In seinem Hotel grübelt M über seine nächsten Schritte. Vor seinen Augen entsteht die Dramaturgie für die Einrichtung eines neuen Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestages, möglichst unter seiner Leitung. Seine Handlungsstrategie ist aus seiner Sicht konsequent und politisch zwingend. Das kriminelle Delikt der Anschläge muss in die politische Sprache des Schutzes von Staat und Gesellschaft übersetzt werden. Die Inhalte der Flugblätter sieht er nicht als die eigentliche Gefahrenquelle. Sie sind für ihn die intellektuelle Form rechtsradikaler Parolen, nicht gerade anregend, aber leider nun mal Bestandteil der laufenden Auseinandersetzungen in der Bevölkerung, Ausdruck der Angst vor den Flüchtlingen, die ins Land kommen, Abneigung gegen die vielen Menschen aus anderen Ländern, die sich in Deutschland breitgemacht haben. Doch die Anschläge als Tat verweisen auf einen anderen Zuschnitt der Täter als jene Menschen, die Vorstellungen haben, wie sie in den Flugblättern aufgeschrieben sind, und die in großer Zahl politisch zu umwerben, M nicht als Problem seiner politischen Grundeinstellungen empfindet. Die Täter, so baut M seine Hypothese auf, stammen aus dem aktionistischen Milieu der Stadt, das als Folge der sozialen und kulturellen Verwahrlosung immer größer wird und das er an vielen Stellen der Stadt immer anschaulicher besichtigen kann. Die Tat selbst läuft stets nach dem gleichen Muster ab. Das stärkt den zweiten Teil seiner Hypothese, dass es sich um einen Einzeltäter handeln wird, der für eine Kerngruppe austestet, wie die Sicherheitsvorkehrungen gerade dort zu überlisten sind, wo sie ihren höchsten Standard erreicht haben.
Am Montag, dem 23. März, steht M sehr früh auf, frühstückt einigermaßen entspannt im Hotel und genießt seit Tagen zum ersten Mal wieder seinen Kaffee. Er möchte pünktlich in seinem Büro sein. Vor ihm liegt nicht nur eine anstrengende Sitzungswoche. Er hat darüber hinaus politische Verantwortung durch Eigeninitiative umzusetzen, die ihm sein neues Wissen auferlegt hat. Schatz und Madame werden eine Menge zu tun bekommen. Wie es seine Gewohnheit ist, überfliegt er am Morgen in seinem Smartphone die lange Liste der News, die ihm von seiner Partei zur Verfügung gestellt werden. So macht er es auch heute Morgen in der Hotellounge. Keine der Überschriften fesselt ihn sonderlich oder regt zum Weiterlesen an. Er ist bereits in der Nachhut der Nachrichten angekommen, beim Vermischten und Sex and Crime des Tages sozusagen. Diese weniger wichtigen Meldungen scrollt M normalerweise im Schnelldurchgang. Aber da! Wie elektrisiert liest er: „Brandsätze gegen das Paul-Löbe-Haus“.
Als Sturm rasen die Zeilen durch seinen Kopf, die er da liest. Die gerade eben zurecht gelegten Sätze über den DWB wirbeln durcheinander. Seine kaum wieder etwas ins Gleichgewicht gependelte Gemütsverfassung bricht im Beben erschüttert zusammen. „Zerschellen“ fällt als erste Wortassoziation in sein Bewusstsein. Und ein schwaches Erinnerungsbild meint er aus seinem tiefen Inneren auferstehen zu sehen, als er zu lesen beginnt: „Gegen das Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages ist in der Nacht zum Montag gegen 2.00 Uhr ein Brandschlag verübt worden. Sachbeschädigungen sind nicht entstanden. Der Brandsatz hat nicht gezündet. Vom Täter fehlt noch jede Spur. Am Tatort wurden Flugblätter der als rechtsextrem eingestuften Deutschen Widerstandsbewegung gefunden. In ihnen wird gegen Multikulti gehetzt und vor einer Überfremdung des deutschen Volkes gewarnt. Die Flugblätter sind überschrieben: Der Ausgangspunkt der Gewalt ist die Ignoranz der Herrschenden.“
M steht abrupt auf, lässt seinen Kaffee stehen, packt in seinem Zimmer die wenigen Sachen in die Tasche und lässt ein Taxi rufen, mit dem er die kurze Entfernung zum Parlament zurücklegt. Er lässt sich vor dem Osteingang des Reichstags absetzen, hält dem Sicherheitspersonal seinen Hausausweis hin und eilt in festen langen Schritten kurz nach oben zum Plenarsaal, wo er sich in die Anwesenheitsliste für die Abgeordneten seiner Fraktion einträgt. Sein Name steht weit oben auf der Liste, was ihn mit innerer Zufriedenheit erfüllt. Dann eilt er mit hastigen Schritten durch die labyrinthischen Gänge der Katakomben unter der Spree hinauf in sein Büro. Schatz ist schon da, an der er kurz und freundlich grüßend vorbei in sein Zimmer eilt. Er setzt sich an seinen Schreibtisch, fühlt sich außer Atem. Seinen Kopf hat er zwischen beiden Händen eingekeilt und die Augen in eine imaginäre Ferne gerichtet.
