doppelt…
Johanna mochte den Stadtteil, in den sie während des Studiums gezogen war. Dabei war Hamm keinesfalls besonders schick oder irgendwie anders bemerkenswert. Manche bezeichneten die Gegend sogar als zwielichtig. Es gab weder nennenswerte Shopping-Möglichkeiten noch eine große Auswahl an Restaurants und Bars, aber sie hatte nach ihrem Einzug schnell ein kleines Café entdeckt, in dem sie und ihre Mitbewohnerin Linea inzwischen Stammgäste waren. Außerdem war die U-Bahn-Anbindung gut und idyllische Kanäle nicht weit. Den Ausschlag hatte damals aber trotzdem ihr Budget gegeben, denn dieses war bei Studenten naturgemäß schmal und die Hamburger Mietpreise wurden garantiert vom Teufel persönlich gemacht.
„Hallo? Linea, bist du da?“, rief Johanna in den engen Flur, während sie die Wohnungstür mit einem sanften Tritt hinter sich schloss. Dass Linea ihren Vornamen auch nicht leiden konnte, tröstete sie etwas über ihren eigenen hinweg. Linea - das klang aber auch wirklich nach einer Marke für billige Damenbinden.
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