Außerdem hatte er Angst von seinen Kameraden ausgelacht zu werden, wenn sie ihn zur Kirche rennen sahen. Aber als Marie ihn bat, sie in die Frühmesse zu begleiten, konnte er wieder nicht Nein sagen. Wenn sie sagte: „Tu es Josel zuliebe, es wird ihm helfen!“, glaubte er ihr. Bei seiner Großmutter glaubte er es nicht.
Er war so verschlafen, dass er kaum mitbekam, was vorn am Altar vor sich ging, auch nicht mitbekommen wollte, weil er sich jetzt ärgerte, doch mitgekommen zu sein. Er schloss lieber die Augen, um zum Schlaf zu treiben, als er einen Stoß von ihr erhielt. Er riss die Augen auf und sah, wie hübsch sie sich zurecht gemacht hatte. Die Messe am Sonntag war ihr wichtig, sie zog die besten Kleider an, die Leute sollten sehen, wie ernst es ihr war. Warum war sie so katholisch, wo doch Josel den Glauben gar nicht ernst nahm, sich sogar lustig über ihn machte!
Er konnte es sich nur so erklären, dass Marie Angst um Josel hatte und in ihrer Angst in die Kirche rannte. Er glaubte nicht, dass es half, aber er fragte sich, was dann half. Man konnte nicht einfach da sitzen und Däumchen drehen. Man musste Josel helfen. Aber wie?
Als die Orgel zum Abschied brauste, fühlte er Maries Hand an seiner ziehen und konnte ihr nicht widerstehen und wurde in die Sakristei geführt. Pfarrer Lange bat sie, Platz zu nehmen, und reichte ihnen ein Stück Brot mit Käse, wozu sie Wasser und er Wein tranken.
„Habt ihr die Lesung aus dem Alten Testament gehört und verstanden?“, fragte er.
Hans war unbehaglich zumute, weil er geschlafen hatte. Der Pfarrer lächelte, als ob er Hans durchschaute. „Nicht immer gibt’s der Herr den Seinen im Schlaf!“
Hans sah ihn nicht an.
Dafür sah der Pfarrer Marie an und sie hatte gut zugehört. „Gott wollte Abrahams Gehorsam prüfen und befahl ihm, seinen einzigen Sohn Isaak zu töten.“
Hans horchte auf, weil er an Josel dachte.
„Als Gott sah, dass Abraham ihm gehorsam war, verschonte er seinen Sohn und nahm dafür einen Widder.“
„Gut“, nickte der Pfarrer und fragte: „Müssen wir Gott immer gehorchen?“
„Ja“, sagte Marie.
„Müssen wir der Obrigkeit immer gehorchen?“
„Ja“, sagte Hans.
„Wir müssen der Obrigkeit gehorchen, wenn sie von Gott ist“, sagte der Pfarrer.
„Wie sollen wir wissen, ob die Obrigkeit von Gott ist“, fragte Marie.
„Nur Gott darf den bedingungslosen Gehorsam fordern, weil er die Zukunft voraussieht.“
Das ging Hans zu schnell, obwohl er sich bemühte, alles zu verstehen. Er rief und dachte an Josel: „Warum glauben wir nicht wie Abraham bedingungslos an unseren Führer? So ein Glaube wird uns helfen, den Krieg zu gewinnen!“
„Ist der Führer Gott?“, fragte der Pfarrer.
Nein, dachte Hans. Aber Gott hatte seinem Vater nicht geholfen. „Ich sehe nicht, wie Gott dem deutschen Volk hilft. Aber der Führer will dem deutschen Volk helfen!“
„Gott sieht die Zukunft voraus. Kann das der Führer?“
Immer wenn die Kirche nicht weiter weiß, wird sie unverständlich, dachte Hans. Aber er wusste keine Antwort. Denn dass der Führer die Zukunft voraussah, das traute er sich nicht zu sagen.
Marie schaltete sich ein. „Ist das die Vorsehung, wenn Gott voraussieht?“
„Man kann es so verstehen. Abraham nannte die Stätte, wo er seinen Sohn opfern sollte, Gott sieht .“
„Also ist die Vorsehung das, wogegen man nichts machen kann“, sagte Marie.
Der Pfarrer lächelte. „Als Christ bleibt dir das Gottvertrauen. Gott wird es in seiner Weise zum Besten richten.“
„Ich könnte es nicht ertragen, wenn mein Verlobter im Krieg fällt!“, rief Marie.
