Was braucht das kleine, zitternde Wesen im Angesicht des unglaublichen Raumes:
Die Allmacht-Kraft "eines Gottes". Wer mich als "sein Ebenbild" erschafft, dem kann ich nachfolgen, den kann ich auch bald "überwinden= töten".
Was folgt: die Mechanisierung der Mütterlichkeit in der nach-theologischen Zivilisation.
Für Parmenides wird Denken und Sein identisch. Denken in einer freien Umsicht im offenen. Durch einen plötzlichen Augenaufschlag der Blick in das gelichtete Ungeheure der Philosophen. Überall dasselbe Sein. Wohin Du auch gehst oder blickst. Du bist überall dabei. Selbst im nicht-zitternden Herz der Wahrheit.
So wurde das Gute, Runde, Schöne willkommene Blaupause für Religion und weltliche Regenten. Strenge, Befehl, Gehorsam und Disziplin: ein platonischer Nachhall des "Einhegens"? Alles "Züchtigen-Zurichten" ein gut gemeintes "Umsorgen", ein "vom Sein" (=Gott?) gedachtes, also auch für mich?
Angesichts dieser "Kugel" als der einzigen die gilt, wird das "kleine Wesen" zum Optimismus verdammt. Es trainiert sich im exakten Optimismus: Das eine Sein ist der Reichtum schlechthin. Platon hatte es vorgemacht: Entspannung in der Apokalypse des Raums. Wer sich umschaut entdeckt eine Welt voller Kugelsymbole. Auch heute noch und heute wieder besonders.
Doch den Einwohnern wird bald deutlich: Es ist "die letzte Kugel". Seit der terrestrischen Globalisierung -durch Kartografen und Seefahrer, später Klimatologen, Wirtschaftspolitiker, Ökologen zeigt sie sich nicht nur als das Schönste, Rundeste, Beste, sondern ebenso als Halbschön bis Hässlich.
Immerhin war sie 2500 Jahre "gültig". Alles erobernde, ergreifende, strenge, hierarchische, ein Oben und Unten denken, in Vorgaben und Folgen, in Befehl und Gehorsam waren Ihr Nachhall bis in die 1950iger/60iger Jahre das letzte Jahrhundert. In manchen Angelegenheiten ist sie es bis heute. In vielen Rückwärtsbesinnungen klingt sie durch: die Trauer um die vergangenen guten alten Zeiten, als alles noch an seinem Platz gestanden haben soll.
Der Band 2 führt uns in den Band 3. Dort erwarten uns keine harten, feste Brocken, keine neuen Felsen, sondern "Schaum". Das "kleine Wesen" zeigt sich als Blasen und Kugeln vergessenes Wesen. Es wandert in die "Moderne" und findet sich im "Schaum". Der neue Machthaber hat nicht nur seine Geburtlichkeit, sein Aufgehoben-sein -wollen vergessen, sondern auch seine Endlichkeit. Das Feste, logische, zweiwertig, ein real-aufgeklärt objektiv vor uns liegendes, findet eine Ablösung durch flüchtiges, mehrwertiges. Kontingenz wird die neue Zeit-Marke.
In der "Neuzeit", die manche die Moderne nennen, geraten wir in das unglaubliche Experiment, die "Zwei" zu leugnen und den Individualismus in den Mittelpunkt zu stellen. Das große Runde, Schöne, Göttliche, diese allumfassenden Geschichten, sie verblassen. Auch sie hat die Entropie nicht verschont. Nun steht eine andere Zeit, eine andere "Gesellschaft", eine anders geprägte, alles umprägende Kultur auf dem Wanderplan. Verdammt zur Sorglosigkeit nach den Jahrtausenden der Sorge.
