Nach Lilos Schätzung hatten an den Tischen, im großen Speisesaal, leicht zweihundert Gäste Platz. Aus unsichtbaren Lautsprechern strömte, etwas aufdringliche, unpassende, bayerische Volksmusik. Der ideale Platz für ein geheimes Rendezvous.
„Du bist immer noch mit ihr verheiratet?“
„Ja. Immer noch.“ Theo goss sich ein Glas Bier ein und sah zu, wie der Schaum langsam hochstieg.
Es war weder ein nachdrückliches noch ein automatisches < Ja >.
„Bist Du glücklich?“ Lilo erwähnte den Besuch bei Helen mit keinem Wort. Sie hatte über ihre Ehe mit Theo ordentlich vom Leder gezogen.
Das Kinn auf die Hand gestützt, dachte Theo nach und konterte leichthin: „Selbstverständlich.“
Aber der Klang seiner Stimme verriet ihn. Sie hatte einen Unterton, die so beunruhigend war wie eine gefährliche Strömung eines trügerischen glatten Wasserspiegels.
„Lügner!“, sagte sie zu laut. Erschrocken über sich selbst sah sie sich um, ob sie belauscht wurden.
Niemand nahm Notiz von den beiden.
Er blickte auf das vom Kerzenschein beschienene Gesicht von Lilo. Seine Ehe mit Helen hatte längst an Feuer verloren.
„Du bist kein Mann, den man heiratet.“
„Ich habe auch immer gedacht, dass Du für die Ehe nicht taugst“, wehrte er beiläufig ab und trank betreten einen Schluck Bier.
Lilo errötete und brach verlegen ab. Sie nippte an ihrem Gänsewein und ging vorerst nicht darauf ein. Mit dem Daumen wischte sie die Lippenstiftspuren von ihrem Glasrand ab.
Es folgte eine Pause langen Überlegens.
Neben ihm wirkte sie klein und unscheinbar. Es war lange her, dass sie sich zuletzt begegnet waren. Lilo hatte sich offensichtlich sehr verändert. Gewiss, ihr Haar hatte immer noch diese widerspenstige Mähne aus schwarzen Locken aber ihr Gesicht war anders, als er es in Erinnerung hatte. Früher strahlte es eine grimmige Entschlossenheit und Selbstsicherheit aus. Nicht besonders schön, aber gleichwohl faszinierend, besonders wegen der glutvollen und klugen Augen. Jetzt sah sie abgehärmt und gehetzt aus. Sie hatte abgenommen. Er sah Schatten in ihrem Gesicht, in ihren eingefallenen Wangen, die früher nicht da waren.
Einen Augenblick war etwas von der alten Vertrautheit zwischen ihnen, aber sie stellte den Abstand schnell wieder her.
„… aber ja. Eine Frau kann so immer noch am leichtesten zu Geld kommen. Schon als kleines Mädchen wollte ich reich sein. Ich wollte nie etwas anderes geschenkt bekommen, keine Puppen, kein Spielzeug, am liebsten war mir immer Geld. Ich habe dazugelernt. Manchmal leicht, manchmal schwer, aber gelernt habe ich es. Man kann alles für Geld kaufen und ich mag Leute nicht, die das nicht zugeben. Reich bist Du erst, wenn Du nicht mehr fragst, woher das Geld kommt und das erreichst du als Frau nur in einer Ehe! Eine Frau in meinem Alter hat nur eines zu befürchten: Die Zukunft“, stieß sie zornig hervor und wickelte eine Strähne ihres Haares um den Mittelfinger bevor sie sie sich hinter das linke Ohr strich. Ihre Augen sprühten in einem lodernden Feuer und ließen von ihrer früheren Schönheit ahnen.
„Und wie ist die Ehe mit einem egozentrischen Künstler wie Paddy Moser, der Dich wie eines seiner Schmuckstück behandelt?“, beeilte sich Theo zu fragen. Er blickte auf und fixierte Lilo mit einer Intensität, die ihr Unbehagen bereitete.
Als sie seinen Blick erwiderte, hatte sie das Gefühl, dass er sich irgendwie in ihr Gehirn eingeschlichen hatte und darin herumwühlte, auf der Suche nach dem wunden Punkt.
„In Ordnung, glaub ich. Ich bin eine treue Ehefrau.“
„Du konntest noch nie gut lügen.“
„Wie meinst Du das?“
Theo ging auf ihre Frage nicht ein. „Ich hab Deinen Göttergatten in einem vornehmen Restaurant, umgeben von Schöngeistern gesehen, wo die Kellner dich hochnäsig behandeln, aber um ihn sprangen sie herum wie emsige Bienen. Seine Stimme war von derselben Qualität wie sein Lächeln. Frisch und schwungvoll. Allenthalben sah man zarte Wangen gezeichnet von beherzten Bruderküssen. Paddy Moser, ein Mann, der über sich selbst spottete und ich fragte mich, ob das wirklich Überlegenheit war, oder ob er nicht eine Fassade zeigte, die sich von der Wirklichkeit unterschied. Ein Mann, der seine Lebensweisheit über die Gruppe ergoss. Paddy duldete dabei keine Unterbrechung. Souverän brachte er seine Zweifler zum Schweigen.“ Er machte eine Pause um seine Worte wirken zu lassen.
