„Wir müssen verschwinden“, stöhnte Mike nunmehr aus dem hinteren Teil des Shuttles. Er lag auf dem Boden, rieb sich die Ellenbogen, auf denen er unsanft gelandet war.
„Ja, verdammt, lasst uns abhauen“, stimmten die anderen zu. Auch sie lagen auf dem Boden.
Doch Oxo machte keine Anstalten die Triebwerke zu zünden … oder die Laser zu aktivieren.
Er saß seelenruhig da, blickte nach draußen und beobachtete das fremde Schiff, welches direkt vor ihrer Nase klebte und sie von dem Planeten wegstieß. Konnte das sein? War es möglich, dass es ihnen eine andere Flugbahn aufzwingen wollte? Er schaltete sämtliche Systeme aus. Jetzt war der Shuttle nicht nur antriebslos, sondern absolut tot. Nichts weiter als ein überdimensionierter Schuhkarton. Wollen doch mal sehen, wohin uns das bringt.
„Was tust du, Mann?“ Marcel hatte sich wieder nach vorn gekämpft, nur um Oxo dabei zuzusehen, wie er den Shuttle abstellte. Antrieb, Navigation, Sensoren, Schwerkraft, einfach alles, sogar die Lebenserhaltung.
„Ich versuche etwas“, war seine knappe Antwort. Dann kümmerte er sich nicht weiter um ihn. Auch die anderen, die sich wieder aufgerappelt hatten und nach vorn kamen, ignorierte er.
Stattdessen starrte er wie besessen auf das Objekt, welches sich direkt vor ihrer Frontpartie befand. Es presste sich direkt an ihre Außenhülle und schob sie eindeutig in eine bestimmte Richtung. Nur wohin …?
„Interessant. Wirklich sehr interessant“, murmelte er gedankenverloren. Sein Blick klebte regelrecht daran. Er ließ es keine Sekunde aus den Augen.
Mittlerweile war es zumindest schon ersichtlich, dass sie sich von diesem Planeten entfernten. Wie schnell das passierte, konnte er nicht sagen. Es war aber auch nicht wichtig. Sie wurden gelenkt und nur das zählte …
Zusehends wurde der Planet kleiner, schrumpfte buchstäblich zusammen. Schon jetzt war er nur noch halb so groß.
Außerdem schienen sie an Geschwindigkeit zuzulegen. Die Kids merkten davon nichts, aber Oxo war es aufgefallen.
Dann brach der direkte Kontakt mit dem fremden Objekt plötzlich ab. Der Abstand wuchs auf einen Meter, zwei, drei. Wurde größer, während sie von ihm wegtrieben. Schließlich wendete es und flog mit rasender Geschwindigkeit zu dem Planeten zurück. Sekunden später verschwand es in dessen Wassermassen.
Oxo wartete noch eine Sekunde, ehe er den Shuttle wieder reaktivierte.
„Endlich“, kommentierte Marcel, doch Oxo reagierte nicht darauf. Sie hatten sich doch nur ein paar Minuten tot gestellt.
Als erstes schaltete er die Lebenserhaltung ein. Dann die Navigation. Als nächstes die Sensoren, zu guter Letzt den Antrieb. Während er das tat, starrte er mit einem Auge auf den Planeten. Als rechne er damit, das gleich wieder so ein merkwürdiges Objekt auftaucht. Ob sie sich dann auch wieder totstellen konnten?
Schließlich waren alle Systeme hochgefahren. Und er vollzog mit dem Shuttle eine hundertachtzig Grad Drehung. Er wollte sehen, wohin sie gebracht wurden waren.
Die Systeme verrieten ihm, dass sie immer noch flogen. Das Objekt hatte ihnen einen derartigen Schwung mitgegeben, sodass sie immer noch im Gleitflug waren. Er ließ es geschehen und starrte aus dem Cockpit. Er war gespannt, was passieren wird …
Kapitel 21
Die Drehung vollzog sich langsam. Für einen Moment blickten sie direkt in eine der vielen Sonnen, dann wanderte ihr Sichtfeld weiter. Es änderte sich permanent. Eben sahen sie einen grauen Mond, der sie scheinbar mit übergroßen Augen anstarrte. Gewaltige Einschläge, ganz wie beim guten alten Mond der guten alten Erde …
Dann endete die Drehung. Und weder die Kids, ja noch nicht einmal Oxo, wussten das Bild einzuordnen.
Ein überdimensionierter, wild ineinander verbogener, verhakter Haufen, der frei im Raum trieb. Das Sonnenlicht reflektierte sich in seinen wie Gräten herausragenden Einzelteilen. Es war wie ein kleiner Mond. Ein Mond aus Schrott. Weltraumschrott.
