Jessica schüttelte den Kopf und rieb sich die Augen. Sich vorstellen zu müssen, Marias Vertrauen zu verlieren, war schlimm. Was würde sie zu diesem Foto sagen?
„Jessica!“, sagte Sebastian etwas lauter. „Hilf mir noch einmal auf die Sprünge. Belzer hat mit deinem Handy die Fotos gemacht, richtig? Am Sonntagmorgen hast du dann die erste SMS erhalten, verbunden mit der Aufforderung, ein Schutzgeld zu zahlen, ansonsten käme ein brisanter Datensatz in Umlauf. Heute Morgen die vierte SMS, deine Anzeige gegen unbekannt bei der Polizei. Und was war jetzt noch mal mit diesem Anruf?“
„Halb zehn etwa hat mich mein Bankberater angerufen, der schon halb in Rente ist. Er wunderte sich über eine Überweisung auf ein Nummernkonto. Knapp zehntausend Euro.“
„Ja.“
„Ich habe das Geld nicht überwiesen, habe ich sofort gesagt.“
„Ist doch klar“, sagte Toni. „Irgendwer hat deine gesamten Daten abgegriffen, und sie wollen mit der Überweisung zeigen, wie viel Macht sie haben.“
„Das sind also nicht zwei Sachverhalte, sondern wahrscheinlich nur einer“, stellte Sebastian fest. „Aber was ich nicht verstehe: Das Foto oder die Fotos waren doch nur auf deinem Handy?“
„Ja, eben“, antwortete Jessica. „Es war also jemand an die Fotos gelangt, und die Frage drängte sich auf, wie das sein konnte.“
„Und?“
„Es ist sehr wahrscheinlich eine Unachtsamkeit, die ich mir selbst zuschreiben muss. Ich bekomme von Google immer mal wieder eine Service-SMS, die ich meistens nicht lese. In einer davon habe ich im Prinzip zugestimmt, dass sich mein Handy dreimal am Tag mit dem Google-Account synchronisiert. Ich hätte ein Häkchen entfernen müssen, was ich aber nicht getan habe. Auf diesem Weg sind die Fotos in die Cloud gewandert. Ganz automatisch also. Nachdem sie hochgeladen waren, muss sie dort jemand abgegriffen haben. Jemand hatte oder hat also Zugriff auf mein Google-Konto.“
„Kann das sein?“, fragte Sebastian, zögerte auf einmal und streckte sein Kinn vor. „Also ich meine so schnell?“, fuhr er nach einem Moment fort. „Jemand müsste ja geradezu auf das Foto gewartet haben, verstehst du? Zwischen Samstagabend und Sonntagmorgen liegen gerade mal acht Stunden. Außerdem Belzers Hinweis, das Bild zu löschen. Diese SMS kommt mir vor wie ein billiges Alibi, das freilich nicht funktionieren kann, beachten wir die Zeit.“
Was Sebastian sagte, machte durchaus Sinn. Aber wäre Michael in seinem betrunkenen und aufgewühlten Zustand wirklich fähig gewesen, die Fotos auf sein Smartphone zu ziehen? Natürlich ritt der Chef wieder auf Michael herum. Trotzdem war Jessica aufgefallen, wie Sebastian bei der letzten Antwort gezögert hatte. Ja, hätte er nicht schon längst gesagt: So jetzt ist es gut, Mädels, zurück an die Arbeit? Jetzt drehte er sich Jessica zu und hob dabei die Hände. Toni sah es und klappte den Mund auf.
„Ich wäre jetzt dafür, Belzer anzurufen“, sagte Sebastian. „Immerhin hat er das Foto gemacht, und er ist der Einzige, der erklären könnte, was am Samstagabend in diesem Hotelzimmer passiert ist. Toni, wie denkst du? Was sollen wir machen?“
„Ich denke vor allem an die nächsten vierzehn Tage. Und ich will jetzt auch wissen, was Michael dazu sagt.“
„Mir geht das zu langsam“, sagte Jessica. „Das Foto kann in der nächsten Minute im Netz auftauchen, und dann müsste ich mich verteidigen. Ich will mich aber gar nicht erst in diese Rolle drängen lassen, sondern den Typen oder wem auch immer das Foto wieder aus der Hand nehmen. Ich sollte das Foto selbst veröffentlichen, eine Erklärung dazu schreiben und fertig.“
Toni raufte sich die Haare. Jessica bemerkte die riesigen Schweißflecke der massigen Frau.
„Jess“, sagte Sebastian. „Ich bitte dich, lass uns da hier die Zeit, die Dinge zu verstehen. Ich möchte jetzt wissen, wie sich Belzer dazu stellt, obgleich …“
„Was?“, fragte Jessica.
