Die anderen sahen ihn noch immer voller Erwartung an. Sollte er wirklich mit seinem Vortrag fortfahren? Es gab natürlich noch etliche Aspekte, die erörterungswürdig waren. Aber es gab offensichtlich auch Aspekte, die es unvermittelt in die Praxis geschafft hatte, die nun ebenfalls einer entsprechenden Würdigung wert waren.
„F**k!, selbst als Frau muss mein Bruder wieder maßlos übertreiben. Wäre nicht auch ein B-Körbchen gut genug gewesen? Nein, er muss natürlich wieder alle hier am Tisch ausstechen!“, schäumte Sandra. Aber es wirkte nicht wirklich verärgert, denn ihre ernste Miene wich gleich wieder einem prustenden Lachen.
„Willkommen im Club!“, kicherte Melanie, die sich nun am Ehesten mit Stefans Oberweite messen konnte. Allerdings war sie größer und hatte breitere Schultern.
„Wow, was diese Strings doch für Power haben“, meinte Katja. „Dann werde ich das mit der Po-Ritze eben doch mal in Kauf nehmen müssen.“ Ihre grünen Augen blitzten, was dadurch besonders zur Geltung kam, weil ihre Haut nun eine Spur dunkler zu sein schien. Und dann waren da noch die goldblonden Strähnen, die sich nun durch ihre dunklen Locken zogen.
Es gab an diesem Abend noch einige Mango-Lassis und Chai-Tees und selbstverständlich jede Menge Gekicher. Besonders für Jaqueline war die Freude riesig, als sie feststellte, dass sie genauso groß war wie Stefan, und der hatte in seinem Ausweis als Größe ein Meter einundsechzig eingetragen. Zur Überraschung aller stellte Jaqueline dann fest, dass dieselbe Größe auch in ihrem Personalausweis stand.
Die Freude darüber führte zu einer weiteren Runde. Sie waren inzwischen bei alkoholfreien Cocktails angekommen. Auch ohne Alkohol war es ein beschwingter Abend, bei dem viel gelacht und diskutiert wurde. Und es sprach für die Höflichkeit des Personals, dass man sie als inzwischen einzige Gäste dieses noch lange tun ließ.
Nur die allerwichtigste Frage - zumindest für Stefan - "Was nun?“ - wurde an diesem Abend komplett ausgeblendet.
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Stefan erwachte in einem fremden Bett. Das große Boxspring-Bett seiner Schwester, wie er erschreckend feststellte. Und sie lag neben ihm! Und es gab nur eine gemeinsame Decke, dieses amerikanische Monstrum aus weißem Laken am oberen Ende über einer Wolldecke umgeklappt und an den Seiten festgesteckt.
Ein mulmiges Gefühl zuckte durch seinen noch nicht ganz wachen Kopf. Hatten sie etwa? Instinktiv drehte er sich von seiner Schwester weg, und dann war der vergangene Abend wieder präsent. Schwer hingen ihm fremde Körperteile an seiner Brustmuskulatur. Er wollte aufstehen und stellte fest, dass das Bett entweder ungewöhnlich hoch war oder seine Beine entsprechend kürzer. Zudem war er fast nackt; nur ein T-Shirt und ein Slip! Nichts, was die Körperteile, die ungewohnt baumelten und wackelten daran hinderte, es zu tun. Immerhin hatte er keine Morgenlatte. Wäre im Schlafzimmer seiner Schwester noch peinlicher gewesen.
Er schielte zur anderen Bettseite und stellte erleichtert fest, dass Sandra noch schlief und schlich in Richtung Bad.
Langsam erinnerte er sich. Es war gestern spät geworden. Irgendwann hatten Sandra und ihre Freundinnen ihm geraten, nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Zehlendorf über den Alex zu seiner WG im Osten der Stadt zu fahren. Der Alex schien für sie eine Art No-Go-Zone zu sein, zumindest nachts.
Er wäre ja auch mit dem Fahrrad zurückgefahren, so wie er hergekommen war. Aber sein schöner, von einer Fahrradmanufaktur eigens per Hand hartgelöteter Rahmen wollte so gar nicht zu seiner neuen Beinlänge passen. Selbst mit ganz nach unten geschraubtem Sattel kam er nicht an die Pedale. Und beim Versuch im Stehen zu radeln, drückte die obere Stange so energisch in den Schritt, dass er befürchtete, dass dies seiner Konzentration und Sicherheit nicht guttun würde.
Sandra, Katja, Melanie und Jaqueline hatten sich vor Lachen gebogen.
Dann waren Sandra und er zum Haus ihrer Eltern in der Nähe gegangen, in der Sandra seit kurzem im Dachgeschoss eine Einliegerwohnung hatte.