Was er Lilo verschwieg: Theo machte sich gegenüber Paddy natürlich bemerkbar und auf sein Zeichen hin trafen sich beide auf der Toilette und heckten einen Plan aus.
Es kam zu einer Übergabe.
Theo schwenkte das Bier im Glas, um zu sehen, ob es noch schäumte. Es schwappte über, der Rest blieb schal. Theo leckte sich die Lippen und trank es trotzdem achselzuckend aus. „Hast Du Probleme mit ihm?“
„Wie kommst Du darauf?“
„Nur so.“ Ein boshaftes Grinsen lag auf seinem Gesicht.
Mit einem lauten Seufzen atmete sie aus. „Ich spiele in seinem Leben nicht mehr die erste Geige.“
Es schien sie sehr zu beschäftigen.
„Und das soll ich ändern? Was erwartest Du von mir?“
Die Frage, mit so sanfter Stimme vorgebracht, ließ Lilo verstummen. Sie mochte es gar nicht, wie er ihr zu Leibe rückte, doch dann besann sie sich auf ihr Anliegen. Ihr Blick wanderte zur Eingangstür. Es vergingen ein paar Sekunden. Als sie wieder sprach klang ihre Stimme etwas weicher, leise und schläfrig, als ob sie in Trance wäre.
„Ein paar delikate Fotos den entsprechenden Leuten zugespielt – und ich könnte die Scheidung einreichen.“ Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. Es war eine kalte, einstudierte Geste. Sie blieb ernst und angespannt. „Du weißt, dass ich lange gebraucht habe, um das zu erreichen und deshalb bin ich wachsam.“ Sie warf ihm einen flehentlichen Blick zu. Sie wusste, dass sie mit Hilfe eines kleinen Flirts und indem sie die naive Unschuldige spielte, dass von ihm bekommen würde, was sie wollte.
„So, so.“ Insgeheim machte Theo sich über ihren Plan hämisch lachend lustig. < So tief bist Du also gesunken um auf ein solches lächerliches Mittel zurückzugreifen. Das ist einfach nur billig! > Theo ließ es dabei bewenden. „Männer sind immer auf der Pirsch nach der idealen Frau – vor allem nach der Hochzeit. Treue ist nicht immer eine Frage des Charakters. Es ist eine Frage der Gelegenheit.“
„Du sprichst von Dir?“, gab sie mit einem ironischen Grinsen zurück und zog dabei die Augenbrauen hoch.
Theo blieb ihr abermals eine Antwort schuldig. Er ließ den Kopf gramerfüllt hängen und sah verdrießlich auf sein Glas, seine Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst. Sie betrieb psychologische Spielchen. Ein eindeutiges Zeichen für Wut und Hass. Sie war bösartig!
Lilo hatte jetzt Sicherheit. Mehr als andere. Und mehr als andere musste sie darüber wachen, jeden Augenblick.
„Am Samstag findet im Schloss eine Hochzeit statt. Paddy hat den Ballsaal im Erdgeschoss freigeben ...“. Lilo rang mühsam um Fassung. < Reiß dich zusammen! > befahl sie sich wütend, als ihr die Tränen in die Augen stiegen.
Da ihr Wehklagen leider keinen Heilbalsam aufs geschundene Herz träufelte, schluckte sie die Tränen herunter bevor sie verebbten.
Theo erwiderte nichts und keine Miene seines unbewegten Gesichts verriet seine Gedanken.
< Wir hatten einst eine schöne Zeit – leider nur viel zu kurz >, dachte er. < Du geldgeiles Miststück! >
Lilo hatte keine bösen Träume mehr, so etwas Ähnliches hatte sie gesagt. Sie waren nur in ihrem Kopf und somit hatte sie von ihnen nichts zu befürchten. Sie hatte gelernt, erhobenen Hauptes durch ihre Albträume zu wandeln und sich von ihnen keinen Schrecken mehr einjagen zu lassen.
Nun hatte sie zwar keine Angst mehr, aber noch immer keine Macht über ihre Träume. So gelang es ihr zum Beispiel nicht, ungebetene Gäste fernzuhalten. Immer wieder suchten sie in ihren Träumen Fremde heim, die nicht die Absicht hatten, zu ihrer Unterhalten beizutragen. Sie lungerten faul und untätig herum, als sei Lilos Kopf ein Wartezimmer. Sie hatte nicht selten das Gefühl, dass ihre Träume hinter den Kulissen der Träume anderer abspielten. Aber die bei weitem kuriosesten Besucher ihres Unterbewusstseins waren die Toten.
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