Das Gespräch steuerte auf eine Entscheidung zu. Sebastian hatte alle Punkte bedacht, bis auf einen. Er trat zu ihr. Jessica blickte in seine blauen Augen.
„Wie stellt sich eigentlich Alexander dazu?“, fragte er ruhig.
Sie schaute sofort zu Boden und rieb sich mit den Händen über die Arme. „Alexander denkt jetzt, ich hätte etwas mit Michael. Du weißt ja, wie gut die beiden miteinander können.“
Sebastian nickte und drehte sich weg. Jessica schaute auf seine Hände. Er hielt sie immer noch hinter dem Rücken. An der rechten schaute der Zeigefinger ein winziges Stück aus der Faust hervor. Jessica sah es deutlich: Ein Zeichen außerhalb der Präsentationsfläche.
„Jessica“, hörte sie Sebastians Stimme. Er drehte sich schwungvoll um, ging auf sie zu und fasste sie mit beiden Händen an den Unterarmen. „Bevor du das Bild und die Erklärung ins Netz stellst: Du fährst jetzt nach Hause und sprichst noch einmal mit deinem Mann. Um die Zeit ist er noch in seinem Büro, oder nicht? Also los, beeil dich!“
Jessica nickte.
Toni kam auf sie zu, fuhr sich mit den Händen durch die Haare und rief: „Ich komme mit!“
„Nein, du bleibst hier!“
***
Jessica trat in das Treppenhaus der Scheffold-Villa und bemerkte sofort die kühle Luft. Sie ging nach oben und fragte sich, wie sie sich verhalten sollte. Wäre es besser, Tonis Vorschlag zu folgen und sich im schlimmsten Fall darauf zu berufen, das Foto sei ein Fake? Ihr Gefühl allerdings drängte sie zum Handeln, obgleich sie eben nicht wusste, welche Folgen das haben würde. War sie dabei, die Tür in die Tiefe zu öffnen, die in das Nichts und in die Bedeutungslosigkeit führte? Sie schaute über das Treppengeländer nach unten und konnte den Schriftzug „Grüß Gott“ im Terrazoboden gerade noch erkennen. Mit der linken Hand umfasste sie den wuchtigen, hölzernen Handlauf. Ihre Finger reichten gerade so bis in die ausgefräste Vertiefung, die für die Fingerspitzen vorgesehen war. Das stabile Geländer bewahrte sie vor dem Fall. Was wäre, bräche das alles weg? Der Traum drohte aus der Tiefe ihrer Seele emporzusteigen. Das Ganze wäre nur halb so bedrohlich, hätte sie einen konkreten Gegner vor sich. So aber musste sie sich gegen etwas Unbestimmtes zu Wehr setzen.
Bevor Jessica die Wohnungstür aufschloss, schaute sie noch einmal über das Geländer in die Tiefe.
***
Die Tür zu Alexanders Arbeitszimmer war nur angelehnt. Jessica hörte eine dunkle, angenehme und warme Frauenstimme.
„Ich habe in Bernbach vor allem gelernt, dass ich der Angst begegnen soll, anstatt sie zu vermeiden. Allein deshalb finde ich deine Pläne überzogen.“
„Schau doch mal hier“, antwortete Alexander. „So sieht es hier dann aus. Wir haben dann Zimmer mit einer guten Proportion, dadurch ein viel besseres Raumgefühl als jetzt. Das wird viel mehr Geborgenheit übertragen. Die kann man immer gebrauchen, unabhängig davon, ob du die Angststörung überwunden hast oder nicht.“
Das Parkett knarrte, und mittlerweile hatte Jessica die Frauenstimme erkannt. Es war Moni, Alexanders Assistentin.
„Das ist schon irgendwo lieb von dir, aber steht in dem Handy auch drin, wie man Konflikte löst? Ist die Baumaßnahme deine Art, mit Jessica zu reden? Mensch Alex, Bernbach ist eineinhalb Jahre her. Wie lange soll das noch so gehen? Das ist nicht nur unfair mir, sondern auch ihr gegenüber. Sprich endlich mit ihr. Was willst du als Nächstes tun? Die Schlafzimmertür zumauern und über das Fenster einsteigen?“
Jessica drehte sich um. Sie sah die Flurwand, die ein Stück nach hinten wanderte, aber dann wieder ganz nah war. Sie streckte die rechte Hand danach aus und lief vorsichtig daran entlang, ertastete die Pendeluhr, hielt sich an der Kommode und erreichte endlich die Tür ihres Arbeitszimmers.
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