Der menschliche Raum entsteht so durch die Impfung mit dem Tod.
Individuum wird, wer durch das Verschwinden unersetzlich Anderer gezeichnet ist, sich auf Verlassenwerden eines unersetzlichen Anderen einzurichten. So entsteht die Grundhärte der erwachsenen Einzelnen. Sie funktioniert als Isolierung gegen symbiotische Nähe-Versuchungen. Dieser zu erliegen würde zumindest ein Wachsen der Sphäre verhindern, aber sicherlich ein weiteres Werden einschränken.
Aber Leben will Leben.
Kultur gelingt, wenn sie als Vorschule des Zurückbleibens nach dem Tod des Meisters funktioniert. Es wird als „Erbe“ diskutiert. Wer sich früh genug darauf gefasst macht, den schützt es vor irreparablen Trennungskatastrophen, d.h. wenn der Verlust dem Verlierer über den Kopf wächst.
Insofern wachsen Mikrosphären zu Makrosphären, indem sie die stressierenden Außengewalten in ihren eigenen Radius einbauen. Das Wachstum ist dann ein Stress-Kurs der äußeres durch Einschließung neutralisiert.
Der Wille zur Macht muss in einer innerweltlichen Großkugel, einem Imperium ausdehnungsgleich werden mit einem Willen zur Beseelung des gesamten Raumes.
So lautet in den großen Hochkulturen der morphologische Imperativ: Runde und Herrsche!
Wenn der Tod der erste Sphärenerweiterer ist dann ist der Stress, der durch Neid und Böses in eine Gesellschaft injiziert wird der Sphärenfestiger.
Frühe Gesellschaften trieben durch gewaltträchtige Riten gegen das Böse, dieses aus ihrem Inneren hinaus ins außen. Damit wurde aber auch der Außenraum zu einem dämonischen Ort, ein unkontrollierter Raum, von dem das Böse wieder zurückkommen konnte. Dadurch ergab sich ein undeutlicher oft symbolischer Ring, der Innen und Außen trennte, in ein Gutes Hier und ein Böses Dort.
Die topologische Differenz zwischen Innen und Außen hat darum einen moralischen Sinn, sowie die Moral einen immunologischen Sinn hat.
Sie erzeugt das Gefälle vom Guten zum Bösen, vom Reinen gegen das Unreine, das Gerechte gegen das Ungerechte. Gesellschaften bleiben Anstrengungs- und Rauschgemeinschaften, die von Zeit zu Zeit in einhellig geteilten ekstatischen Erregungen gegen die vermeintlichen und realen Urheber des Bösen vibrieren.
Sie entwickeln früh Routinen der solidarisierenden Erregungen in ihren Affekt-Arenen. In modernen Gesellschaften als Skandale und Empörungsübungen.
Innenraumheiligung und Umweltverübelung geben sich die Hand.
Alle Xenophobie, wie die Religionen, beginnen mit der Furcht vor der Wiederkehr des Ausgestoßenen.