„Kannst du bitte ein Diktat aufnehmen, Schatz? Es ist wichtig.“ Seine Sekretärin kommt sofort mit Block und Bleistift in sein Zimmer. Sie ist eine der wenigen Sekretärinnen im Bundestag, die noch die Stenografie beherrscht. Gerne hätte sie jetzt erst einmal bei einer Tasse Kaffee ein kleines Schwätzchen mit M gehalten und mit ihm vor allem über seine Gesundheit geplaudert. Sie mag ihren Chef rein persönlich zwar nicht besonders, aber die kleinen Gespräche in gemütlicher Atmosphäre mit etwas Klatsch und Tratsch waren immer willkommene Abschnitte ihrer dienstlichen Tagesordnung. Auf der anderen Seite ist ihr die hektische Betriebsamkeit der Abgeordneten vor allem am Morgen vor den Plenarsitzungen in ihren Büros nicht fremd. So stöhnt sie nur leicht auf, setzt sich M gegenüber und ist bereit zum Diktat.
„Schatz, es ist wirklich sehr wichtig, und ich möchte, dass die Dokumente nicht per Mail gesendet werden, sondern dass du sie in Umschlägen verschließt und über die Hauspost verschickst.“ M sitzt aufrecht vor seinem Schreibtisch und sieht übermüdet aus. Seine Sekretärin lächelt ihm dennoch freundlich entgegen, wohl ein wenig aus Mitleid. Es wäre ihm noch ein wenig Zeit für eine Rekonvaleszenz zu gönnen, der Arme, denkt sie. Aber sie weiß aus Erfahrung, die Arbeit eines Abgeordneten ist ein Knochenjob. Das sagt sie auch immer wieder in ihrem Bekanntenkreis.
M diktiert ihr einen Brief an den Vorsitzenden seiner Fraktion sowie auch an den Vorsitzenden des Innenausschusses. Er berichtet kurz über die Kette der Anschläge auf die CDU-Zentrale und den Bundestag, die „Herzkammer unserer Demokratie“. Er deutet sein Hintergrundwissen an, das er aus einer „sehr gut unterrichteten Quelle“ erworben habe. Vollständig bedeckt hält er sich noch mit seiner Vermutung, dass er hinter den Anschlägen Täter aus der linken Szene vermutet, die eine falsche Fährte gelegt haben, indem sie sich hinter den Stereotypen der Rechtsradikalen tarnen. Stattdessen folgt der Schlussabsatz seines Schreibens:
„Es steht mir als einzelnem Abgeordneten nicht zu, unserer gemeinsamen Verantwortung durch eigene Ermittlungen und mit eigenen Bewertungen nachzukommen. Sie werden mit mir übereinstimmen, dass wir uns nach den NSU-Skandalen als wehrhafte Demokratie nicht noch einmal zu spät beweisen dürfen. Deshalb möchte ich in Erwägung bringen, ob es angesichts auch der hohen Symbolkraft dieser Anschläge nicht angemessen ist, dass unsere Fraktion einen Untersuchungsausschuss beantragt, der aufzuklären hat, wie es geschehen kann, dass der Deutsche Bundestag zur Zielscheibe von Anschlägen von Extremisten oder gar Terroristen werden kann. Selbstverständlich würde ich einem solchen Ausschuss gerne angehören.“
Nach dem Diktat sichtlich entspannt lächelt M nun seinerseits seine Sekretärin an und erkundigt sich mit der ihm eigenen Freundlichkeit nach ihrem Befinden.
„Ist es wirklich so gefährlich um uns bestellt?“ Die Sekretärin sucht nach einer Überleitung, um ihm zu erzählen, wie schlimm die vergangene Woche gewesen sei, in der sie dreimal zur Zahnbehandlung unterwegs sein musste. Doch sie kommt nicht sehr weit, weil gerade Madame ins Büro hinein gerauscht kommt und den beiden ziemlich mürrisch ihr „Guten Morgen!“ entrichtet.
Sofort fällt M wieder in hektische Betriebsamkeit. Private Anteilnahmen bei einer Tasse Kaffee scheinen ihm heute fehl am Platz. „Madame, auf uns kommt reichlich Arbeit zu“, begrüßt er seine Mitarbeiterin.
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