Die in Berlin gefundene Wahrsagerin hält er für ein Medium, über das er nicht wissen will, wie es funktioniert. Sie verfügt, das spürt er, besonders zuverlässig über die Gabe der klaren Sicht des Kosmischen. Sie ist für ihn wie eine Brücke zwischen seinem Alltag als Politiker und den Außeneinwirkungen auf die Dinge, mit denen er sich zu befassen hat. Die Sonnenfinsternis ist nach seiner Überzeugung mehr als ein markantes Großereignis in den ständigen Interdependenzen zwischen dem raumzeitlich Unendlichen und dem raumzeitlich Begrenzten im Hier und Jetzt. Diese Interdependenzen können Politiker – auch das eine Feststellung, die sich in seinen Aufzeichnungen findet – nicht aufheben oder beseitigen. Das sei so unmöglich, „wie ein Erdbeben, einen Vulkanausbruch oder einen Tsunami verhindern zu wollen.“ Für ihn als Politiker sind Zeichen des Himmels, die aus dem Reich des Unendlichen unmittelbar im begrenzt Überschaubaren eingeschrieben sind, wichtige Botschaften, um einem Kompass folgen zu können, was Aufmerksamkeit zu beanspruchen hat. „Wir können keine Katastrophen vermeiden und nicht die Ungerechtigkeit in der Welt beseitigen. Wir können auch nicht das Leben für alle sicher und planbar machen. Aber wir können uns sensibilisieren für Ereignisse und Entwicklungen, die von uns angemessenes Handeln erfordern“, hat sich M an den Anfang seiner Kladde „Im Jahr der Sonnenfinsternis“ geschrieben.
Für seinen Kompass ist seine Wahrsagerin sehr wichtig. M hält sich für einen der wenigen Politiker, der mit diesem Kompass arbeitet. M sagt sich, andere haben ihren Beichtvater oder Erzbischof, ich habe meine Wahrsagerin. Wahrscheinlich ist er der Einzige im Bundestag, der zu einer Wahrsagerin läuft. Instinkte und Intuitionen, da ist er sicher, spielen auch bei vielen seiner Kolleginnen und Kollegen eine Rolle. Anders ist kaum zu erklären, warum die einen in der Politik aufsteigen, die anderen aber scheitern. Für ihn ist es auch ein Wettkampf, nach oben zu kommen. Er registriert durchaus, dass die meisten der Parlamentarier in der Hierarchie bedeutender und höher angesiedelt sind als er. Doch das muss nicht so bleiben, das letzte Wort in seiner Karriere ist noch nicht gesprochen. Den höher angesiedelten Instinktpolitikern unterstellt er eine Logik der Intuition. Sie perfektionieren Mittel, die sie aus Irrationalem schöpfen. Für ihn sind Intuition und Instinkte, die man ja nur von außen beobachten und so bezeichnen kann, Ergebnisse aus Überzeugung und Methode. Er kennt also die Grundlagen und Instrumente für den Aufstieg in der Politik. Sie sind bei ihm besonders ausgeprägt, weshalb M zu der Annahme neigt, in der großen Schar der Abgeordneten einzigartig zu sein und ein Alleinstellungsmerkmal des Politischen in seiner Persönlichkeit zu haben.
Über seine Wahrsagerin weiß er nur sehr wenig. Er hat von ihr erfahren, dass sie seit fünfzehn Jahren in Berlin wohnt und des Öfteren zu einem Familientreffen auf den mittleren Finger der südlichen Peleponnes nach Griechenland fährt. Diese Halbinsel trägt den Namen Mani. Die Wahrsagerin behauptet, ihre Großmutter stamme aus einer uralten manischen Familie, die nicht weit von einer zerklüfteten karstigen Bergkette zu Hause war, an deren Fuß man seit der Antike den Eingang zur Unterwelt, zum Hades verortet hatte. Von dieser Großmutter, eine Zauberin, habe sie viel geerbt. Was sie in den Seancen mit ihrem zweiten Gesicht sehen und erfahren könne, sei wahr, so unzureichend es in ihrer Sprache auch geäußert sein möge. Zu dieser Wahrheit gehöre auch, dass sie nur im Augenblick ihrer Offenbarung Ausdruck finde und von ihr im Nachhinein nicht erinnert werden könne.
