1 ...6 7 8 10 11 12 ...35 Der Sekretär trat ein und brachte irgend welche Akten.
»Ich danke Ihnen sehr«, sagte der Präsident und rauchte sich eine Cigarette an. »Welchen Prozeß lassen wir denn zuerst von Stapel?«
»Ich denke den Giftmord«, sagte scheinbar gleichgültig der Sekretär.
»Schön, meinetwegen den Giftmord«, sagte der Präsident, indem er sich überlegte, daß ein Prozeß wie dieser bis vier Uhr wohl beendigt werden könnte und er dann die Möglichkeit hätte, wegzufahren. »Und Matwej Nikititsch ist noch nicht da?«
»Immer noch nicht.«
»Und Brede?«
»Ist da«, antwortete der Sekretär.«
»So sagen Sie ihm, wenn Sie ihn sehen, daß wir mit dem Giftmord beginnen.«
Brede war der Staatsanwaltsadjunkt, der in dieser Sitzung die Anklage vertrat.
Der Sekretär traf Brede auf dem Korridor. Mit hochgezogenen Schultern, im aufgeknöpften Uniformrock, ein Portefeuille unter dem Arm, ging er fast im Laufschritt, mit den Absätzen klappernd, den Korridor entlang, während er den freien Arm in der Weise schwenkte, daß die Handfläche immer perpendikulär zur Richtung seines Ganges blieb.
»Michail Petrowitsch bat mich, Sie zu fragen, ob Sie fertig sind?« fragte ihn der Sekretär.
»Natürlich, ich bin immer fertig«, sagte der Staatsanwalt. »Was geht denn zuerst?«
»Der Giftmord.«
»Wunderbar«, sagte der Staatsanwalt, in Wirklichkeit aber fand er es gar nicht wunderbar, denn er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Sie hatten einem Kollegen das Geleit gegeben, es wurde viel getrunken und bis zwei Uhr gespielt. Hernach fuhr man zu den Mädchen, in dasselbe Haus, in welchem vor sechs Monaten noch die Maslowa gewesen war, sodaß er zum Studium gerade der den Giftmord betreffenden Akten keine Zeit gehabt und sie jetzt erst durchlesen wollte. Der Sekretär aber, der sehr wohl wußte, daß der Staatsanwalt die Giftmordakten nicht gelesen, hatte eben darum dem Präsidenten vorgeschlagen, diesen Prozeß zuerst vorzunehmen. Der Sekretär war ein Mann von liberaler, ja sogar radikaler Denkungsart. Brede da gegen war konservativ und dem orthodoxen Glauben, wie alle in Rußland dienenden Deutschen, ganz besonders ergeben. Und der Sekretär mochte ihn nicht leiden und neidete ihm seine Stellung.
»Nun, und mit dem Prozeß der Kastratensekte?« fragte der Sekretär.
»Ich habe schon gesagt, daß ich nicht kann«, antwortete der Staatsanwalt: »wegen Abwesenheit der Zeugen, und werde das auch dem Gerichtshof wiederholen.«
»Es ist doch gleich . . . «
»Ich kann nicht«, sagte der Staatsanwalt und lief, in gewohnter Weise mit der Hand schwenkend, in sein Kabinett.
Er schob den Prozeß der Kastratensekte, unter dem Vorwande der Abwesenheit eines Zeugen, der aber durchaus nicht wichtig und für die Sache von Belang war, nur darum auf, weil dieser Prozeß, wenn er vor einem Gerichtshof mit einem intelligenten Geschworenenpersonal verhandelt würde, leicht mit einer Freisprechung enden konnte. Um das zu verhindern, hatte er mit dem Präsidenten die Vereinbarung getroffen, daß dieser Prozeß bis zu einer Kreisstadtsession verschoben würde, wo es unter den Geschworenen mehr Bauern gab und daher auch mehr Chancen für eine Verurteilung.
Die Bewegung im Korridor wuchs immer mehr. Das meiste Publikum drängte sich an den Thüren der Civilabteilung, wo eben die Sache verhandelt wurde, von welcher den Geschworenen jener repräsentable Herr, der Prozeßliebhaber, erzählte. Während einer Pause trat aus dem Saal dasselbe alte Mütterchen, deren ganzes Eigentum der geniale Advokat zum Besten jenes Spekulanten, der nicht das geringste Anrecht auf das selbe hatte, zu rauben verstanden hatte. Daß das ein Unrecht war, wußten die Richter so wohl als auch ganz besonders der Supplikant und sein Advokat. Aber der von den letzteren erdachte Tric war derart, daß man gar nicht anders konnte, als das Eigentum des Mütterchens dem Spekulanten zu übergeben. Das Mütterchen war eine dicke Frau, in einem aufgeputzten Kleide, mit riesigen Blumen auf dem Hut. Nachdem sie aus der Thür herausgetreten, war sie auf dem Korridor stehen geblieben und wiederholte, mit den kurzen, dicken Armen fuchtelnd, zu ihrem Advokaten gewandt, immerfort: »was ist denn das? Erbarmen Sie sich doch! Was ist denn das?« Der Advokat betrachtete die Blumen auf ihrem Hut und hörte nicht auf sie, in irgend welche Kalkulation versunken.
