„Ich will diese Stimmen nicht mehr hören!“
„Hören Sie sie im Augenblick?“
„Nein.“
„Wie klingen die Stimmen?“
„Streng, hart, dominant, fordernd.“
„Wann haben Sie diese Stimme zum ersten Mal gehört?“, fragte der Psychiater.
„Vor Jahren. Ich war noch jung. Ein Teenager.“
„Was haben Sie getrieben, als Sie sie zum ersten Mal gehört haben?“
„Warum interessiert Sie das?“, fauchte Amelie und zog die rechte Augenbraue empor.
„Ich bin ein Voyeur.“
„Wollen Sie mich verarschen?“
„Ich sage Ihnen die Wahrheit“, antwortete Dr. Wyrwa. „Auf meine Art bin ich ebenso verrückt, wie Sie es sind. Ich bin ein Voyeur. Es macht mir Spaß, in schmutziger Wäsche herumzuwühlen. Was glauben Sie, warum ich Psychiater geworden bin? Nur, um meinen lieben Mitmenschen zu helfen? Niemand tut irgendetwas ausschließlich aus humanitären Gründen. Da ist immer noch etwas Anderes im Spiel, ein zusätzlicher Kitzel.“
Der Psychiater war zu Amelie vollkommen offen. Er belog seine Patienten nie, und schizoide Patienten schon gar nicht, weil er, selbst schizoid veranlagt, allzu gut wusste, wie empfindlich sie auf Lügen reagierten.
„Ein Test für die normale oder psychotische Veranlagung ist das Maß an gegebener oder nicht gegebener Verständigungsmöglichkeit zwischen zwei Personen, von denen die eine das ist, was man gemeinhin als »normal« bezeichnet. Von diesem Test ausgehend, kann ich Sie unmöglich als verrückt und mich selbst als geistig gesund bezeichnen. Ich bin ebenso verrückt wie Sie es sind. Nur dass ich persönlich gelernt habe, normal zu funktionieren. Die Schizophrenie ist ein geistiges Land, und ich bin dort gewesen und zurückgekehrt - ein Reisender, der sich auskennt. Ich bin ein Reiseführer, der große weiße Jäger des Geistes, der alle Fluchtwege kennt.“
Er lachte vergnügt über seine Metapher und ließ den schwarzen Kugelschreiber durch deine Finger rollen.
„Sie reden wie ein unreifes, eitles Kind!“, sagte Amelie geradeheraus.
„Und? Ich bin eingebildet und eitel, aber ich kann funktionieren. Ich habe die Splitter meiner Schizophrenie gebündelt. Ich halte sie fest und Sie fallen auseinander. Wenn Sie dieses Auseinanderfallen verhindern wollen, müssen Sie mir sagen, was ich wissen will. Wenn nicht, dann verschwinden Sie. Ich brauche Sie nicht als Patienten, aber Sie brauchen mein Gutachten um weiter als Lehrerin arbeiten zu dürfen!“
„Warum haben Sie mich als Patientin überhaupt angenommen?“, wollte Amelie mit leiser, unsicherer Stimme wissen. In ihren Augen zuckte es.
„Sie sind etwas Besonderes. Nicht die Geist-Körper-Trennung. Die ist das Übliche. Das Ungewöhnliche an Ihrem Fall ist der Keil, der die Trennung zwischen Ihrem Geist und Ihrem Körper herbeigeführt hat, der physiologische Faktor, der hier mitspielt. Sie besitzen das, was wir in der Ausbildung feixend einen Expressauslöser genannt haben. Es wurden bei Ihnen Prägungen installiert, die eine völlige Wesensveränderung hervorrufen. Ich muss sicherstellen, dass diese Auslöser nicht in der Schule während Ihrer Tätigkeit als Lehrerin auftreten.“
„Könnte das mit der Stimme in meinem Kopf zu tun haben?“
„Alles hat mit dieser Stimme zu tun. Sie ist der Anfang und das Ende unserer Existenz. Geist und Körper sind symbiotisch. Jeder ist für den anderen lebensnotwendig. Das ist der Grund, warum Sie eine Stimme hören. Es ist die Stimme Ihres Körpers, der sich rächt.“
Amelie betrachtete ihre Fingernägel. Ob sie mal wieder einen Termin bei der Maniküre vereinbaren sollte? Langsam begann sie sich zu langweilen.
