Von seiner Großmutter bekam er ein Liederbuch und darin gab es Lieder, die er auf seiner Mundharmonika nachspielte. Aber es gab auch Kirchenlieder, denn sie konnte es nicht lassen, ihm etwas von der Kirche unterzuschieben. Sie schenkte ihm ein zweites Buch von irgendeinem Pater, das den Titel hatte: „Die Starken und die Schwachen“. Für ihn war gleich klar, dass er es nicht lesen würde, denn er hatte keine Lust über die Starken und Schwachen im Glauben zu hören. Doch das konnte er seiner Großmutter nicht sagen, die beleidigt wäre und zurück nach Gleiwitz zu Tante Martha fahren würde. Seine Mutter wollten sie bei sich haben, weil sie das Haus und den Garten machte.
Von seinem Vater bekamen sie keinen Brief, so dass sie nicht wussten, was er mit seinen Panzern an der Ostfront machte. Man meldete Frontbegradigungen und Truppenzusammenziehungen im Radio.
Am Abend traf sich die Jugend der Stadt im Castellschen Park, um dem Führer bei Fackelschein Treue bis ins Grab zu geloben. Als Hans sich in der Nähe des Schwanenteichs aufstellte, roch es schon nach lauem Frühling, so dass er sein Hemd hochkrempelte und sein Halstuch lockerte.
Zuerst sah er Gudrun und erinnerte sich, wie er einmal auf dem Hindenburgplatz vor ihr gestolpert war. Sie half ihm auf und ihre Augen hatten sich zum schönsten Augenblick versenkt, den er sich vorstellen konnte. Dann sah er Marie, die für eine Mädelschaft ihre Fahne weihte. Er dachte, als sie den Arm hob, um dem Führer ewige Treue zu geloben, dass sie die Hübscheste war, und war sehr stolz auf sie.
Er marschierte leicht und frei mit seinen Kameraden und sang aus voller Kehle: Die grauen Nebel hat das Licht durchdrungen und die düstren Tage sind dahin.
Sein Bruder kam am nächsten Wochenende, worauf alle gehofft hatten, weil er von Stubendorf auf einen Sprung vorbeischauen konnte. Er sah gut aus, dachte Hans, ach, bei ihm war alles gut, er war ja ein Held und schwebte dennoch nicht über den Wolken. Beim Fliegen schon, natürlich, aber nicht, wenn sie zusammen waren, wo er von Mann zu Mann zu ihm sprach, leider nur sehr selten, er hatte ja wenig Zeit, er musste immer etwas erledigen.
Am Abend war er mit Marie weg, um sich Heinz Rühmanns neuesten Film „Die Feuerzangenbowle“ im Lichtspielhaus anzusehen. Dann machte er es sich im Café Niedlich gemütlich, wo zum Tanz aufgespielt wurde, aber darüber sagte er nichts, obwohl Hans gern davon gehört hätte.
Beim Frühstück kamen sie endlich zusammen und da fragte Josel, weil es ihn interessierte, wie er in Sport war. Hans sagte, dass er im Turnen gut war, im Fußball leider nicht und auch nicht im Laufen und Springen, wo er jedenfalls nicht zu den Besten zählte, was er unbedingt wollte. Aber am schlimmsten war das Boxen, wo er ein, zwei empfindliche Niederlagen hinnehmen musste, was ihn ärgerte. Leider waren die anderen größer, hatten mehr Reichweite, obwohl er jeden Morgen seine Arme durch gymnastische Übungen zu strecken versuchte.
Josel war nicht viel größer als er, ähnelte vom Gesicht auch eher ihrer Mutter, bei der alles fein und zierlich war. Aber er hatte den untersetzten und muskulösen Körper von ihrem Vater, auch seine kurzen, festen Schritte und seine blauen Augen. Er lachte, weil Hans die Großen und Starken beneidete, schlug ihm auf die Schulter: „Ach, Hans, wenn du Flieger werden willst, brauchst du nicht Größe und Stärke, vielmehr musst du wendig sein und flink, ein Händchen für die Maschine haben, ein Gespür für Wind und Wetter.“
Hans wollte alles über sein Fliegen hören, über seine Luftkämpfe und Abschüsse, aber darüber redete Josel nicht viel. Er sagte nur, man sollte nie übermütig werden und sich zurückziehen, wenn der Gegner zu stark war.
Josel brauchte nicht zu prahlen, er konnte es sich leisten, bescheiden zu sein, denn jeder wusste doch, dass er ein Held war. Er war auch der Held für die Freunde seines Vaters, die am Nachmittag zu ihnen kamen: Dr. Scholtys, ihr Hausarzt, und Kretschmar, der holzbeinige Lehrer, der auch Hans unterrichtete. Sie wollten hören, wie Josel die Lage beurteilte. Hans wurde zum Glück nicht hinausgeschickt und sah seinen Bruder an, der sagte, es kam auf die Übersicht an.