Der Pfarrer seufzte. „Bete, um Gott zu verstehen!“
Hans sagte trotzig, weil der Pfarrer ihn aufregte: „Wenn ich zu Gott bete, hilft er mir sowieso nicht. Wie kann ich ihn da verstehen?“
„Die Menschen können Gott nicht verstehen. Er ist jenseits des menschlichen Verstandes.“
„Warum soll ich dann zu ihm beten?“
„Weil Gott uns seinen Sohn geschickt hat. Wenn du an ihn glaubst, wird Gott verständlich.“
So redet die Kirche immer, dachte Hans, aber es bringt nichts ein. Er wollte jetzt die entscheidende Frage stellen. „Kann Gott uns helfen, den Krieg zu gewinnen?“
„Wir müssen sehen, was Jesus sagt“, antwortete der Pfarrer. „ Was immer ihr einem Schwachen antut, ihr tut es Gott an! “
Er beugte sich vor und flüsterte: „Deutsche und Polen haben lange friedlich zusammengelebt, aber dann glaubten die Deutschen, stark zu sein und auf ihre schwachen Nachbarn keine Rücksicht mehr zu nehmen. Sie vergaßen, dass sich das Blatt wenden konnte und sie schwach wurden und ihre Nachbarn stark, die auch keine Rücksicht nehmen würden.“
Es wurde so still, dass die Wanduhr Hans ins Ohr tickte, dass er etwas Verräterisches, in der Schule und der HJ streng Verbotenes gehört hatte. Der Pfarrer glaubte also, dass die Polen stärker wurden als die Deutschen und darum alles machen konnten, was sie wollten. Das war unmöglich! Die Deutschen würden immer Herr in ihrer Heimat bleiben und sich nie von den Polen vertreiben lassen!
Er holte seine Mundharmonika hervor und spielte: Der Heimat treu bis in den Tod / wir Oberschlesier bleiben!
Weiter kam er nicht. Marie zischte: „Nicht hier!“ und legte ihre Hand auf seine Mundharmonika. Der Pfarrer sagte: „Musik kann uns betören, zu Toren machen!“
Er stand auf, schlug das Kreuz über sie und ging. Hans zitterte vor Wut. „Denkst du überhaupt an Josel?“
Sie runzelte die Stirn.
„Der Pfarrer ist gegen alles, woran Josel glaubt. Oder glaubst du, dass die Polen stärker werden können als wir?“
Sie sah ihn traurig an. „Darum geht s nicht!“
„Doch! Die Polen wollen ganz Oberschlesien haben!“
„Die Deutschen wollten ganz Polen haben!“
Warum ließ er sich von Marie alles sagen? Doch nur Josel zuliebe. Und wenn er gar nicht wusste, was sie dachte? Armer Josel.
Jorgusch
Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, Polly schnüffelte im Gebüsch herum und Hans saß neben seinem Fahrrad und spielte das Lied vom Rosmarienbaum, weil es so schön traurig war.
Da kam Jorgusch vorbei und warf einen Blick auf sein Rad. „Du hast einen Platten“, sagte er.
Hans nickte. Deshalb saß er ja am Straßenrand. Aber er hatte keine Lust, sich um sein Rad zu kümmern. Er spielte lieber auf seiner Mundharmonika.
„Komm, das lässt sich schnell beheben!“, sagte Jorgusch.
Hans sah ihn dankbar an. Er wusste, dass Jorgusch ihm den Reifen mühelos flicken würde. Alles, was Jorgusch in die Hand nahm, tat er mühelos. Er war immer schon der Beste in der Klasse gewesen, obwohl er nie ein großes Gemähre daraus machte. Das Beste aber war, dass er sich in der Schule nie über ihn lustig machte, sondern ihm half, wo er konnte. So wie jetzt, als er ihm das Fahrrad abnahm und es in den nahen Bach stellte. Er prüfte das Ventil und sah, dass es dicht war, weil keine Blasen hochstiegen.
Er suchte den Reifen nach spitzen Gegenständen ab und nahm erst dann, weil er nichts fand, den Reifen ab.
„Warum ziehst du nicht gleich den Reifen ab?“, fragte Hans.
Jorgusch runzelte die Stirn. „Wenn du zu schnell vorgehst, kannst du nicht gründlich sein.“
Ernst Scheißkerl hatte ihm das vorgeworfen und gesagt, so machten es die Pollacken. Bei Jorgusch hätte er das nicht gewagt. Obwohl jeder wusste, dass es viele Polen in seiner Familie gab, die in der Volksabstimmung für Polen optiert hatten. Wenn man von den Polen in Groß Strehlitz sprach, meinte man auch sie, aber man ließ es bei Jorgusch durchgehen, weil er so gut in der Schule war und überhaupt zu den zuverlässigsten Kameraden zählte.
Jorgusch lockerte das Ventil, hob den Reifen aus der Felge, zog den Schlauch heraus, bis er ganz frei war, und pumpte ihn langsam auf. „Wenn man planmäßig vorgeht, macht man keine Fehler“, sagte er und legte den Schlauch in den Bach, um das Loch zu finden. „Heutzutage geht man nicht mehr planmäßig vor, weil man keine Zeit hat.“
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