M hatte akzeptiert, das genaue Funktionieren dieses Mediums nicht verstehen zu können. Die Distanz zwischen ihr und ihm war am spürbarsten, wenn sie in den Sitzungen vollständig in ihre Welt eintauchte, in der er für sie ganz ausgeblendet war. Er war dann eigentlich nur ein gebannter Zuhörer ihrer murmelnden Selbstgespräche, in denen es immer auch wieder Passagen gab, von denen er nichts verstand, die er mit nichts in Verbindung bringen konnte, was in seinem Leben interessierte. Legt sie die Karten und schaut in die Kugel, klingt alles viel harmloser, erscheint ihm wie prosaische Psychologie einer sehr gebildeten Frau. M sieht keinen Grund, an der Seriosität seiner Wahrsagerin zu zweifeln. So gibt es auch keinen Grund, an seiner Methode zu zweifeln, sich ihrer für seine Tätigkeit zu bedienen. Seine Methode vertraut er nur seiner Kladde an und hat sich geschworen, nie mit einem anderen Menschen darüber zu reden.
In der Politik gilt es, keine Spur zu hinterlassen, die dazu führen könnte, ihn der Scharlatanerie zu bezichtigen. Nach außen ist er deshalb der absolut loyale Abgeordnete, der stets den vorgegebenen Spielregeln der parlamentarischen Abläufe folgt und großen Wert darauf legt, als sehr zuverlässig und gewissenhaft zu gelten. Dass er diese Wahrsagerin gefunden hatte, ist für M ein Beweis, dass er, wenn auch nur auf unterster Stufe, einbezogen ist in das kosmische System. Seinen Auftrag versteht er in der ihm eigenen einfachen und prägnanten Art: Signale und Botschaften zu empfangen, sie in politischen Zusammenhängen zu verstehen, Lösungen im Rahmen der Institutionen zu finden, deren Teil er ist. Die Sonnenfinsternis war ein ihn aufwühlendes Ereignis. Die Informationen, die er in ihrem Umfeld von seiner Wahrsagerin erhalten hatte, hatten sich wie ein Mantel um die Ereignisse geschmiegt, die sich in den wenigen Tagen abgespielt hatten. Es liegt nun an ihm, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Mit der Sonnenfinsternis und den für einen Politiker dunklen Wegen, die er ihretwegen in den vergangenen Tagen gegangen ist, verbinden sich für M aktuelle Ereignisse in Zusammenhängen, die andere Politiker offensichtlich nicht sehen können, jedenfalls noch nicht. In Friedrichshain war es in der Nacht nach der Sonnenfinsternis zu einem kurzen großflächigen Stromausfall gekommen. Die Straßenlaternen erloschen, und sofort waren Randalierer zu Stelle. In der düsteren Rigaer Straße brannten schnell errichtete Barrikaden, ein Supermarkt wurde geplündert und Polizisten wurden mit Steinen beworfen. Die Chaoten kamen von einer „Soli-Party“, die nur wenige Häuser von der Wahrsagerin entfernt stattgefunden hatte. Wie ein Schwarm waren die Randalierer durch das Viertel gezogen und hatten zerstört, was auf dem Weg lag oder was sich ihnen entgegenstellte. Autos wurden beschädigt und angezündet, Polizisten verletzt.
M hatte die Meldungen verfolgt, weil sie so genau in das Bild passten, das ihm vorher seine Wahrsagerin gezeichnet hatte. Das war ebenso präzise wie das Bild von dem schießwütigen Mann in der Straße der Pariser Kommune. Der Mob in diesem Viertel, so die Vorstellung von M – ist nicht nur eine ständige Herausforderung des Rechtsstaates, sondern zeigt, wie der Politik die Zügel entglitten waren. Die Bevölkerung wird eingeschüchtert und die Politik findet keine angemessenen Mittel, mit diesen Zerstörungen im Inneren der Gesellschaft fertig zu werden.
Dann war da noch der Satz seiner Wahrsagerin, der ihm am meisten zu schaffen machte und so viele Energien in den wenigen Tagen freigesetzt hatte: „Es wird sehr bald etwas Fürchterliches geschehen, das unser ganzes Land in Schrecken versetzen wird. Ich sehe es, wie es in voller Wucht zerschellt, sehe einen Regen aus Trümmern vom Himmel fallen.“ M hatte diese Prophezeiung als Umschreibung der Ungeheuerlichkeit verstanden, dass nun selbst die starken Mauern des Parlaments zur Zielscheibe von Anschlägen werden konnten. Er fühlte in sich den Auftrag, die Initiative zu ergreifen, um die politische und öffentliche Aufmerksamkeit auf ein Schauspiel zu lenken, das in höllischer Unverfrorenheit die Stein gewordene Demokratie zu zertrümmern begann. Natürlich waren fürs Erste keine sichtbaren Beschädigungen mit den Anschlägen verbunden, und die Tat an sich mochte marginal erscheinen. M aber sah hinter dieser zu vernachlässigenden Äußerlichkeit einen Anschlag mit unendlichem Zerstörungspotenzial. Nicht nur die Gesellschaft erodierte in ihren Kernen. Nun wurde die Demokratie selbst angegriffen und ihre stärksten Symbole wurden der Lächerlichkeit preisgegeben.
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