Stille stand zwischen den beiden Frauen. Man konnte bloß das leise Knirschen vom Gehen über die Steinchen am Weg hören. Wenn man genau hinhörte, dann war vielleicht noch der Atem von ihnen zu hören. Kein Gewand raschelte, kein Windhauch ging. Es war wahrlich Stille eingetreten, feierliche Stille.
„Das klingt wie ein Nebel. Es ist für mich nicht fassbar. Damit kann ich nur wenig anfangen. Was du beschreibst, ist nicht von dieser Welt.“
Momente des Atmens. Maria Magdalena setzte ihre Gedanken leise und doch sehr klar fort. „Ja – wenn du in deinen alten Vorstellungen, in dem, was dir bekannt ist, was du jemals gelesen, geschaut, erfahren hast, verbleibst, dann bleibt ewiges Bewusstsein für dich unfassbar und nicht von dieser Welt. Doch es gibt nur diese eine Welt im Sinne diesen einen Kosmos. Dein Geist darf sich keiner Idee verschließen, nur weil sie für dich bislang unbekannt war und vielleicht eigenartig klingt. Wenn du also bereit bist, dich zu öffnen und tatsächlich mit dem Herzen zu schauen, dann wird sich dir etwas Unbeschreibliches zeigen. Du wirst erkennen, dass der Urgrund des Seins höchst lebendig ist. Er zeigt dir Ideen als das Geschaute, das Erlebte als geistige Urprinzipien. Du kannst dabei nicht mehr weiter reduzieren, weil ansonsten die Essenz wieder verloren geht.“
Marie fühlte noch immer keinen für sie fassbaren Zugang. „Und doch bleibt es ein Nebel für mich,“ entgegnete Marie leise und ein wenig ratlos. Ihr scharfer Verstand und ihr umfangreiches Wissen erwiesen sich gleich am Beginn des Weges als – scheinbar - großes Hindernis. Das klang nicht besonders erbaulich, war sie doch so stolz auf ihr intellektuelles Wissen. Da war sie Spitzenklasse. Doch die half ihr hier gar nicht. Eine erste Enttäuschung. …
Sie schritten weiter auf dem erstaunlich breiten Kiesweg im Labyrinth. Marie überkam gleich am Beginn ihres gemeinsamen Weges eine tiefe Ungeduld und Unsicherheit. Worauf hatte sie sich da eingelassen? Wo sollte das alles hinführen? Marie zweifelte bereits nach den ersten Schritten im Labyrinth, das ihr unüberschaubar erschien. Sie blieb stehen und sah Maria Magdalena fragend an.
Diese meinte nur: „Folge mir weiter auf unserem Weg. Verzage nicht, wenn du nicht gleich erkennst. Es enthüllt sich alles am Weg, was sich für dich enthüllen soll. Lass dich nicht beirren. Mir erging es am Beginn meines Weges sehr ähnlich. Viel zu viel im Kopf, im Verstand, in der Materie, im Bekannten, im Vertrauten, im Äußeren. Doch im tiefsten, schwärzesten Moment, als ich alles Bekannte losließ, einfach sein ließ, da begannen sich neue Türen zu öffnen und ich begann zu erkennen und zu sehen.“
Marie schwieg und sagte sich innerlich, dass ja dann noch Hoffnung bestünde. Sie setzten ihren Weg langsam fort.
„Wo der Geist ist, da ist der Schatz. Nicht unser Verstand, unser Geist. Unser Geist vermag eine Energie zu erzeugen, die Materie transformieren kann. Das Göttliche ist somit real. Es ist eine geistige Energie, die alles durchdringt. Erst wenn wir begreifen, dass wir als Abbild Gottes und damit Schöpfer sind, unsere Schöpfermacht in die Hand nehmen und verantwortungsvoll leben, dann begreifen wir die Potenziale und erkennen die Türen, die sich für uns öffnen. Dann erst können wir dieses Potenzial nutzen. Wenn der Unendliche nicht gewollt hätte, dass der Mensch weise ist, dann hätte er ihm nicht diese Fähigkeiten verliehen. Wenn wir lernen, unsere wahre Macht zu beherrschen, dann erschaffen und beherrschen wir unsere Realität, anstatt nur auf sie zu reagieren und ihr hinterherzulaufen.“
Marie atmete nach diesen Sätzen tief durch. So viel Neues, so viel Bekanntes in einem für sie neuen Zusammenhang.
„Ja – das mag ja für dich schlüssig klingen. Doch ich brauche für mich Konkretes, Verständliches. Gib mir bitte Beispiele, damit ich auf meinem Weg auch eigene Orientierungsmarken habe,“ kam es noch immer ein wenig ratlos aus ihr. Ohne diese konkreten Beispiele würde sie dies niemals vermitteln können. Sie würde für Menschen in Rätseln sprechen. Gleichzeitig wusste sie, wie fordernd es ist, diese Wahrnehmungen in Worte zu fassen, die auch anderen verständlich waren.