Gleich nach dem Mütterchen trat aus dem Sitzungssaal mit schnellen Schritten jener berühmte Advokat, der es so eingefädelt hatte, daß das Mütterchen mit den Blumen das Nachsehen hatte, während der Spekulant dem Advokaten dafür zehntausend Rubel zahlte und hunderttausend Rubel erhielt. Der Plastron der tief ausgeschnittenen Weste und das selbstzufriedene Gesicht des Advokaten glänzten. Die Augen aller wandten sich auf ihn und er fühlte das und schien gleichsam durch sein ganze? Äußere zu sagen: »Ich verzichte auf alle Huldigungen.« Mit schnellen Schritten ging er an allen vorbei.
Endlich erschien auch Matwej Nikititsch, und der Gerichtskommissar, ein magerer langhalsiger Mensch, mit schrägem Gange und ebenso schräg zur Seite vorgeschobener Unterlippe, trat in das Zimmer der Geschworenen.
Dieser Gerichtskommissar war ein ehrlicher Mann, besaß akademische Bildung, konnte sich aber in keiner Stellung dauernd halten, da er einer periodischen Trunksucht ergeben war. Erst vor drei Monaten hatte eine Gräfin, die seine Frau protegierte, ihm diesen Posten verschafft, und er hielt sich bis jetzt auf ihm und freute sich dessen.
»Nun, meine Herren, sind Sie alle versammelt?« fragte er, seine Pincenez aufsetzend, während sein Blick über dasselbe hinwegschweifte.
»Ich glaube, alle«, sagte der lustige Kaufmann.
»So, sehen wir ’mal nach«, sagte der Gerichtskommissar, holte aus der Tasche eine Liste hervor und begann, die Anwesenden bald über das Pincenez hinweg, bald durch dasselbe musternd, die Namen aufzurufen.
»Staatsrat I.M. Nikiforow.«
»Ich«, sagte der repräsentable Herr, der über alle Gerichtsangelegenheiten so gut unterrichtet war.
»Oberst a. D. Iwan Ssemjonowitsch Iwanow.«
»Hier«, antwortete der magere Herr in Uniform.
»Der Kaufmann 2. Gilde Pjotr Baklaschow.«
»Jawohl«, sagte der freundliche Kaufmann, über das ganze Gesicht lächelnd. »Zu Diensten!«
»Gardelieutenant Fürst Dmitrij Nechljudow.«
»Ich«, antwortete Nechljudow.
Der Gerichtskommissar verbeugte sich, über das Pincenez hinwegblickend, besonders höflich und liebenswürdig, um den Fürsten gleichsam von den anderen zu unterscheiden.
»Kapitän Jurij Dmitrijewitsch Dantschenko, Kaufmann Grigorij Jefimowitsch Kuleschow u.s.w. u.s.w.«
Alle, außer zweien, waren zur Stelle.
»Jetzt, meine Herrn, bitte ich Sie in den Saal«, sagte, mit einer verbindlichen Handbewegung auf die Thür weisend, der Gerichtskommissar.
Alle setzten sich in Bewegung und traten, einer dem andern den Vortritt in der Thür lassend, zuerst in den Korridor und dann in den Saal ein.
Der Gerichtssaal war ein großes langes Zimmer, auf dessen einem Ende ein Podium, zu welchem drei Stufen führten, aufgebaut war. In der Mitte des Podiums stand ein mit grünem, etwas dunkler befranztem Tuch bedeckter Tisch. Hinter dem Tisch standen drei Lehnstühle mit sehr hohen, eichenen, geschnitzten Rücklehnen. Hinter den Lehnstühlen sah man im goldenen Rahmen ein lebensgroßes grelles Porträt des Kaisers, der mit vorgestrecktem Fuß, die Hand auf den Säbel gestützt, in Generals uniform mit Ordensband dastand. In der rechten Ecke hing ein Heiligenschrein mit einem dornengekrönten Christusbilde und befand sich ein Betpult. Auf der rechten Seite stand auch der Tisch des Staatsanwalts. Links, gegenüber diesem Tisch, stand mehr im Hintergrunde ein kleinerer für den Sekretär, und, etwas näher zum Publikum zu, befand sich ein gedrechseltes Eichenholzgitter, hinter welchem die noch unbesetzte Bank der Angeklagten war. Rechts auf dem Podium standen in zwei Reihen Stühle mit ebenso hohen Rücklehnen, für die Geschworenen, und unten Tische für die Advokaten.
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