Globalisierung und Sphäropoiese im Größten ist das Grundereignis des europäischen Denkens, das seit zweieinhalbtausend Jahren nicht aufhört, Umwälzungen in den Denk- und Lebensverhältnissen der Menschen zu provozieren.
Die Repräsentation des Weltganzen durch die Kugel, ist die entscheidende Tat der früheuropäischen Aufklärung. Wo Umgebung war soll die Kugel werden, ein Seelensprung ins Ganze. Die Sterblichen werden eingeladen, vom Trog der Sorge aufzublicken in den großen befreundeten Raum, in dem alles gleichzeitig, ausgeleuchtet und offen ist.
Die Kugel gelangt auf Münzen, in die Hände von römischen Kaisern, Sphäre und Herrscherportrait wurde Voraussetzung für Machtdemonstrationen, das Kreuz auf der Kugel verschafft sakramentale Überhöhung. Der Fuß des heiligen Franz von Assisi, aufgestützt auf einer Erdkugel ist nur eines von vielen. Auch Geld und Globus gehören zusammen: wer den Kreislauf beherrscht bringt das Ganze an sich. Nicht die Erde läuft um die Sonne, vielmehr das Geld umrundet die Erde.
Aber das Bild der Kugel ruft die Frage nach der Lage in der Mitte, nach Identität und Residenz des Gesamtherrschers hervor, andererseits auch, ob die allesumfassende Kugel ihrerseits auf eine Stütze oder einen Grund gestellt werden kann. Auf welchem Sockel müsste sie zum Stehen gebracht, in welcher Hülle oder Umfassung wäre sie einzubetten? Wer soll tragen, was alles trägt. Oder kann man schon zulassen, dass sie im Leeren schwebt ?
Diese Rolle konnte nur von einem titanischen Kandidaten übernommen werden.
Athlet und Denker in einem: Atlas wurde das Symbol für diese gigantische Aufgabe. Wer kennt ihn nicht?
Die Spekulationen um diese Figur gehen uns alle an. Waren sie doch die Geschichten und Denkvorlagen die der Mythos schrieb und schreibt.
Sein Körper ganz auf Anstrengung spezialisiert, bezeugt eine Kultur, die im letzten über nichts anderes spricht, als über die Pflicht, stark zu sein in einer Welt, in der es für die Mächtigen keine Erleichterung und für die Schwachen keine Nachsicht gibt.
Das größte Gewicht kann nur von dem größten Gedanken getragen werden.
Der wahre Himmel will in umfassenden Reflexionen gehalten werden.
Sein Träger oder sein Gestell ist das Denken selbst.
Der Logos ist zum Komplizen, zum fundamentum des Umfassenden geworden.
Die Liebe zur Weisheit und die Liebe zur Schwere des Einen, Ganzen, kommt auf eines hinaus.
II. Parmenideischer Augenblick
In der Kugel verbirgt sich eine monumentale Zweideutigkeit: sieht sich der menschliche Geist in sie selbst eingefügt oder platziert er sich außerhalb von ihr? Die Gefahr dabei: der Betrachter sieht von seinem wirklichen Ort im Dasein ab und flüchtet in ein fiktives Zuschauerleben jenseits der Welt.
Was Heidegger Seinsvergessenheit nennt, beginnt schon mit der antiken Anweisung zum seligen Sehen der Kugel von außen.
Metaphysische Globalisierung: die Einladung zu einem erster Verrat am existentiellen Ort des Menschen?
Atlas selbst - brutal ausgeschlossen von dem Ganzen das er trägt- steht in seiner angestrengten Blindheit unter der Last, weltbildlos da. Er philosophiert mit zusammengepresster Seele. Er kann zu seiner Zeit noch nicht freihändig auftreten, weil er zum Prinzip Entlastung noch nicht durchgedrungen ist. Noch ist man Dulder von Verhängnissen, kein Überwinder von Zuständen. Weisheit ist noch nicht unter das Diktat der Wissenschaftskultur geraten.
Parmenides setzt hier eine erste Ausnahme. Für ihn ist die Kugel kein zu betrachtendes Außen sondern bietet freie Umsicht im Inneren eines offenen, von sich selbst her Aufschluss über sich gebendes Seienden.
Denken und Sein ist dasselbe.
Nur von innen her, immanent, intern bleibend, lässt sich die Kugel des Seienden anschauend in Gedanken fassen.