Sie riefen sofort, dass sie die Übersicht nicht hatten, und Josel antwortete: „Man muss nur hoch genug fliegen, um die Übersicht zu haben.“
Dr. Scholtys wiegte den Kopf, wie es seine Art war, und meinte: „Ikarus ist zu hoch geflogen und abgestürzt!“ Da lachte Kretschmar: „Ikarus ist nicht seinem Führer gefolgt und deshalb abgestürzt!“ Dr. Scholtys wiegte wieder den Kopf: „Es ist nicht so einfach, einem Führer zu folgen, der ein Labyrinth gebaut hat, aus dem keiner herauskommt.“ Kretschmar lachte: „Man muss nur den richtigen Führer haben, dann kommt man aus dem Labyrinth heraus.“
Josel nickte Kretschmar zu und sagte, dass sie den richtigen Führer hatten, und erzählte von seinem Besuch bei ihm in der Wolfsschanze. Er hatte ihm gegenübergestanden und in seine Augen gesehen und wusste, dass er dem Führer vertrauen konnte, weil er noch ein paar Überraschungen hatte, um den Krieg siegreich zu beenden. Da riefen Dr. Scholtys und Kretschmar, sie glaubten auch, dass der Führer noch ein paar Überraschungen hatte.
Sie gingen dann, was Hans sehr recht war, denn sie hatten so eine Art zu reden, die ihm nicht gefiel. Wenn Kretschmar lachte, schien es ihm, als wollte er sich lustig machen. Er bewunderte Josel, dass er sich darüber nicht aufregte. Er fragte ihn, wieso er so ruhig war, und Josel sagte: „Sie haben dem Führer nicht in die Augen geschaut wie ich!“
Davon wollte Hans mehr hören, denn wenn man ein Führerkind war, musste man alles über den Führer wissen.
Das Wichtigste war, an den Führer zu glauben. „Hat dir Pfarrer Lange nicht gesagt, dass der Glaube Berge versetzt?“
Hans nickte.
„So fest musst du auch an den Führer glauben. So ein Glaube hilft. Dann bist du zu großen Opfern bereit.“
Er sah ihn mit seinen leuchtend blauen Augen an. „Zum Beispiel Abraham. Er war bereit, seinen einzigen Sohn zu opfern, weil er Gott glaubte. Dieser Glaube rettete Isaak das Leben.“
Es war Hans, als ob Josel ihm ein tiefes Geheimnis anvertraute. Er nahm seine Hand und versprach ihm, an den Führer zu glauben.
Seine Großmutter und Marie traten ein, den Kaffeetisch zu decken, und er nahm sofort Platz. Wenn er aufgeregt war, hatte er Hunger. Was er von Josel gehört hatte, war sehr aufregend. Er stopfte ein Stück Streuselkuchen in sich hinein und Josel rief, es war schön, dass man heutzutage nach Herzenslust Kuchen essen konnte. „Das gab es nicht, als ich klein war!“
Alle schauten ihn verwundert an: Kuchen nach Herzenslust gab es nur, weil er gekommen war. Seine Mutter sagte, sie konnte sich nicht daran erinnern, dass er als Kind kein Kuchen bekommen hätte, und seine Großmutter meinte, das müsste aber gewesen sein, als er noch ganz klein war.
Die Zeit meinte er, rief Josel. „In Deutschland herrschten Hunger und dumpfe Armut. Opa Karl zum Beispiel arbeitete in lebenslänglicher Abhängigkeit auf dem Rittergut vom Grafen von Renard und ich kann mich erinnern, wie ich als kleines Kind unter der Kuh lag, damit ich ein paar Spritzer Milch abbekam, wenn sie gemolken wurde. Wisst ihr das nicht mehr?“
Keiner antwortete, alle sahen ihn mit großen Augen an und Josel erinnerte an Opa Alfred, der aus Borowno kam, diesem polnischen Kaff ohne Bildung und ohne Aufstieg. „Wir Deutsche waren von jedem gesellschaftlichen Aufstieg ausgeschlossen, bis sich das alles änderte, radikal änderte, und durch wen?“
Josel machte eine Pause und rief triumphierend: „Durch den Führer! Durch ihn ging es uns besser! Durch ihn waren wir wieder wer in der Welt!“
Hans klatschte in die Hände und schaute, als Marie und Josel sich küssten, aus dem Fenster. Er konnte aber sehen, dass seine Mutter zu ihnen eilte und sie beide umarmte.
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