„Wissen wir“, nickte Melanie ergeben.
„Und bei dieser Teilung wird eine enorme Energie frei.“
„Wissen wir“, nickte Melanie ergeben.
„Wir können sogar berechnen, wie hoch diese Energie ist...“
„e=mc2“, meinte Katja regungslos. „Nur, was hat das mit Unterwäsche zu tun?“
Diese Irritation wiederum ließ Stefan unbeantwortet, und fragte sie direkt:
„Woher weißt du das eigentlich - so als Mädchen?“
„Einstein war schließlich auch eine Frau“, entgegnete sie trocken.
„Albert Einstein, eine Frau?“, wiederholte Stefan irritiert.
„Hast du mal ihre Haare gesehen?“, nahm ihn nun Jaqueline ebenfalls auf den Arm.
Stefan versuchte die sich gerade bildenden Spinnweben in seinen Kopf zu vertreiben und nahm schließlich seinen Monolog wieder auf.
„Auch die kleinsten Teilchen sind aus weiteren Teilen zusammengesetzt. Und jetzt kommt es, jeweils drei Quarks bilden ein Elementarteilchen. Also Proton, Neutron. Und je nach dem aus welchen Quarks sie zusammengesetzt sind, also zwei Up-Quarks und ein Down-Quark oder umgekehrt zwei Down-Quarks und ein Up-Quark entsteht ein positives oder negatives Teilchen.“
„Und nun erzählst du uns bestimmt gleich noch, dass es diesen Quark in verschiedenen Geschmacksrichtungen gibt. Also einen Erdbeerquark für ein Universum aus Antimaterie, in das ihr die Frauen lockt, und ein Mate-Quark als Rückzugsgebiet für die von den Frauen verängstigten Astrophysiker, die sicherlich irgendwo auch ihr eigenes Universum mit ganz viel Video-Spielen und SciFi haben?“, nahm Katja ihn auf die Schippe.
„Ja!“, Stefan strahlte fast. „Man nennt diese unterschiedlich energetisch aufgeladenen Quarks im Englischen wirklich ‚Flavours‘!“
Die jungen Damen sahen sich gegenseitig an und waren sich spontan einig, dass sie Stefan dieses Spiel weiterspielen lassen wollten, allerdings nach ihren Regeln.
„Nun zu den Strings. Sind die Strings nun aus diesen Down-Quarks, während analog BHs aus Up-Quarks sind? Irgendwoher muss ja der Push-Up-Effekt herkommen?“
Stefan sah seine Schwester verdutzt an. Wenigstens sie sollte das Wesen der Quarks doch verstanden haben, so viel Zeit wie er ihr über die Jahre gewidmet hatte, die Forschungen seiner ersten Doktorarbeit zu erläutern.
Sandra musste sich dann auch ein Lachen verkneifen. Stefan war ein unerbittlicher Lehrer. Er duldete es einfach nicht, wenn man seine Sicht der Dinge nicht teilte. Doch er fasste sich schnell.
„Alles was wir über die Quarks und ihr Innenleben wissen, kennen wir nur, indem wir sie bei extrem hoher Temperatur mit sehr viel Energie beschießen und so zerstören. Dann schauen wir uns genau an, woraus ihre Trümmer bestehen.“
„Ich würde bei Strings nie höher als 30 Grad gehen“, meinte Jaqueline.
„Müsst ihr immer alles kaputtmachen, um es zu verstehen?“, wollte Melanie wissen.
Stefan sah sie missbilligend an. weil ihm aber auch keine sinnvolle Erwiderung einfiel, setzte er seine unaufgeforderte, aber für die Damen doch zumindest streckenweise amüsante Unterrichtsstunde fort.
„Das Wichtigste ist, dass das Wesen dieser Quarks nun wieder aus einem Gebilde besteht, das lang und dünn ist und wie eine Gitarrensaite schwingt, den Strings. Und jetzt kommt das Verrückte, dieses Schwingen, diese Energie ist es was das Wesen der Materie ausmacht.“
Er sah sie triumphierend an. Dummerweise blickte er nicht in demütig niedergeschlagene Augenpaare, wie er es erwartet hatte, sondern in vier belustigt dreinblickende Gesichter, die aus dieser doch eigentlich sehr ernsten Thematik eine Menge Spaß zu ziehen schienen.
Er räusperte sich, rührte fast theatralisch den Honig in seinem Chai-Tee um und fuhr fort.
„Wenn also die Materie im Wesentlichen nicht Masse, sondern oszillierende Energie ist, dann stellt sich die Frage, wieso reicht diese Energie nicht aus, die Masse im Universum zu erklären?“
„Reicht sie nicht?“, wollte Melanie wissen. „Ich dachte der Jo-Jo-Effekt erklärt ja, dass sich Masse um das Zentrum eines Körpers periodisch wieder sammelt.“
Jaqueline blubberte Blasen in ihren Mango-Lassi.
