Das war für alle normal und keiner sagte was zu seiner Niederlage, weil Erwin eben der beste Boxer war, und jeder sich freute, dass es ihn nicht erwischt hatte. Aber Ernst Beier musste seinen Senf dazugeben und mit einem Blick voller Verachtung auf Hans verkünden: „Es genügt nicht, auf gewisse Sonderrechte zu pochen. Man muss sich schon aus eigener Kraft behaupten!“
Er liebte es, große Sprüche zu klopfen, und hörte damit auch nicht auf, als es inzwischen dunkel geworden war und sie das Zelt aufschlugen und Feuer machten und die Erbsensuppe herumrührten. Ernst war nicht müde, er hatte kein Stück getragen, kein Stück mitgearbeitet, er konnte nur hin und her rennen und wie ein scharfer Hund knurren, während bei ihnen der Magen vor Hunger knurrte.
Er sprach von dem ewigen Gesetz, nach dem nur der Starke überlebte. „Deshalb dulde ich keine Schlappschwänze, keine Nörgler, denn der Nörgler stellt sich außerhalb der Gemeinschaft! Der ewige Nörgler ist der Jude, der bar jedes gesunden Instinkts an allem etwas auszusetzen hat!“
Er stand am Lagerfeuer und aus seinen Augen blitzte es und er schlug die Klampfe und sie sangen mit: Wir tragen stolz des Führers Namen/ Wir wollen seine Besten sein/und keiner fragt, woher wir kamen / bei uns gilt nur der Kerl allein!
Dann durften sie essen, aber Hans mochte die fade Erbsensuppe nicht, in der es kaum Erbsen und noch weniger Speck gab. Den anderen erging es ähnlich und sie legten bald die Löffel beiseite und hofften auf das Ende des Essens, weil sie nach dem Abwasch in ihr Zelt konnten, wo sie unter sich waren. Ernst hatte sein eigenes Zelt, weil ein Führer auch nachts seine hervorgehobene Position deutlich machen musste, wie er sagte. Sehr hervorgehoben fand Rudi Malcherek und zeigte zwischen die Beine und sie kicherten und lachten erst richtig los, als Ernst in seinem Zelt verschwunden war und sie unter sich waren und mit dem Lästern anfangen konnten.
„Ernst Scheiß!“, sagte Rudi, „Ernst Scheißkerl!“, sagte Hans und Karl Mader fragte, ob sie wussten, dass Ernst Scheißkerl bei der Rassenprüfung durchgefallen war, und erzählte, was er von seinem Bruder gehört hatte, der in der Napola war. „Da musst du mit nacktem Oberkörper und Turnhose vor den Ärzten stehen und die vermessen dir den Schädel und sagen dir, was du rassisch für ein Typ bist. Mein Bruder war überwiegend nordisch mit kleinen Anteilen von fälisch und westisch, was gut ist. Ernst Scheißkerl aber war ostisch, so dass er nicht in die Napola durfte. Er konnte von Glück sagen, dass sie ihn nicht als rassisch unrein einstuften. Ein Arzt sagte, fast ein Ostjude!“
Sie gackerten los, man hätte gleich wissen müssen, dass er ein Scheißjude war. Rudi schrie, er wäre gern dabei gewesen, um dem Scheißkerl die Hose herunterzuziehen und herauszufinden, ob es ostisch zwischen den Beinen hing!
Jetzt brach lautes Prusten aus und es begann das Austauschen schweinischer Witze, die Hans nicht hören wollte, weil er nicht vergessen konnte, wie Rudi ihm die Turnhose heruntergezogen hatte. Aber er konnte auch nicht seine Rassenprüfung für die Napola in Loben vergessen.
Das war überhaupt etwas, was ihm zu schaffen machte, weil viele Kameraden an ihm herumzupften und herumdrücken und beim Ringen und Rangeln ihm zwischen die Beine fuhren. Aber er konnte mit keinem darüber reden.
Am nächsten Morgen weckte sie Ernst Scheißkerl viel zu früh auf, als ob er gehört hätte, was über ihn gesagt wurde. Er stand gestiefelt und gespornt vor ihnen und laberte über die kerngesunden Frühaufsteher und die verweichlichten Langschläfer. Sie hörten gar nicht hin, machten sich über das Frühstück her, das ihnen besser schmeckte als das Abendessen, weil Erwins Mutter selbst gemachte Erdbeermarmelade mitgegeben hatte.
