Marie hatte aufmerksam gelauscht, nichts gefragt, weil alles klar und deutlich vor sie gelegt wurde. Sie war vielmehr von der vielgestaltigen Symbolik angetan. Mehrfach hatte sie das große Labyrinth in der Kathedrale von Chartres besichtigt. Jedes Mal, wenn sie es durchschritt, geschah etwas Besonderes, etwas Bahnbrechendes in ihrem Leben. Umso aufmerksamer hatte Marie zugehört. Es war ein aktives Zuhören aus dem WeisheitsWissen. Sie hatte es über Jahre gelernt und daraus viel Nutzen für ihren Lebensalltag gezogen.
Maria Magdalena setzte sanft und mit leiser Stimme fort. „Das Symbolon ist das zweite Element, das ich dir näher bringen will. Ein Symbolon ist ein Erkennungszeichen, ein Freundschaftszeichen, ein Zeichen, sich wiederzukennen – nach einer langen Reise der Getrenntheit. Es ist also ein Zeichen für etwas, das im Leben eines Menschen gegenwärtig, jedoch nicht unmittelbar greifbar ist. So fallen beim Zusammentreffen der beiden Teile die einzelnen Mythen zu einem Ganzen zusammen und das Symbolon ist für einige Zeit wieder komplett. Das Menschsein und das Symbolon hängen eng zusammen. Menschsein ist Ausdruck einer Ganzheit. Es ist eine innere Haltung, die Männliches und Weibliches, Verstand und Gefühl, Geist und Materie und vieles mehr umschließt. Es löst eine gleichwertige und ebenbürtige Reaktion aus und drückt so ein geistig-emotionales Gleichgewicht aus. Dazu muss man beide Pole in ihrer Tiefe und Breite kennen und im Labyrinth des Ausdrucks für Leben integrieren, um sie zum Tanz zu führen. So kann die Meisterschaft stattfinden.“
Marie begann ihre Gedanken, Wahrnehmungen und Empfindungen zum Tanz mit dem Leben wahrzunehmen. Ihre Begleiterin setzte fort: „Wenn du wahre Erkenntnis erlangen willst, musst du zuerst dich selbst kennenlernen. Du musst wissen, wer und was du bist, woher du kommst, wohin du gehst, was deine Aufgabe, dein Seelenauftrag ist. Du bist schon weit gekommen auf deinem Weg. Doch auf dieser Reise zu dir und mit dir durch das Labyrinth hin zum Symbolon wirst du noch deutlicher entdecken, dass alle großen Wahrheiten bereits in dir verborgen sind. Wo sollten sie denn anders sein?! Über den Weg der Selbsterkenntnis lernst du gleichzeitig alle großen Weltengeheimnisse. Denn: wie im Kleinen, so im Großen. Du musst dir daher immer zuerst die beiden Pole in allen Facetten ansehen, sie durchleben, sie durchdringen und sie erfassen. Dann erst kannst du in die Einheit und somit in die Meisterschaft gehen. Es ist ein innerer Prozess, der sich im Außen oft nur sehr unscheinbar zeigt. Und doch ist es einer der kraftvollsten Prozesse, wenn nicht der kraftvollste Prozess des Menschen. Wohl auch weil der Anthropos das Ziel ist, der sich selbsterkennende Mensch, der in der Ganzheit als Mensch lebt, den Tanz mit dem Leben begriffen hat und ihn damit meisterlich leben kann. “
Nun wusste Marie über Takt und Rhythmus des Tanzes mit dem Leben Bescheid. Vieles davon hatte sie bereits gelesen und probiert. Doch es war immer etwas Besonderes, dies aus dem Mund einer Berufenen zu hören und es mit dem WeisheitsWissen aufzunehmen. Marie war neugierig und rutschte wie ein Kind ein wenig umher. Maria Magdalena lächelte sanft und wusste, dass Marie nun für den Weg in die Einheit bereit war.
„Ich werde dir unterschiedliche Aspekte des Männlichen und des Weiblichen, der beiden großen Pole, näher bringen. Du musst beides kennen und gelebt haben, um den Tanz mit dem Leben zu beherrschen und in die Meisterschaft zu gelangen. Wenn du weggehst, kannst du ankommen. Doch du bleibst nicht. Du nimmst auf und gehst wieder. Bewegung ist alles. Stillstand ist Fiktion, ist Tod. Du kannst jederzeit Fragen stellen, doch höre zuerst zu, denn wer Ohren hat zu hören, der erhält die Antworten in der großen Stille des Seins.“
So saßen die beiden Frauen da. Nur sie konnten einander sehen. Sie hatten sich in ihrer Imaginale ihre eigene RaumZeit geschaffen, zu der nur sie Zutritt hatten. Marie war reisebereit. Sie war bereit, Maria Magdalena in ihren Ausführungen zu folgen. Dann, wenn sie diese für sich aufgenommen hatte, dann erst konnte sie diese in einfache, verständliche Sätze fassen. Das war ihr großes Anliegen. Diese scheinbaren Geheimnisse sollten all jenen Menschen zugänglich gemacht werden, die bereit waren, verantwortungsvoll damit umzugehen. Wer diese Grundbereitschaft nicht zeigte, dem würden sich diese Geheimnisse gar nicht zeigen, geschweige denn enthüllen.
