1 ...8 9 10 12 13 14 ...35 Als alle Geschworenen zum Podium herauf gestiegen waren, neigte der Geistliche seinen fast kahlen grauen Kopf auf die Seite, steckte ihn durch die fettige Öffnung des Epitrachilions, ordnete sein spärliches Haar und wandte sich an die Geschworenen:
»Erheben Sie die rechte Hand und thun Sie die Finger so zusammen«, sagte er langsam mit greisenhafter Stimme, indem er seine dicke, mit einem Grübchen über jedem Finger versehene Hand erhob und die Finger wie zu einer Prise zusammenlegte.
»Jetzt sprechen Sie mir nach«, sagte er und begann:
»Ich verspreche und schwöre bei Gott dem All mächtigen, vor seinem heiligen Evangelium und dem lebenspendenden Kreuze des Herrn, daß ich in der Sache, in der ich . . . « Nach jeder Phrase ließ er eine kleine Pause eintreten. »Lassen Sie Ihre Hand nicht sinken, halten Sie sie so«, wandte er sich an einen jungen Mann, der lässig seine Hand hatte herabfallen lassen, . . . »daß ich in der Sache, in der ich . . . «
Der repräsentable Herr mit dem Backenbart, der Oberst, der Kaufmann und andere hielten ihre Hände mit den zusammengelegten Fingern so, wie es der Geistliche verlangte, und thaten dieses demonstrativ und energisch, während andere die Hände nur ungern und in einer unbestimmten Höhe hielten. Einige wiederholten die Worte zu laut, wie mit einem provocierenden Ausdruck, der gleichsam sagte: ich werde aber doch und doch sprechen; während andere nur flüsterten, hinter dem Geistlichen zurückblieben und dann, wie erschrocken, das Versäumte zur Unzeit nachzuholen suchten. Einige wieder hielten ihre Prise fest, ganz fest, als fürchteten sie etwas fallen zu lassen, mit herausfordernder Geste in die Höhe, während andere ihre Finger aufmachten und dann wieder zusammenthaten. Nach der Vereidigung forderte der Präsident die Geschworenen auf, sich einen Obmann zu wählen. Die Geschworenen erhoben sich und drängten zum Beratungszimmer, wo sie fast alle sofort ihre Cigaretten herausholten und zu rauchen begannen. Jemand schlug zum Obmann den repräsentablen Herrn vor und alle stimmten sofort zu, warfen die Cigarettenstummel beiseite und kehrten in den Saal zurück. Der er wählte Obmann teilte dem Präsidenten seine Ernennung mit und die Geschworenen ließen sich wieder, gegenseitig über ihre Füße stolpernd, auf die in zwei Reihen stehenden hochlehnigen Stühle nieder.
Alles ging ohne Unterbrechung, rasch und mit einer gewissen Feierlichkeit vor sich, und diese Gesetzmäßigkeit, Folgerichtigkeit und Feierlichkeit bereitete offenbar den Teilnehmern Vergnügen, indem sie sie in der Überzeugung bestärkte, daß sie eine wichtige öffentliche Handlung vollzögen. Dieses Gefühl empfand auch Nechljudow.
Sobald sich die Geschworenen gesetzt hatten, wandte sich der Präsident mit einer Rede an sie, in welcher er ihnen ihre Rechte, ihre Pflichten und ihre Verantwortlichkeit auseinandersetzte. Während er sprach, wechselte er beständig seine Pose: bald stützte er sich auf die linke, bald auf die rechte Hand, bald auf die Rücklehne, bald auf die Armlehnen des Stuhles; bald glättete er die Ränder des Papieres, bald betrachtete er das Papiermesser, bald die Bleifeder.
Ihre Rechte bestanden, seinen Worten nach, darin, daß sie durch ihn an die Angeklagten Fragen stellen konnten, daß sie Bleifeder und Papier bei sich haben und die corpora delicti besichtigen durften.
Ihre Pflicht bestand darin, daß sie nicht zu Unrecht, sondern gerecht urteilen sollten.
Ihre Verantwortlichkeit endlich zeigte sich darin, daß sie, im Falle der Verletzung des Amtsgeheimnisses und der Konspiration mit Nichtgeschworenen, einer Strafe unterlagen.
Alle hörten in ehrfurchtsvoller Aufmerksamkeit zu. Der Kaufmann, der um sich herum einen Alkoholdunst verbreitete und ein geräuschvolles Aufstoßen zu unterdrücken suchte, nickte zu jedem Satze beifällig mit dem Kopf.
Nachdem der Präsident seine Rede beendet hatte, wandte er sich den Angeklagten zu.