„Was …?“
„Ich habe keine Ahnung“, gestand Oxo, ohne Nicole ausreden zu lassen.
Er starrte wie gebannt auf dieses Konstrukt. Wie sollte er es sonst nennen? Hatte dieses seltsame Objekt sie hierher manövriert? Ja, ganz eindeutig. Aber warum? Warum sollte ihr Shuttle dorthin? Zu diesem riesigen Haufen Schrott?
Durch die Sonneneinstrahlung war es ein gigantisches Lichtspiel, wie ein Tanz zwischen hell und dunkel. Dieses ineinander fest verkeilte Gebilde wirkte wie eine fliegende Festung. Erst jetzt fiel ihm auf, dass es sich langsam um seine eigene Achse drehte. Konnte es noch absurder werden?
„Ich gehe da raus und schaue es mir aus der Nähe an.“ Nicoles Stimme strotzte vor Selbstbewusstsein.
Diesmal kam von Oxo nur ein kurzes, „was?“ Dann verstummte er. Sie hatte recht. Wenn sie rausgeht, konnten sie es aus der Nähe betrachten.
„Ich komme mit“, kam es von Jenni. Und schon war sie bei Nicole, die an der Shuttleschleuse wartete, den Helm unter den Arm geklemmt.
„Hab nichts anderes erwartet“, begrüßte sie sie grinsend.
Langsam schwebten sie dem Gebilde entgegen. Aus der Nähe betrachtet wirkte es immer mehr wie ein riesiger Schrotthaufen. Aber das sagte niemand, dass konnte man ja deutlich sehen.
„Ich hab euch auf den Sensoren“, gab Oxo durch. Er hatte auf Nahscanner geschaltet und klapperte den gesamten um sich befindenden Raum ab. Bis jetzt blieb alles ruhig. Kein zucken um Umkreis von zigtausenden von Kilometern.
„Wie weit seid ihr dran“, fragte Marcel. Ein Blick auf die Instrumente hätte ihm auch eine Antwort gegeben, er wollte aber ihre Stimmen hören.
„Zehn Kilometer. Und es sieht phantastisch aus.“
Robin und Mike blickten einander an. Phantastisch? Na ja, sie konnten sich besseres vorstellen.
„Könnt ihr etwas sehen?“, kam es wieder von Marcel. Er war beruhigt, und wollte die ganze Zeit mit ihnen reden. Die beiden in diesen unbekannten Teil des Weltraums draußen zu wissen, brachte ihn zum schwitzen. Ihre Stimmen zu hören wirkte dagegen sehr beruhigend.
Nicole und Jenni gaben den Triebwerken ihrer Raumfluganzüge einen zusätzlichen Stoß und sausten dem Konstrukt entgegen. Sie blieben dicht beieinander. Ob das etwas nutzte, wenn sie plötzlich angegriffen wurden, wussten auch sie nicht. Aber es beruhigte sie.
Schließlich hatte sich der Abstand um fast die Hälfte verringert. Das Objekt wirkte jetzt sogar noch größer. Allerdings konnten sie jetzt auch sehr viel mehr Einzelheiten erkennen. Dass es Schrott war stand völlig außer Frage. Eindeutig Metallschrott.
Nicole erkannte ein Stück unterhalb ihrer Position etwas, das sie für ein Weltraumfahrzeug hielt. Es mutete ein bisschen wie ihr eigener Shuttle an. Nur das es über keine Außenhülle verfügte. Nur noch die Innereien waren zu sehen. Das innere Gerüst, das Skelett war zu erkennen. Ein ganzes Stück darüber, fast direkt vor ihnen, befand sich ein riesiges untertassenförmiges Gebilde, das grell im Sonnenlicht glänzte. In seiner Hülle klafften Löcher in der Größe von Einfamilienhäusern.
„Was ist das hier, verdammt?“, fragte sich Nicole laut.
„Ich weiß es nicht“, antwortete Jenni, obwohl sie eigentlich gar nicht gefragt wurde.
Sie näherten sich weiter. Und konnten jetzt auch kleinere Objekte erkennen. Die kleinsten waren gerade so groß wie sie. Viele schienen Fahrzeuge zu sein. Aber wie kamen die dorthin? Und warum?
Auch Oxo hatte den Shuttle näher herangebracht. Es befand sich jetzt direkt hinter den beiden, die davon noch nichts bemerkt haben. Mit den Sensoren des Shuttles konnte er wesentlich tiefer eindringen, als das sie das mit ihren Blicken konnten. Er sah, dass es sich fast über tausend Kilometer erstreckte, dabei aus allerlei großen und kleinen Gebilden bestehend. Ein wahrer Metallfriedhof. Nein, ein Raumschifffriedhof.
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