Die Begegnung von Marie und Maria Magdalena findet in einer RaumZeit, der Imaginale statt. Auch du kannst diese RaumZeit für dich eröffnen, z.B. durch Meditation und durch Atemtechniken. Dafür brauchst du die innere Bereitschaft und die freie Absicht, offen zu bleiben und zuzulassen, was sich dir jetzt zeigen will.
1. Materie und Geist: Wer macht den Anfang?
So standen die beiden Frauen am Eingang des Labyrinths aus scheinbar zahllosen grünen Hecken in einem großen imaginären Park. Das Wetter war angenehm. Die Sonne schien in dem dem Frühling eigenen zarten, milden Licht; eine leichte Brise ging. Man konnte förmlich riechen, dass es sich um einen Frühlingstag am späteren Morgen handelte. Die Geräuschkulisse aus dem Rascheln der ersten grünen Blätter und aus aufgeregtem Vogelgezwitscher nahm Marie gedämpft war. Sie fühlte sich in einem besonderen Kokon, der durch ihre erweiterte Wahrnehmung entstanden war. Beide Frauen waren nun bereit, das Labyrinth, vor dem sie standen, zu betreten und das Symbolon zu finden – was immer es auch sein mag. Marie war neugierig, gespannt, aufgeregt – fast wie ein kleines Mädchen an der Hand ihrer Mutter. Das war eine ausgezeichnete Voraussetzung, denn so würde sie alles unverstellt aufnehmen, das Maria Magdalena ihr erzählte.
Die Stille der ersten Schritte wirkte dennoch ein wenig unbehaglich auf Marie. Was kommt jetzt? Was soll ich tun? … Sie fasste sich ein Herz … „Wo fängt alles an?,“ fragte Marie zögerlich. Irgendwo musste sie ja beginnen, meinte sie in ihrem Inneren zu verspüren. Da war sie ganz Menschenkind; Menschen müssen immer sprechen; damit übertünchen sie ihre tiefe Angst. Sprechen lenkt ab und nimmt diese Angst. Irgendwie … ja, irgendwie muss ja immer etwas im Äußeren passieren. …
Maria Magdalena ließ einige Momente der Stille vergehen. Dann sprach sie leise, doch sehr klar und eindringlich: „Wir kommen alle aus dem reinen Bewusstsein, einer Form von dem, was man in der menschlichen Sprache mit Leere, mit Nichts umschreiben kann. Damit kann man das Unvorstellbare noch am ehesten ausdrücken. Alles ist dabei Schwingung, reine Energie, formlos und gleichzeitig formseiend. Es gibt jedoch – und das mag widersprüchlich für dich klingen - weder die absolute Leere noch das absolute Nichts. Dieser Widerspruch ist von Beginn an dabei. Er ist mit ein Schöpfungsprinzip. Aus dieser scheinbaren Leere erscheint durch einen göttlichen Impuls der Circumpunkt, der den Beginn markiert. Es ist der Kreis, der weder Anfang noch Ende kennt, in dessen Zentrum ein Punkt liegt. Der Circumpunct ist das Symbol für universelles Bewusstsein, für eine globale gemeinsame Vorstellung vom Göttlichen, vom Großen Baumeister aller Welten.“
Es vergingen wieder Momente. Marie war ein wenig ratlos. Ja, sie hatte vom Circumpunct als universelles Symbol schon gehört. Doch was sollte das jetzt hier? Sollte sie weiterfragen oder einfach abwarten? …
Maria Magdalena griff ihren Gedanken auf.
„Du kannst Bewusstsein sehr vielfältig definieren, doch dies wird deine Erkenntnisse nicht erweitern. Nimm es als gegeben an, als etwas, das ist. Es ist der sehr lebendige Urgrund. Er beinhaltet alles, was ist. Verheddere dich nicht in alleine von Gedanken gesteuerten Diskussionen. Sie bringen dich nicht weiter. Du erhältst über den Kopf-Weg keine Antworten, die dich nähren. Erfühle es mit dem WeisheitsWissen. Dann bist du dort, wo du am Beginn warst und wo du wieder nach Hause kommen wirst.“
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