Aber dann hatte sie in zunehmendem Maß, vielleicht sogar ohne bewusste Absicht, versucht, sich selbst zu behaupten. Lilo fing an sich mit Paddy zu streiten. Sie trug Kleider und Farben, von denen sie wusste, dass er sie nicht mochte. Sie stopfte sich, kurz bevor er sie in sein Lieblingslokal ausführte, mit Süßigkeiten voll. Lilo weigerte sich seine Freunde zu kontaktieren, bis sie zuletzt aus dem Schloss auszog. Sie ließ sich nicht länger, als Anhängsel, auf die Ehefrau vom Moser reduzieren.
Theo war doch damals auch ganz verrückt nach ihr, viel es Eddie wieder ein, aber Paddy machte das Rennen, nachdem Salome verschwunden war.
Apropos Theo. Man könnte sich mal wieder auf ein Bier treffen und über die alten Zeiten reden.
Lilos Besuch würde ihn bestimmt interessieren.
Trotz der Absage beschloss Eddie, ein Auge auf Paddy zu werfen. Nur so. Aus Neugier.
Zum Aufgalopp, eine schöne Aufgabe für seinen Praktikanten.
In strahlendem Sonnenschein trat Lilo wieder auf die Straße. Ein durchdringender Geruch von Benzin und Abgasen lag in der vor Hitze stehenden Luft. Dunkle Wolken kündigten Regen für den späten Abend an.
In der Ferne erblickte sie Helen, die ihr freudig zuwinkte und näher kam.
„Wo steht Dein Wagen?“, fragte Helen Lilo, als sie frohgemut über den betonierten Fußweg zum Parkplatz ging.
Sie wandte sich ihr zu. „Ich bin mit dem Taxi gekommen.“ Ihr linker Mundwinkel zuckte.
Helen schaute Lilo verdutzt an und schloss ihr Auto auf. Kleine Fältchen zogen sich um ihre Augen. Zwei tiefe Furchen liefen zwischen Wangen und Nase. „Das klingt aber gar nicht gut. Steig ein. Ich habe Brot, Käse, Schinken und ein paar Tomaten im Kühlschrank.“ Helen zögerte, „das müsste reichen. Oder wollen wir uns etwas vom Italiener holen?“
„Quatsch. Ein Glas Wein reicht mir.“
„Mir auch. Um ehrlich zu sein, Käse und Schinken sind reichlich betragt.“
„Obwohl für Alkohol ist es noch zu früh ...“. Sie sah Helen kritisch an.
„Blödsinn. Irgendwo ist immer Abend! Wir lassen den Wolf vor der Tür und haben Spaß.“
Helen schloss die Wohnungstür auf, legte ihre Handtasche, die sie unter dem Arm trug, auf der Garderobe ab und stieg rückwärts aus ihren Sandalen, ging Barfuß in die Küche.
„Rot oder Weiß?“
„Rot. Rot beruhigt.“
„Du liebe Güte! Ist es so schlimm? Wie kommt es, dass Du mit dem Taxi gefahren bist? Hattest Du einen Unfall?“, fragte Helen und war selbst überrascht, als sie das Zittern in ihrer Stimme wahrnahm.
Lilo setzte sich, schlang die Arme um die angezogenen Beine, schluckte trocken und erzählte, unheilschwanger, wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch, Helen von ihrem Verdacht, dass Paddy eine Geliebte hatte. Sie berichtete geduldig von ihrem Treffen mit einem Privatermittler der Detektei Indiskret und das dieser den Auftrag aufgelehnt hatte. Lilo vergrub das Gesicht in den Händen. „Ich kann doch nicht einfach ins Schloss gehen und so tun, als sei alles in Ordnung! Wenn ich ihn fragen würde, würde er mir ausweichen oder alles abstreiten, dass weiß ich, so gut kenne ich ihn und zu einer Szene habe ich keine Lust. Das finde ich einfach unwürdig. Ich käme mir vor wie eine miese Schauspielerin in einer noch mieseren drittklassigen Schnulze“, ereiferte sich Lilo. „Würde ich ihm eine Szene machen, bekäme er sofort Oberwasser und würde, wie immer, die Schuld auf mich abwälzen.“
Helen schüttelte zustimmend mit dem Kopf. „Recht hast Du.“ Ihre Stimme gewann durch die Entrüstung wieder an Kraft.
So ging die Unterhaltung weiter bis in die frühen Abendstunden.
Inzwischen war es dunkel geworden. Helen stand auf, holte sich Zigaretten und ein Feuerzeug, öffnete die Balkontür, um die laue Nachtluft ins Zimmer zu lassen.