Es war aber eklig anzusehen, wie er mit der Zunge die Marmelade sich aus den Mundwinkeln holte. Hans musste darauf gucken und Ernst Scheißkerls Aussprüche über die germanischen Eroberer und slawischen Untermenschen hören. Aber weil er wusste, dass er die Rassenprüfung nicht bestanden hatte, nahm er ihn nicht ernst.
Doch konnte er nichts machen, weil er sein Führer war. Er packte schnell, schulterte, stand stramm und schmetterte das Lied, das Ernst Scheißkerl am meisten gefiel: Die Welt gehört den Führenden / sie gehen der Sonne Lauf / Und wir sind die Marschierenden / und keiner hält uns auf / Das Alte wankt, das Morsche fällt/ wir sind der junge Sturm / Wir sind der Sieg / Sprung auf marsch, marsch / Die Fahne auf den Turm!
An einem Morgen, kaum war Hans aufgestanden, kam seine Mutter ihm entgegen und sah ihn mit flackernden Augen an. Sie sagte, dass sie seinen Vater gesehen hatte, der mitten in der Nacht vor ihrem Bett stand.
Seine Großmutter rief „Jesusmaria!“ und bekreuzigte sich und ihm wurde ganz mau, weil es nach Geist und Gespenst klang. Sie musste geträumt haben, sagte er, denn sein Vater kämpfte mit seinen Panzern an der Ostfront, weit weg von ihnen in den Steppen der russischen Horden. Aber sie bestand darauf, dass er leibhaftig bei ihr gewesen war, ganz ruhig und friedlich, fast fröhlich und er sagte, sie sollte sich keine Sorgen machen, er hätte seine Pflicht getan.
„Kommst du nach Hause?“, hatte sie ihn gefragt und er hatte lächelnd mit Ja geantwortet. „Wann?“, wollte sie wissen. „Bald“, antwortete er und beugte sich über ihr Bett und sie wollte ihn an sich ziehen, aber da war er verschwunden. Seine Mutter hatte ein gutes Gefühl, weil sie sicher war, dass er bald zurückkam, aber seine Großmutter schüttelte den Kopf und begann zu beten. Sie sagte, sie sollten in den nächsten Tagen zum Annaberg hoch pilgern, denn hier konnte nur die heilige Anna helfen.
Zuerst wollte seine Mutter nicht, weil sie keine große Kirchgängerin war. Sie wusste, dass auch sein Vater und Josel einen weiten Bogen um die Kirche machten und sie nur zu Familienfeiern betraten, also zur Taufe, Hochzeit und Beerdigung. Aber als seine Großmutter von Frau Ribnik redete, die zur Heiligen gefahren war und danach Post von ihrem Sohn bekommen hatte, gab seine Mutter nach.
Sie seufzte, dass man ja nie wusste, was sie oft sagte. Dann wollte auch noch Marie mit und bat Hans, mitzukommen, und er konnte nicht Nein sagen, denn wenn Marie ihn um etwas bat, gab er nach. Obwohl er sich oft darüber ärgerte.
Er ging also mit, wenn auch zögernd und unschlüssig, denn die heilige Anna verkörperte für ihn das Polnisch-Katholische, das von der Seite seiner Großmutter kam, auch von Maries Seite, die beide polnisch konnten. Aber er wollte nicht das Polnische verstehen, denn wenn sie es sprachen, zischten sie fortwährend und hatten feuchte Augen.
Die heilige Anna hatte früher ein Kloster auf dem Annaberg gehabt, das aufgegeben worden war für ein Soldatenheim und ein Kriegsgefangenenlager, vor dem SS-Soldaten standen. Die guckten nicht gerade freundlich, als sie vorbeikamen, so dass sie sich beeilten und in ein Gartenlokal gingen, von dem man eine schöne Aussicht hatte. Von dort sah man den Turm der alten Wallfahrtskirche, auf dem ein schwarzer Klotz lag, von dem Hans immer glaubte, er könnte jeden Moment herunterfallen. Im Lokal arbeitete eine Kellnerin, der die Großmutter etwas Geld gab, weil sie den Schlüssel zur Kapelle der heiligen Anna hatte. Sie schloss ihnen den dunklen Raum auf und zündete eine Kerze an.
Jetzt leuchtete die Holzfigur der heiligen Anna auf, die als Gottes Großmutter die heilige Jungfrau und das Jesuskind in ihren Armen hielt, alt und ehrwürdig, aber doch nicht so fremd. Hans hatte manchmal das Gefühl, dass es die Großmutter war, die seine Mutter und ihn in der Hand hielt. Ihn schauderte bei dem Gedanken, dass er dann das Jesuskind wäre, und wünschte sich zugleich, auch so beschützt und verehrt zu werden.
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