Theo kannte Loreley vom Sehen. Ihr Ruf eilte ihr voraus. Sie hatte lange, fantastische Beine, eine schmale Taille, intensiv blaue Augen und einen schön geschwungenen Mund. Ihre hellbraunen Haare waren glatt und lang bis zum Po. Oft band sie sie zu einem smarten Pferdeschwanz zusammen. Dabei zog sie das Haar so straff nach hinten, dass es ihre Gesichtshaut wie ein Facelifting zu spannen schien.
Theo nahm sich vom Italiener an der Ecke eine Pizza mit und kramte zu Hause noch einen vergammelten Salatkopf aus dem Gemüsefach des Kühlschranks. Er zupfte die welken, braunen Blätter ab, bis er zu dem gerade noch essbaren Kern vorgedrungen war. Es war ein blasser und wenig appetitanregender Salat, den er mehr als Pflichtgefühl als aus Genuss verzehrte. Zum genießen fehlte im die Muse. Theo aß nur, um seinen Energiespeicher für sein Vorhaben aufzufüllen.
Nach ein paar Bissen schob er den Pappkarton von sich weg und stand auf.
Helens Augen waren grünlich und hatte eine gelb gesprenkelte, meergrüne Iris. Ihre Haare waren blond, dauergewellt und kurz geschnitten.
Im Gegensatz zu Lilo war sie an ihrer ersten großen Liebe klebengeblieben.
Theo, eine außergewöhnliche Persönlichkeit, war lustig, humorvoll, charmant, intelligent, ein guter Zuhörer und konnte bei Frauen eine unheimliche Faszination auslösen. Glücklicherweise besaß er Helen gegenüber ein umgängliches Naturell. Theo war großzügig und in seiner typischen Zurückhaltung vermied er es, sich zwischen Helen und ihre Freundinnen, die er, wenn überhaupt, kaum kannte, zu drängen. Er war ein wilder, gutaussehender, kultivierter Lebemann. Beherrscht, elegant. Und er gefiel nicht nur ihr.
Theo war offiziell ein geschätzter Fotograf, aber in der Realität war er ein gefürchteter Paparazzo. Für genügend Zaster hätte er seine eigene Großmutter verkauft. Auch ihm eilte sein Ruf, in gewissen Kreisen, voraus. Er war oft auf Reisen, eher selten Zuhause.
Helen war, was sie nach außen nie zeigen würde, eine zerbrechliche Frau. Sie konnte es immer schlechter ertragen, dass ihr Mann in allen Ecken und Enden der Welt unterwegs war und für ein Foto manchmal sein Leben aufs Spiel setzte. Theos Rücken und ein Teil seiner rechten Seite trugen Narben, die von einer leidenschaftlichen Umarmung mit dem Tod zeugten.
Aus diesem Grund schob sie es vor sich her, ein Kind zu bekommen. Jetzt war es zu spät. Sie hatte so jung geheiratet. Eine Zeitland war es Leidenschaft gewesen.
Sich zu betrinken was etwas für schwache Menschen, eine Krücke für diejenigen, die nicht genügend Kraft besaßen, ihr eigenes Leben zu leben, auf den eigenen Füßen zu stehen. Sich zu betrinken hieß, vor etwas davonzulaufen.
Helen selbst zählte sich nicht zu dieser Spezies.
Ihr Bett stand am Fenster. Sie wechselte die Plätze, wo sie den Alkohol versteckte. Der Bettkasten war eine gute Stelle, um mit der Suche zu beginnen.
Er hatte ihr Zimmer lange nicht mehr betreten. Der Anblick war ein ziemlicher Schock. Überall Nippes. Sie war morgens immer in Eile und es musste schwer sein aufzustehen, nach einem Abend mit der Flasche, jeden Tag sich wieder neu aufzuraffen. Duschen, anziehen, frühstücken.
So sah der Raum auch aus. Nach einem schnellen Aufbruch. Halboffene Schranktüren und Schubladen, die Kleider auf dem Bett, die sie herausgenommen, aber nicht angezogen hatte. Auf dem Fußboden lag ihr noch feuchter Bademantel. Theo hängte ihn auf einen Kleiderbügel.
Auf einer Kommode, neben einem Kerzenständer, stand ein Kristallglas. Sie goss es sich im Wohnzimmer immer voll, das letzte, was sie jeden Abend tat, ehe sie sich hierher zurückzog. Das letzte Glas von vielen, aber das Wichtigste, um ihr in den Schlaf zu helfen.
Die Türen an den Seitenteilen ihrer Kommode waren verschlossen, der Schlüssel abgezogen, aber er wusste, wo er zu suchen hatte.
Eine Zeitlang hatte sie ihn einfach dadurch hinters Licht geführt, dass sie dreiviertel leere Flaschen offen herumstehen ließ. Die vollen Flaschen hatte sie verborgen, in Koffern und Stoffbeuteln, in denen sie ihre Schuhe und Handtaschen aufbewahrte.