»Simon Kartinkin, stehen Sie auf«, sagte er. Simon sprang nervös auf. Die Muskeln seiner Wangen begannen sich noch heftiger zu bewegen.
»Ihr Name?«
»Simon Petrow Kartinkin«, klapperte er schnell die offenbar vorbereitete Antwort herunter.
»Ihr Stand?«
»Bauer.«
»Welches Gouvernement, welcher Kreis?«
»Das Tulasche Gouvernement, der Krapiwensche Kreis, die Kupjanskische Gemeinde, das Borkische Kirchdorf.«
»Wie alt sind Sie?«
»Im vierunddreißigsten, geboren tausendacht hundert . . .
»Welcher Konfession?«
»Wir sind russisch, rechtgläubig.«
»Verheiratet?«
»Zu Befehl, nein.«
»Womit beschäftigen Sie sich?«
»Wir waren auf dem Korridor in »Hotel Mauritanien« beschäftigt.«
»Vorbestraft?«
»Niemals war ich vor Gericht, denn da wir früher lebten . . . «
»Also nicht vorbestraft?«
»Gott beschütze, nie.«
»Haben Sie die Kopie der Anklageschrift er halten?«
»Jawohl.«
»Setzen Sie sich. Jewfimia Iwanowa Botschkowa«, wandte sich der Präsident an die folgende Angeklagte.
Aber Simon blieb stehen und verdeckte die Jewfimia.
»Kartinkin, setzen Sie sich.«
Kartinkin blieb immer noch stehen.
»Kartinkin, setzen Sie sich!«
Aber Kartinkin stand immer noch und setzte sich erst dann, als der herbeigelaufene Gerichtskommissar, mit zur Seite gebeugtem Kopf und unnatürlich aufgerissenen Augen ihm in tragischem Flüsterton zuraunte: sitzen, sitzen!
Kartinkin setzte sich eben so hastig, wie er auf gestanden war und begann, seinen Schlafrock zu ziehend, wieder lautlos die Wangen zu bewegen.
»Ihr Name?« wandte sich der Präsident mit einem Seufzer der Ermüdung zu der zweiten Angeklagten, ohne sie anzusehen und irgend etwas in dem vor ihm liegenden Papier aufsuchend. Die Beschäftigung war dem Präsidenten eine so gewohnte, daß er, zur Beschleunigung des Verfahrens, zwei Sachen zugleich machen konnte.
Die Botschkowa war drei und vierzig Jahre alt, Stand — Kleinbürgerin aus Kolomna, Beruf — Stubenmädchen in dem nämlichen »Hotel Mauritanien.« Angeklagt und in Untersuchung war sie früher nicht gewesen, die Kopie der Anklageschrift hatte sie erhalten. Ihre Antworten brachte die Botschkowa außerordentlich keck heraus und mit einer Betonung, als wollte sie jeder Antwort hin zusetzen: »jawohl Jewfimia, und Botschkowa, die Kopie hab ich erhalten, bin stolz darauf und werde niemandem erlauben, sich über mich lustig zu machen.«
Die Botschkowa setzte sich, ohne eine Aufforderung abzuwarten, sofort hin, sobald alle an sie gerichteten Fragen erledigt waren.
»Ihr Name?« wandte sich der Präsident an die dritte Angeklagte. »Man muß aufstehen«, fügte er weich und freundlich hinzu, als er bemerkte, daß die Maslowa sitzen geblieben war.
Die Maslowa erhob sich schnell und sah, mit vorgestreckter Brust und dem Ausdruck der Bereitwilligkeit, ohne zu antworten, dem Präsidenten, lächelnd, mit den etwas schielenden schwarzen Augen gerade ins Gesicht.
»Wie nennen Sie sich?«
»Man nannte mich Ljubowj«, sagte sie schnell.
Nechljudow betrachtete unterdessen mit aufgesetztem Pincenez die einzelnen Angeklagten, je nach dem sie aufgerufen wurden. — »Nicht möglich«, dachte er, ohne von der Angeklagten die Augen zu wenden.
»Wie kann sie denn Ljubowj heißen«, dachte er, als er ihre Antwort hörte.
Der Präsident wollte weiter fragen, aber das Mitglied in der Brille unterbrach ihn und raunte ihm etwas mißmutig zu. Der Präsident nickte zustimmend mit dem Kopf und wandte sich wieder an die Angeklagte.
»Wieso denn Ljubowj?« sagte er. »Sie sind hier anders eingetragen.«
Die Angeklagte schwieg.
»Ich frage Sie, wie Ihr wirklicher Name ist?«
»Wie getauft?« fragte das finstere Mitglied.
»Früher hieß ich Katharina.«
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