Für Parmenides ist der Raum der Philosophen das gelichtete Ungeheure. In der Seh-Schule des philosophischen Gesamt-Umblicks begreift oder spürt der Denker, was es heißt alles zu „wissen“, alles Sehrbare zu sehen, alles Umgebende in den Ring des Seins gefasst zu erkennen und dies alles für immer und stets im selben Licht des Bemerkens, eines „dass es ist“ gebracht werden kann.
Gewöhnliche Sterbliche scheuen den Blick oder finden vor lauter aktuellen Sorgen und weil sie am nächstbesten haften, inmitten der Kugel, das sie Kugelblinde sind.
Der Philosoph ist der Günstling der Götter, erhält den Zugang zum besonderen Standort. Außerdem musste er ein Ekstatiker sein, der als absolut kontemplativ, entselbstet umblickende Intelligenz sich ins „nicht-zitternde-Herz-der Wahrheit“ versetzt.
Während die Außensicht der Kugel als Super-Objekt den Super-Betrachter nicht enthält, verkörpert die parmenideische Kugel den Inbegriff einer all-immanenten Einschließungsfigur die die Struktur eines geistigen Sachverhalts mit einem von innen durchseelten, gleichmäßig ausgeleuchteten Gewölbepanorama besitzt.
Der Betrachter im Außen müsste eine absolut exzentrische Position, der Betrachter im Innen eine absolut zentrische Position einnehmen.
Sloterdijk zitiert Alexander Kojève: „..man kann sich in dieser parmenedeiischen Kugel de-platzieren wie man will, man wird überall genau soviel Sein vor sich wie hinter sich haben und es wird überall dasselbe sein.“
Hier liegen zwei Ansichten in Konkurrenz. Der alles Innen bietet den Vorteil, durch das Innere der menschlichen Selbstbeziehung zu gehen und sich damit eher von dem Verdacht eines „archaischen“ All-einheitsgedankens freimachen zu können.
Alles-Innen-Ausläufer reichen über den Deutschen Idealismus bis zu Heideggers In-der-Welt-Sein und Gilles Deleuze Immanenzpathos.
Nun geht es darum offenzulegen, wie das Grundphänomen der mikrosphärischen Welt – der gegenseitigen Evokation („an sich zu ziehen“„hervorrufen“) der in starker Beziehung vereinten Zwei – auch in der Makrosphäre, dem kugelförmigen Universum wiederholt.
Das Paar muss auch die absolute Kugel für sich gewinnen.
Wenn es ein absolutes Zentrum gibt, dann tritt die Frage nach Rolle und Bedeutung der Epizentren auf; nach dem Außen und ihrem Gegenüber auf und was ist mit dem nicht umschlossenen Rest.
Das schöngerundete Ganze der Außensicht-Kugel ist stets vom Sklavenaufstand der äußeren und unteren gefährdet und hat nur solange Bestand, wie das Zentrum, das epizentrische, in Schach halten kann.
Der Innen-Seher Kugel droht Gefahr, durch die, von den gewöhnlich Sterblichen nicht einnehmbaren Mitte-Sicht.
Dadurch entsteht eine zweite Exzentrik: diejenige der gewöhnlich-sterblichen Augen zur optimalen Mitte. Sloterdijk nennt sie Epizentrik: die Spannung zwischen der
zentrierten Sicht in die ontologische Sphäre und er epizentrischen Weltauffassung vom existenziellen Standpunkt her. Die Spannung zwischen „Der/Meiner Mitte“ und „mir normal sterblichem“.
Damit ist ein folgenreicher Urteilsspruch über die kognitive conditio humana gefällt:
Die Menschen sind immer und ohne Einschränkung zum Dasein auf halbblinden epizentrischen Standpunkten verurteilt.
Sie sind die aus dem Zentrum gerückten, die in die Umstände Verschlagenen, die Randwesen, die situativ Benommenen.
Menschen sind die Marginalen Gottes und daher unheilbar epizentrisch, halb sichtig, halb klar,
für alle Zeiten Nicht-Mittelpunkt-Wesen.
Philosophie ist die Zumutung zu verstehen, dass die Mitte anderswo ist.
Epizentrische Existenz bedeutet: sich von den Zusprüchen eines höchsten Zentrums angehaucht und in Mitleidenschaft gezogen wissen, ohne sich mit diesem selbst verwechseln zu dürfen. Und genau damit tritt im Raum des bewussten Lebens ein Verhältnis in Kraft, das exakt der Wiederholung mikrosphärischer Intimbeziehungen auf makrosphärischem Niveau bewirkt.
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