Sie war in dem Sinne keine Trinkerin, dass es irgendjemand aufgefallen wäre. Sie würde jederzeit leugnen, überhaupt zu trinken. Was sie brauchte war lediglich ein Glas nach einem anstrengenden Tag.
Er fand den Schlüssel für das Möbelstück in der Tasche ihres Bademantels.
Mehrere Flaschen Wodka, davon eine noch offen, hatte sie im Schrank gebunkert.
Er nahm sie an sich. Einen silbernen Lippenstift, der sich nicht öffnen ließ, ließ er liegen. Dessen Inhalt: Vermutlich ihr Tabletten-Vorrat.
Er öffnete das Fenster bevor er den Raum verließ.
Die Glasscheibe hielt beides fest. Sein Gesicht und die Landschaft, wie eine doppelt belichtete Platte.
Theo wartete auf Helens Rückkehr.
Es schien ihm fast sinnlos zu warten und er überlegte, dass er einfach so gehen konnte, aber er fand, er war es ihr schuldig, nicht einfach nur einen Zettel zu hinterlassen. Sie hatte ein Anrecht darauf, es von ihm selbst zu hören, dass er sie verlassen würde. Es änderte nichts, aber ein Anrecht darauf hatte sie. Er hatte Helen schließlich von Anfang an belogen und betrogen, dass Pflaster der Verwundung nie abgerissen. Sein Herz hatte eine tiefe unsichtbare Narbe und als er Lilo sah begann es erneut zu schmerzen. Helen hatte nie eine Chance gehabt – gegen einen Traum kam niemand an. Es war unfair von ihm, unfair von Anfang an.
Theo war zum Sterben elend.
Das Problem war, dass sie in ihm etwas sah, was er nicht erfüllen konnte. Sie hatte ihn geliebt und er hatte sie gemocht und Menschen die Helen liebte, hatten besonders vollkommen zu sein. Sie durften keine Schwäche zeigen, keinen Irrtum begehen. Anderen hätte sie vielleicht noch verziehen, ihm nicht!
Die Haustür öffnete sich und Theo ging ihr entgegen. Helen wollte sich auf dem Absatz umdrehen, als Theo sie am Arm packte und versuchte, sie ins Wohnzimmer zu ziehen.
Helen zuckte zusammen, als hätte er ihr wehgetan. „Was soll das?“, sagte sie ungehalten in die Stille hinein. „Lass mich sofort los!“
„Entschuldigung.“ Er lockerte seinen Handgriff. „Ich möchte mich mit Dir unterhalten“. Besorgnis schwang in seiner Stimme mit. „Ich ...“
Sie schnitt ihm das Wort ab und schaffte es, ein Gesicht zu machen, als interessiere es sie wirklich. „Wozu? Was gibt es zu besprechen, was so relevant ist?“, erkundigte sie sich in Zeitlupe den Kopf schüttelnd. Diese Geste hatte sie sich bei älteren Männern abgeschaut und sie passte nicht zu ihr. „Ich bin müde und möchte mich hinlegen.“ Sie war nervöse und unruhig. Sie blickte auf die Tür ihres Zimmers. Es war nur diese Tür die sie von ihrer Flasche trennte.
„Ich möchte mit Dir sprechen.“ Schweiß brach ihm unter den Achselhöhlen aus, benässte das Hemd.
Sie gab noch nicht auf. „Ich zieh mich nur rasch um ...“, sagte sie mit kalter Schärfte.
„Bitte!“ Theo hielt sie am Arm zurück.
„Herr Gott, was ist denn so verdammt wichtig?“, fluchte sie nicht im geringsten eingeschüchtert.
Sie folgte ihm angespannt ins Wohnzimmer und blieb steif in der Nähe der Tür stehen. Helen schaute sich um.
„Willst Du Dich nicht setzen?“
„Sag was Du zu sagen hast, ich hatte einen anstrengenden Tag.“
Sie bemerkte die Flaschen auf dem Regal und wurde zugänglicher Laune. Helen dachte Theo wäre wütend. Ihr Körper entspannte sich. Sie warf ihre Handtasche auf einen der Sessel und näherte sich dabei wie unbeabsichtigt dem Regal mit dem Wodka. Sie versuchte nicht dorthin zu sehen, aber es kostete sie große Beherrschung.
Theo glaubte zu bemerken, dass Helen schwerer atmete.
Als sie Theos verzweifelte Miene sah versuchte sie zu lächeln, ein leicht erschrecktes verquere Lächeln, das sie immer dann aufsetzte, wenn es darum ging, sich einem zu entziehen. Sie hätte ihn gerne am Hals gepackt und geschüttelt, damit er endlich zum Wesentlichen kam.
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