„Hab noch ein wenig Geduld, meine Liebe. Der Weg in die Einheit durch das Labyrinth, das Wiederfinden des Symbolon, enthüllt sich nicht während der ersten Schritte. Wir alle erhielten am Anbeginn den Entwurf unseres Schicksals als Geschenk und gleichzeitig die Wahlmöglichkeit, dieses Schicksal zu erfüllen – oder auch nicht. Einen absolut freien Willen dafür gibt es nicht. Wir sind alle durch zahlreiche unbewusste alte Muster und Erinnerungen derart stark geprägt, dass nur Bewusstsein hilft, sie zu erkennen, doch nie bis ins Letzte zu erlösen. Daher geht es vielmehr darum, so viel wie möglich zu erkennen, zu wandeln und den Rest anzuerkennen und mitzunehmen. Das Bewusstsein verwandelt die Möglichkeit in Realität. Es ist der wichtigste Faktor bei der Erschaffung unseres Universums. Absicht erlernt man dabei durch Übung. Das Potenzial ist vorhanden. Es braucht Übung, Bewusstsein gezielt und zielgerichtet zu formen. Achtsamkeit kommt einer Bündelung gleich – einer bildlichen Vorstellung und einem festen Glauben. Fokussierung hingegen lässt die zahlreichen Möglichkeiten, die sich spielerisch am Weg zeigen, außer Acht. Achtsamkeit und Fokussierung sind zwei unterschiedliche Zugänge.“
Marie hatte die Worte gehört. Gleichzeitig regte sich Aufbegehren in ihr. „Wenn ich nicht alles erlösen kann, was macht der Weg dann für einen Sinn? Wofür soll ich mich dann mit dem Erkennen von etwas, das ich nicht fassen kann, wie das Bewusstsein, wofür soll ich mich abmühen und auf diesem Weg mir innere und äußere Blasen holen?,“ fragte Marie mit dem Trotz eines kleinen Kindes, das nicht verstand und zur Langeweile neigte.
„Das ist nicht Ziel dieses Weges. Ziel ist die Erkenntnis zu dir selbst, zu deinem Schicksal, zu deinen Möglichkeiten, zu deinen Fähigkeiten, zu deinem Auftrag. Das ist das Ziel des Weges in die Einheit. Es geht nicht um Perfektionismus. Es geht um das Leben und darum, mit diesem Leben anmutig und vertrauensvoll zu tanzen, sich in seinem Rhythmus zu bewegen und gleichzeitig seinen eigenen Rhythmus zu finden und zu leben. Perfektionismus hat nichts mit Leben zu tun. Leben ist immer eine Frage der inneren Haltung und der Sichtweise. Lass dich davon nie abhalten, den Weg der Erkenntnis zu gehen.“
Marie war still geworden. Sie wollte zuhören, mit dem Herzen wollte sie zuhören, frei von Wertungen und Urteilen – auch wenn es ihr anfänglich schwer fiel. Sie atmete tief, da sie wusste, dass der Atem sie wieder in ihre Mitte, in ihr inneres Zentrum bringen würde. Schweigend gingen die beiden Frauen nebeneinander. Marie nahm die bereits grünen, hohen Hecken des Labyrinths wahr. Alles schien grün vor ihr, hoch und grün, erschreckend grün. Sie waren erst einige Schritte gegangen und Marie hatte das Gefühl, nie mehr aus diesem Labyrinth, aus diesem totalen Grün herauszufinden. Sie fühlte sich für Momente Maria Magdalena ausgeliefert. Worauf hatte sie sich da eingelassen?
Ihre Begleiterin spürte Maries Zweifel. „Marie – beruhige dich. Es gibt immer Wege aus einem Labyrinth. Immer. Wir sind am Beginn. Da mag vieles für dich ungewohnt und unklar erscheinen. Atme, atme.“
Marie sog die milde Luft kraftvoll ein. Langsam schritten sie weiter. Marie hörte den Kies unter ihren Füßen leise knirschen. Sie tat sich schwer, sich zu beruhigen. Ihr Herz machte Bocksprünge. Ihr Atem kam gelegentlich stoßweise. Ganz wohl war ihr nicht zumute. Worauf hatte sie sich da eingelassen, fragte sie sich unablässig wie ein inneres Uhrwerk. Marie schien plötzlich kalte Füße zu bekommen, jetzt, wo sich ein großer Wunsch erfüllte. Paradox – und doch sehr menschlich. Das alles im Vorhinein Wissenwollen, das hatte hier keinen Raum. Es wurde ihr zum inneren Hindernis. Marie rang mit sich in diesen ersten Schritten. Sie hatte Angst – jetzt an der Schwelle der Erfüllung eines ihrer großen Wünsche. Nichts erschien ihr klar. So viel zeigte sich und sie konnte es nicht ihr Bekanntem zuordnen. Sie fühlte sich innerlich blind, nein, innerlich orientierungslos, ein wenig ausgeliefert, nicht wissend, ohnmächtig. Nichts, was sie kannte, half ihr hier. Wer Augen hat, zu sehen – ja, das erhielt in diesen Momenten eine völlig neue Bedeutung für Marie. War es so schwer, den Tanz mit dem Leben zu erlernen?
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