Sebastian winkte ab, ging zum Schreibtisch und hielt Jessica den Hörer hin.
***
Im Hintergrund hörte Jessica eine Tür zufallen. Sie horchte angestrengt, froh darüber, dass Michael an sein Handy gegangen war.
„Jessica, ich kann nicht viel reden. Die Kinder sind krank, und Christine ist mit den Nerven runter.“
„Michael, nur du kannst sagen, wie das am Samstagabend gewesen ist. Überhaupt finde ich, dass du mir einen Gefallen schuldest. Entschuldigt hast du dich bisher bei mir nicht.“
„Ja, tut mir leid. Aber wir hatten beide getrunken, nicht nur ich.“
„Ja, ja, schon gut.“
„Wenn Christine davon erfährt, dreht sie ganz durch. Unsere Ehe ist momentan ohnehin schwierig.“
„Michael, Michael“, hörte Jessica Christines Stimme.
„Jess, ich muss Schluss machen. Tut mir leid. Warum sagst du nicht einfach, die Fotos sind ein Fake?“
„Du kannst dich doch nicht so einfach aus deiner Verant…“ Noch bevor Jessica den Satz beenden konnte, hörte sie ein langgezogenes Tuten. Sie ließ den Hörer sinken und schaute über den Schreibtisch zu Sebastian und Toni. Toni stand still im Raum, Sebastian lief um sie herum, wie um eine Verkehrsinsel.
„Und warum überrascht mich das nicht?“, fragte Sebastian. „Wie lange arbeitet Belzer als Externer für uns, Jess?“
„Seit ich da bin.“
„Genauso lange versucht er, hier in unserer Kanzlei Fuß zu fassen. Nicht wahr?“
„Was du bis jetzt erfolgreich verhindert hast“, antwortete Jessica.
„Weiß Belzer eigentlich etwas, was ich nicht weiß“, fragte Sebastian auf einmal. „Du wolltest dich ja mehr auf das Schreiben konzentrieren und auch auf die Familie.“
„Ja, aber das zweite Buch ist gerade erst fertig geworden. Ich habe jetzt noch keinen Anlass gesehen, hier an diesem Arbeitsverhältnis etwas zu ändern.“
„Hm, ich dachte kurz, Belzer weiß mehr als ich.“
„Was willst du damit sagen?“
„Belzer hat sich zweimal bei mir angetragen, die Heinrich-Verteidigung zu übernehmen. Vielleicht dachte er, Exhibitionismus ist Buh und Bäh und kein Thema für eine Verteidigerin. Es kommt mir so vor, als sähe er seine Zeit nun gekommen. Und ich habe tatsächlich kurz überlegt, ihm diesen Fall zu überlassen.“
„Aber davon hab ich ja nichts gewusst!“
Sebastian beachtete Jessicas Bemerkung nicht und sagte:
„Was ist, wenn Belzer von dieser Synchronisierung des Handys mit dem Internet gewusst hat? Sein Hinweis, das Bild zu löschen, wirkt wie ein Alibi. Aber hier spielt die Zeit eine Rolle, denn als du das Foto auf dem Handy gelöscht hast, war es höchstwahrscheinlich schon im Netz. Toni, das sehe ich doch richtig? Auch wenn ich kein Technikexperte bin.“
Toni nickte.
„Michael und Christine, Alexander und ich“, sagte Jessica, „wir kennen uns aus der Studienzeit. Wir waren zusammen in der Theatergruppe. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Michael da etwas gedreht hat.“
„Und was hat Belzer in der Theatergruppe gemacht?“, fragte Sebastian. „Er war für die Requisite zuständig. Nicht wahr? Hast du mir selbst erzählt.“
Gab es überhaupt etwas, das Sebastian vergaß?
„Ja, wie?“, fuhr Toni auf. „Das kann doch nicht alles gewesen sein. Michaels Frau ist extrem eifersüchtig, besonders, wenn es um Jessica geht. Wir wissen das alle. Er will seine Ehe nicht gefährden, auch klar. Aber er muss doch noch etwas gesagt haben, außer, dass er dir nicht helfen kann.“
„Er meinte, wir sollen behaupten, das Bild sei ein Fake.“
„Ja, warum eigentlich nicht?“, fragte Toni. „Das ist immerhin ein Vorschlag. Die meisten Bilder im Netz sind manipuliert. Und wir können Zeit gewinnen.“
Sebastian wiegte den Kopf. Jessica sagte:
„So einfach es ist, das Bild zu bearbeiten, genauso einfach ist es nachzuweisen, dass es sich eben nicht um eine Fälschung handelt. Und wie stehen wir dann da?“
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