Den Psychiater überraschte es nicht, dass Amelie ihm nicht mehr aufmerksam zuhörte. Einem Patienten zu erklären, was nicht in Ordnung war, war als Therapie ungefähr so wirksam wie der Versuch, Warzen mit Zaubersprüchen zu beseitigen. Der Trick – und Dr. Wyrwa betrachtete es als Trick, eine Fähigkeit, die manche Analytiker besaßen und andere nicht -, war, in den Kopf des Patienten einzusteigen und in den Landschaften seines Geistes spazieren zu gehen. Dann konnte man die Auswege finden, falls es welche gab. Aber um das zu bewerkstelligen, musste man wissen, wie sie die Realität sahen. Und um zu verstehen, wie sie die Realität sahen, musste man wissen, wie ihre Realität aussah.
„Sie müssen mir etwas mehr erzählen, wenn Sie wollen, dass ich ein positives Gutachten schreibe!“
„Über was?“, fragte Amelie im gleichen, ausdruckslosen Ton. Sie hatte sich noch nicht entschieden, wann sie einen Termin für die Maniküre buchen sollte.
„Über diese Stimme möchte ich mehr wissen.“
„Sie können Sie sich ja ansehen!“
„Sie weichen schon wieder aus. Das sind typische paranoide Fluchtversuche. Und obendrein sind sie kindisch. Wenn Sie mich nicht verstehen können oder wollen, dann müssen Sie einen anderen Psychiater aufsuchen, der Ihnen das geforderte Gutachten scheibt.“
Amelie blickte genervt von ihren Fingernägeln auf. Scheiße! Sie brauchte doch dieses Stück Papier, dass ihre geistige Gesundheit diagnostizierte. Sie liebte ihre Tätigkeit als Lehrerin, wollte diese Berufung nicht aufgeben müssen.
„Was wollen Sie wissen?“, fragte sie.
„Nun, Frau Wildschütz. Sie haben im Erfassungsbogen keine Angaben über Ihre Eltern gemacht, so, als würden diese nicht mehr existieren. Das machen paranoide Patienten häufig. Die Angaben werden von meiner Sekretärin stets überprüft.“
„Das ist nicht wichtig.“
„Es ist sehr wichtig. Wäre es nicht wichtig, dann hätten Sie die Namen, Berufe und den Wohnort Ihrer Eltern angegeben. Wollen Sie nicht über Ihre Eltern sprechen?“
„Nein!“
Der Psychiater schüttelte genervt den Kopf.
„Dann möchte ich jetzt mit der Stimme in Ihrem Kopf sprechen.“
„Ich werde mich schön hüten, sie miteinander sprechen zu lassen. Da kann nur ein Riesenmist rauskommen“, erwiderte Amelie genervt.
„Was haben Sie getrieben, als Sie die Stimme zum ersten Mal gehört haben, zum allerersten Mal?“
„Das haben Sie schon einmal gefragt!“
„Ja, aber Sie haben nicht geantwortet.“
„Das werde ich jetzt auch nicht tun.“
„Dann werde ich kein positives Gutachten schreiben können, Frau Wildschütz!“
„Das klingt nach Erpressung!“, erwiderte Amelie bissig.
„Weil Sie sich wie ein trotziges Kind verhalten. Also nochmals, was passierte, als Sie zum ersten Mal die Stimme hörten?“
Amelie schloss die Augen und ließ alte Erinnerungen aufsteigen. Sofort erschienen die Bilder … Österreich … der Hof ihrer Großeltern … der fremde Mann …
„Haben Sie onaniert?“, hakte der Psychiater nach.
„Nein.“
„Waren Sie allein?“
„Nein.“
„Wer war bei Ihnen?“
„Ein Fremder …“
„Was tat der fremde Mann?“
„Seine Hose war geöffnet … er wichste seinen harten Schwanz …“, antwortete Amelie mit leiser Stimme.
„Was haben Sie getan?“
„Zugesehen …“
„Was geschah als Nächstes?“
„Er zwang mich auf den Boden. Ich kniete vor ihm auf der Straße. Er schob mir seinen Schwanz in den Mund.“
„Was haben Sie dabei empfunden?“, wollte der Psychiater wissen.
„Weiß ich doch jetzt nicht mehr! Ich erinnere mich an keine Gefühle.“
„Sie müssen etwas fühlen, sonst könnten Sie keinen heißen Kaffee trinken, ohne sich die Zunge zu verbrennen. Sie könnten nicht laufen, wenn Ihre Füße nicht den Boden spüren würden. Irgendwelche sensorischen Informationen müssen immer aufgenommen und verarbeitet werden.“
„Nein.“
„Schmecken Sie Dinge? Schmecken Sie, ob etwas süß oder sauer oder salzig ist?“
„Klar.“
„Fühlen Sie Liebe zu anderen Menschen?“, fragte der Psychiater.
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