„Das ist wieder ein anderer Aspekt“, meinte Stefan und vermied es, diesen irritierenden Faden aufzunehmen. Festkörperphysik war nicht seine Kernkompetenz und er wollte vermeiden, sich vor den Freundinnen seiner Schwester eine Blöße zu geben. Es lief doch gerade so gut.
„Wenn eine Masse eine Gravitation auslöst, dann wird es sehr merkwürdig, wenn diese Masse nicht für die gemessene Gravitationsstärke ausreicht. Mathematisch ist die Realität nicht zu erklären.“
Melanie fasste sich als erste: „Und weil sie nicht dein Idealgewicht hat, findest du sie nicht anziehend?“, prustete sie los.
„Es geht gar nicht um mich; dem ganzen Universum fehlt die Basis für die Gravitation. Wir benötigen etliche weitere Universen, die mit unserem interagieren, um das Phänomen der Anziehung zu erklären.“
„Und mit Strings ist es leichter, Anziehung zu erreichen?“ - Melanie sah ihn schelmisch an.
„Wir sind es gewohnt, dass die möglichen Universen strikt voneinander getrennt sind. Nur im mehrdimensionalen Schwingungsverhalten der Strings ließe sich die Kraft bündeln, die notwendig ist, die benötigte Masse durch die Energie zu erreichen, um die Gravitation schlüssig zu erklären. Und wir benötigen entschieden mehr Dimensionen als die drei, vier, die wir kennen. In meinen Berechnungen sind wir schnell bei zwölf Dimensionen, vielleicht sogar mehr.“
„Wow“, meinte Jaqueline und sah ihn mit so großen rehbraunen Augen an, dass selbst Stefan etwas mulmig wurde.
Er rührte weiter in seinem Tee und hörte Katja sagen: “Wer hätte gedacht, welche Energie in Strings steckt?“
Stefan atmete tief durch.
„Das Entscheidende ist aber, auch wenn die Strings in sehr vielen Dimensionen schwingen und diese Oszillationen nicht nur unser Universum durchdringen, sondern mindestens ein ganzes Dutzend von ihnen. So sind die Universen doch nicht so hermetisch voneinander getrennt, wie wir das gemeinhin so denken.
Schon eine Kleinigkeit, wie die Drehrichtung, in der ich gerade meinen Chai rühre, kann, wenn es in einem Paralleluniversum eine zeitgleiche Entsprechung gibt, zu einer Durchdringung der Barrieren innerhalb der Strings führen, die unser gesamtes Materiegefüge, also die Welt, so wie wir sie kennen, in Unordnung bringt.“
Die vier jungen Damen sahen ihn mit großen Augen an. Diese Reaktion gefiel ihm. Sehr sogar! Stefan stand gern im Mittelpunkt. Obwohl die Reaktion nach einer Weile doch heftiger auszufallen schien, als er sich erträumt hatte. Sogar, wenn er bedachte, dass Katja ein wenig in sein Beuteschema passte. Sie war drahtig, sportlich und dass sie gerade mit einer Arzthelferin liiert war, das konnte man sicherlich ändern. Dass er einmal nicht jederzeit den Fokus einer Frau auf sich lenken konnte, daran hatte er noch nie Zweifel gehabt.
Dann bemerkte er, dass der Tisch irgendwie höher war als vorher. Und als er sich irritiert im Stuhl zurücklehnte, spürte er das Gewicht seiner Oberweite, und als er dann blonde Locken aus seinem Gesicht wischen musste, sah er ein wenig verängstigt in die Runde. Zu seiner Überraschung sah er klar und deutlich, ganz ohne Brille.
Die vier jungen Damen schienen es mit Fassung zu nehmen.
„Wir sollten dich wohl ab jetzt Stefanie nennen“, meinte Sandra als erste so trocken und nüchtern, dass Stefan zusätzlich erschrak. Er nahm einen Schluck Chai-Tee und entdeckte beim Absetzen des Glases Lippenstiftspuren am Rand. Erst jetzt nahm er seine lackierten Fingernägel wahr.
Es geschah nicht oft, dass Stefan sich in einer geselligen Runde befand und diese nicht dominierte. Nun aber fühlte er sich unwohl. Unwohl und klein. Alles wirkte größer und höher: der Tisch, der Stuhl. Er wagte nicht, an seinem Körper herunterzusehen. Er ahnte, was er sehen würde. Er spürte es beim Ein- und Ausatmen. Er spürte wie das ungewohnte Gewicht Auswirkungen auf seine Rückenmuskulatur hatte. Und er spürte, wie seine Füße sonderbar schmerzten. Warum nur hatte er viel zu kleine Schuhe an?
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