„Lass uns die Sache einmal ganz nüchtern betrachten. Du hast Paddy mit Loreley an einem Ort überrascht, wo er mit großer Wahrscheinlichkeit auch von anderen, ich meine von gemeinsamen Bekannten, gesehen wurde. Wenn er tatsächlich ein Verhältnis mit dieser Person hätte, würde er sich nicht mit ihr in der Öffentlichkeit blicken lassen. Zumindest kann ich mir das nicht vorstellen.“
„Aber wie finde ich heraus, ob die beiden wirklich etwas miteinander haben?“ Lilo hob entmutigt ihr Glas, führte es an ihre Lippen und hielt es mit den Zähnen fest. Es war leer. Sie stellte es ab und schenkte sich nach, musterte aufmerksam, unverkennbar skeptisch, das Etikett.
„Bevor wir uns etwas ausdenken, hole ich uns doch etwas zu essen. Ich habe Hunger bekommen.“ Helen machte ihre Zigarette aus und ging zurück in den Wohnbereich, schloss die Balkontür und zündete zwei Duftkerzen an. Theo mochte es nicht, wenn in der Wohnung geraucht wurde.
„Ich auch“, gestand Lilo, stand auf und ging in die Küche, gefolgt von Helen.
„Hast Du Marmelade im Haus und Butter, die nicht ranzig ist?“ Sie lehnte ihren Kopf an das Regal mit den Kochbüchern und kreuzte die Arme vor der Brust, wohl aus dem Bedürfnis, sich vor ihren eigenen Gedanken zu schützen.
Helen verzog das Gesicht zu einer Fluppe und verbreitete somit eine komische Stimmung. „Bist Du verrückt? Marmelade mit Wein geht gar nicht. Aber Du bringst mich da auf eine Idee ...“. Sie rannte zum Kühlschrank und riss die Tür auf. „Sie ist noch da! Frühstücksfleisch in der Dose, das Verfallsdatum ist noch nicht abgelaufen. Na, wie klingt das?“
„Perfekt.“ Lilo prüfte das Toastbrot. „Das ist noch essbar“, stellte sie fest.
„Bewunderst Du Deinen Mann? Himmelst Du ihn an? Vermittelst Du ihm das Gefühl, er sein ein einziges Juwel und ein göttlicher Liebhaber?“
„Bin ich blöd?“, entgegnete Lilo heftig.
„Nein, das bist Du nicht, aber klug bist Du auch nicht. Du solltest Loreley dankbar sein, weil sie Dich aus deiner verschlafenen, phantasielosen Trägheit herauskatapultiert hat. Jetzt bist Du aufgeschreckt. Siehst Du.“ Helen sprach mit dem vollen Glas in der Hand. Sie war so in Rage, dass der Wein drohte überzuschwappen. „Jetzt willst Du vielleicht sogar kämpfen? Willst ihr zeigen, wer das Alphaweibchen ist. Auch zubeißen? So lange, bis sie abgeschlagen das Feld räumt? Gut so. Du musst ihr zeigen, wo‘s langgeht.“
Lilo spielte mit ihrem leeren Weinglas. Der letzte Tropfen begann anzutrocknen. Helen nahm es ihr aus der Hand, füllte es und reichte es ihr wieder. Er roch sehr viel besser, als er schmeckte.
„Wenn Du erst mal Deine Wunden geleckt hast, können wir uns auch morgen treffen und einen Plan schmieden.“
„Hast Du eine Idee?“
„Wir brauchen alle einmal einen Weckruf. Jeder isst gerne Steak, aber niemand möchte mit einem Metzger befreundet sein.“
Helen hatte, nach reichlich Alkohol, die perfekte Idee. Sie würde Paddy einem Treuetest unterziehen. Bei dieser Vorstellung glitzerten ihre flinken Augen wie Glasperlen. Sie bekamen eine warme Tönung und blickten mit unverhüllter Zuneigung auf Lilo.
In einem Magazin hatte sie erst kürzlich gelesen, dass Männer Menschen sind, bei denen Pubertät und Midlifecrisis fließend ineinander übergehen.
Der Auftrag – Club 56
Anders als die kleinen, dunklen Bars und Nobelrestaurants auf der Hafeninsel in Offenbach, in denen Lilo und ihre Freunde normalerweise verkehrten, war der Club 56 ein riesiges altes Lagerhaus, das man in eine Gaststätte mit Bar umgewandelt hatte. Von der hohen Decke hing ein gigantischer Leuchter in die Mitte des Raumes herab, der in einer Art Landhausstil eingerichtet war. Hinten standen, mit Sonnenblumen bepflanzt, mehrere große Tontöpfe, vorn war die stets gut besuchte Bar.
Heitere, sommerlich gekleidete Menschen saßen an den langen, mit blau-weißem Papier bedeckten Tischen, aßen Frankfurter Kranz, tranken Kaffee und genossen den schönen Tag. Andere liefen hierhin und dahin, um Freunde zu begrüßen. Wiederum andere balancierten gerippte Gläser mit Apfelwein vom Fass auf einem Tablett, gingen an das Buffet um sich Handkäse mit Musik, Grüne Soße und andere Köstlichkeiten zu holen.
Читать дальше