Stefan schlich in Richtung Toilette und setze sich. Soweit hatte er sich inzwischen im Griff und wenn auch nicht mit seiner neuen Form abgefunden, doch instinktiv an die neuen Notwendigkeiten angepasst.
Die kleine Wohnung war schön geworden. Seit er mit Beginn des Studiums in eine WG eingezogen war, hatte Sandra sein ehemaliges Zimmer in Besitz genommen und zum Schlafzimmer umfunktioniert. Das große Boxspring-Bett war ein neues Möbelstück, das dem Raum eine ganz andere Note gab. Natürlich hatte auch der neue und entschieden feminine Anstrich der Wände nicht unerheblichen Anteil. Es gab inzwischen sogar ein eigenes Bad. Klein, aber bequem.
Ihr Vater, ein alteingesessener Zehlendorfer Handwerksmeister, hatte es sich nicht nehmen lassen, seiner Tochter eine eigene Dusche mit Toilette zu bauen. Die Rohre im Haus lagen günstig; Stefans ehemaliges Zimmer schloss direkt an das bereits vorhandene Badezimmer an.
Nach ein paar Trockenbauwänden, Klempnerei, Fliesenlege- und Elektroarbeiten, hatte Sandras Reich einen eigenen Eingang vom Flur bekommen, sowie ein eigenes kleines Bad.
Zugegeben, Stefans ehemaliges Zimmer war nun ein wenig kleiner. Aber es reichte für ein großes Bett, einen körperhohen Spiegel in der Ecke, eine großzügige Frisierkommode, die ihre Großmutter beigesteuert hatte, und die inzwischen frisch gesandstrahlt und mit neuester LED-Technik rund um den Spiegel ausgeleuchtet, jedem angehenden Star zu Ehre gereicht hätte.
Sandra war eigentlich eher eine moderne, zielstrebige Frau. Keine jedenfalls, die Stunden mit Kosmetik und Schminken verbracht hätte. Groß, schlank und mit ihrer praktischen braunen Kurzhaarfrisur fand sie morgens nur wenig Zeit, sich für die Welt zurechtzumachen. Sie wollte wegen ihres Kopfes geschätzt werden, nicht dafür, was sie an Farben für diesen verwendet hatte.
Dennoch fand sie die Energie, die ihr Vater in die Schaffung ihres neuen Reichs gesteckt hatte, ganz herzallerliebst und hatte tatsächlich Mühe, nicht loszuheulen, als er ihr eines Abends den Schlüssel dazu überreicht hatte.
Stefan saß auf der Toilette und überlegte, wie er nun verfahren sollte. Da gab es etwas Wichtiges, was zu beachten war. Er erinnerte sich daran, wie seine Mutter Sandra stets ermahnt hatte, als sie noch ein kleines Mädchen war. Wenn man falsch wischte, dann bekam man eine Blasenentzündung. So war das doch, oder?
Und plötzlich schoss ein Gedanke durch seinen Kopf und er saß er kerzengerade auf der Klobrille. Würde er etwa auch diese Tampons benutzen müssen? F**k!, wenn er Glück hatte, dann hatte er nur noch drei Wochen, um eine Lösung zu finden, wie er diesen Körper wieder loswerden konnte. Ihm grauste vor dem Gedanken, da irgendetwas hineinzustecken. Und dann konnte er noch nicht einmal sehen, wie das da unten aussah. Früher wusste er genau, welche Körperpartien der Hygiene bedurften. Wie sollte das im Blindflug funktionieren?
Sandra stand gähnend in der Badezimmertür.
„Brauchst du noch lange, Schwesterherz?“
„Ich glaube, das sind zwei Öffnungen“, meinte Stefan in sich selbst versunken.
„Wie bitte?“
„Eine zum Pinkeln, und eine für den Spaß“, resümierte Stefan.
„Ach“, meinte Sandra. „Da ist mein Brüderchen in der Lage, den Zusammenhalt des ganzen Universums zu erklären und entdeckt gerade eben auf dem Klo die Venus?“
„Na, sonst muss es ja immer schnell gehen“, meinte Stefan etwas verschüchtert.
„Das wäre ein guter Ansatz, mal die Perspektive und Praxis zu ändern, so wie du aktuell gebaut bist. Nutze die Chance und entdecke die Langsamkeit. Aber nicht jetzt! Ich muss mal pinkeln.“
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Stefan stand vor dem großen Spiegel in Sandras Zimmer und beäugte sich skeptisch. Dass er jetzt kleiner war - geschenkt. Dass er eine Frau war, war er ebenfalls geneigt zu akzeptieren, zumindest vorerst. Aber diese Art von Frau. Ihn schüttelte es fast.
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