poetisch kapitel 2 gefäßerinnerung
über den grund der solidarität
in der inklusiven form
seneca lobt die glückliche zeit
vor den architekten
alberti die natur die alles
rund haben wollte
und becket fragt
woher die stimme kommt
die „lebe“ sagt
die eigene antwort:
aus einem anderen leben
menschen sind die tiere
die ihr leben gemeinsam führen
gesellige herdentiere von anfang an
die nicht allein-lebenden
was die vertragstheorie bisher übersah
das feld der starken beziehungen
was aber ist das gemeinsame werk
das apriori zueinander treibt
ineinander verschränkt
unter gemeinsame daseinsgründe stellt
von altsteinzeitlichen wildbeuterkulturen
bis an die schwelle der moderne
stehen menschengruppen
unter übermächtigen
existenziellen form-imperativ:
sie sind in starken beziehungen
miteinander verwoben
auch die mauerlose gemeinschaft
reproduziert sich aus kohäsionsenergien
sie schaft den existenzialraum
die für sie typische form in der sie sich
und anderen erscheinen kann
sich selbsterzeugende
morphogenetische prozesse
schaffen sich die hülle
das sphäro-poetische projekt
auch zunächst ohne geometrie
welt ist dann das was von einer form
oder in grenzen enthalten ist
alle manifesten dinge
werden von einem äußersten ring
aus unsichtbaren ordnungsmächten
umspannt
bei kritischem größenwachstum
gerät die gruppe unter morphologischen stress
baut mauern oder nutzt symbolische mittel
stadtmauern und reichsgrenzwälle
bei den wirklich zusammenlebenden
haben innenverhältnisse
vorrang vor umwelt-beziehungen
wände existierten bevor sie gebaut wurden
die topologische urdifferenz
bei uns- nicht bei uns
ein magisches universum der identitäten
aus dem unfriedenraum schneiden wir
unser wohn-stück als nischenbauer
ein sozialer uterus
ein uterotechnisches projekt
wohnen heißt zwischen geschonter
und ungeschonter sphäre zu unterscheiden
hier lichtet sich die welt als die unsere
der eigene ort das herz des seienden
der sitz der weltseele
höhere dichte vertraute helligkeit
aber größerer gefährdungen
selbstbergung selbstklimatisierung selbstrundung
werden ortsschöpferisch
es mag millionen geben aber hier hier diese
ermöglicht mich
der ausschnitt ist die botschaft die sphäre der sinn von sein
hier wird die welt ent-fernt
der raum des nah-sein-könnens eröffnet
wohin das zoon-politicon auch kommt
sie haben ihr vermögen dabei den eigenen innenraum
und dessen stimmung selbst zu schaffen
als abbild des drinnen wird das draußen erobert
als abbild des draußen das drinnen sakralisiert
indem sie sich einrichten bergen sie sich
in topologischer mehrdeutigkeit
die jedes hier zu einem anderswo in spannung bringt
vor aller psychologie ist
inneres gelegentlich wie fremdes
äußeres wie eigenes
überall werden endosphären erzeugt
weil das menschliche tier geprägt bleibt
von der erinnerung an ein anderes
innengewesen-sein
und der vorwegnahme eines letzten umhülltsein
die klausur in der mutter
prägt in jedes zur welt
gekommene leben
das bleibende urszenische muster
des enthaltenseins in einer fördernden rundhöhle
von dieser matrix stammen die meisten späteren
behälterforderungen wie auch behälterphobien
im weltalter der metaphysik überwog das motiv selbstbergung
überwiegend vor selbstbefreiung
in der moderne liegt das primat auf freiheit
vor höhlenbedürfnisse
mit einem starken zug zur horizontüberschreitung
die neuinszenierung des raumes
soll gegenwart bei sich geben
das ursprüngliche fötale schweben
prägt die aufgaben der späteren
sozial-geometrie oder politischen geografie:
die grundstruktur der klausur in der mutter
mit den mitteln des veröffentlichten lebens
zu wiederholen
nur im continens kann es das contentum
im offenen behälter das gut entbundene
geben
behälterimperative:
bilde gemeinsame sphären
so das die maxime
des zusammenseins
als aufforderung gelten
lebendiges durch lebendigem
zu umgeben
die psychoanalyse übersah
das nicht beziehungsmuster
sondern raumverhältnisse
übertragen werden
nicht verdrehung des liebeswunsches alleine
sondern die art und weise mit dem anderen
einen gemeinsamen primärraum zu bilden
in gruppenprozessen erfährt man die neigung und eignung
in verschwörerischen euphorien aufzublühen
jede organische gruppe
als lebende metapher
für formforderndes daseinwollen
in einem gemeinsamen innen
neugeborene finden
einen erfolgsversprechenden
weg ins leben
wenn sie in der neuen außenanlage
die chance erhalten die vertraute szene
innen-sein- mit ihren müttern modifiziert
weiterzuspielen
wir verlassen nie wirklich den uterus
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