lernziel:wie eine philosophische schule entsteht
womit und wie sie die (alt europäische) welt in ein einheitsdenken nimmt
das kugeldenken als philosophie wird die vorschule der theologie
warum man etwas absolut rundem, umgreifenden, attraktiven, tragendes, die gefolgschaft nicht verweigern kann (konnte)
wir lernen außerdem, das die entropie auch vor dieser kugel-macht nicht still steht
ideen über das ganze
über eine kugel
machen vor 2500 jahren
die runde
philosophische theoriespiele
spalten die nachfolgenden
gesellschaften endogen
ein anfall von unvermeidlicher
dringlichkeit
eine weltergreifende idee
startet ihren flug
ein ausnahmezustand des denkens
etwas noch nie gedachtes gesagtes
ein fruchtbarer augenblick
kühne gedanken
umkreisen
eine allmächtige kugel
ein heiligenbild
ein denkaltar
ein totalitätssymbol
verehrende forschung
vor dem emblem
des göttlich seienden
symbol des alles
physisch und geistig
umgreifenden
eine die den nachdenklich sterblichen
kein entrinnen lässt
die kugel ein götterbild der denkenden
eines das zu denken gibt
noch nicht zum beten
aber zur analyse
messung
und beweis
präzise erwägungen
wurden sein kult
ihr innenraum
fordert kongeniale geister
die beleben sollen
intelligenz wird sphärenspannkraft
einsicht verschafft umsicht
im nahen und im ungeheuren
logischer enthusiasmus
kommunitarischer enthusiasmus
ein pfingstereignis
der denkgeschichte
staunen
aber bitte mit trockener seele
von überwältigendem
sprechen
sieben eigenschaften riefen sie der
kugel hinterher:
sie sei gott
sie sei das schönste
sie sei die größte
sie sei das weiseste
sie sei erfüllt vom schnellen geist
sie sei mit kraft als stärkstes
sie sei ohne anfang ohne ende
wir sind umgriffen gerettet
obschon wir uns dem
mangel ausgeliefert fühlen
der philosoph ist
zum optimismus verpflichtet
den alten europäern
bleibt weisheit:
sich in kontemplativer dankbarkeit
in diese ur-fülle
einzugliedern
sich den besten gründen auszuliefern
während es uns moderne
zu ursprungsflüchtigen macht
vorwärtslaufend denkend
gegen das heimweh
nach dem unveränderlichen noch-nie-dagewesenen
von-ferne-versprochenem
sie scheint uns zuzurufen:
spielt weiter mit dieser kugel
die königen legitimation
und dichterfürsten
zu denken gaben
der mensch
das ekstatische tier
dem ein weltapfel
in die hand gelegt wurde
angesichts riesiger
fragen und aufgaben
schien es nicht wunder
das wir mängelwesen
zu sein schienen
wer kann als mängelwesen
der fülle schon standhalten
was soll aus der kugel
werden
in zeiten ohne könige
was aus den königen
in zeiten ohne kugel
Die Szene spielt im 1. Jhrd. vor Christus. Sieben bärtige Männer sitzen zusammen. Es hat den Anschein, als mache eine Idee die Runde und durchfahre sie wie ein Anfall. Weltergreifende Ideen beginnen ihren Flug.
So wie die Offizianten religiöser Kulte Statuen zu Ehren der von ihnen bevorzugten Gottheiten errichten, so haben die Gelehrten hier das Bild der Seins- und Kosmoskugel vor sich aufgestellt, um sie mit angemessenen Erörterungen zu verehren.
Die Kugel ist das Götterbild der Denkenden. Kästchen, Podium sind ihr tragbarer Altar, der Hain vor den Toren der Stadt ist ihr Tempelbezirk. Die sphaira ist der Gott der zu denken gibt. Aber es sind nicht Gebete und Anrufungen, sondern Analysen, Messungen und Beweise. Verehrende Forschung über ein Symbol für jenes Umgreifende oder Um-Sein, periéchon , das alle physischen und geistigen Gattungen des Seienden in sich fasst und das somit auch die Intelligenzen durchwirkt, die sich hier über die Kugel beugen.
Ihr Innenraum verlangt nach einem kongenialen Geist, der ihn beleben soll, das meint erzeugen und ermessen. Intelligenz ist Sphärenspannkraft; aus Einsicht wird Umsicht im Ungeheuren. In den Evidenzerlebnissen gibt sich der Gott, der Eine, Einstimmige, den Denkenden zu sehen. Logischer Enthusiasmus bestätigt seinen Verehrern, dass er in ihnen gegenwärtig ist.
Im bewährungsmächtigen Begriff und im seinsfähigen Bild kommt der göttliche Geist - der hier unterstellt werden darf - auf den menschlichen zu. Es ist das Pfingstereignis der Denkgeschichte, der Ausguss logischer Feuerzungen.
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