Der Vater war zornig geworden, als er erfahren hatte, dass sie mit einem Mädchen aus dem Dorf gespielt hatte, die Mutter hatte er angeherrscht: Warum hast du das nicht unterbunden! Ich will nicht, dass meine Tochter mit Kindern vom Alten Volk verkehrt!
Die Schwiegermutter hat gesagt, es kann nicht schaden, wenn eine zukünftige Hausfrau weiß, wie es bei den Bauern zugeht, hatte die Mutter sich verschüchtert zu rechtfertigen gesucht, doch da war der Vater noch zorniger geworden und hatte nicht nur auf die Mutter, sondern auch auf die Groß mutter geschimpft, und dabei war die auf den Tod krank gewesen. Und dann hatte er Moria verboten, zu dem Dorf zu gehen oder mit der Freundin auch nur ein Wort zu reden oder einen Blick zu tauschen. Aber eine Freundin blieb doch eine Freundin. Und außerdem hatte Wai versprochen, ihr das Geheimnis der Göttin zu verraten. Wenn der Vater davon wüsste! Die Göttin zu besuchen, das war noch viel schlimmer, als zu Wai zu gehen.
Sie lief langsamer, blieb stehen, zögerte. Eben wollte sie wieder umkehren, da öffnete sich die Hoftür, und ein Mädchen kam heraus. Sie lief auf es zu. »Wai!«, rief sie schon von weitem. Wai winkte, kam ihr entgegen. Ihre Zöpfe wehten im Wind. Dicht voreinander blieben sie stehen. Plötzlich war eine große Befangenheit zwischen ihnen.
»Du warst lang nicht hier«, sagte Wai.
»Ich durfte nicht.« Wai nickte, als habe sie diese Antwort erwartet.
Sie schwiegen. »Ich darf auch jetzt nicht«, sagte Moria schließlich. »Aber es ist mir gleich!«
Wai strahlte. »Du traust dich was!« Und dann, nach einer Pause: »Dann trau‘ ich mich auch. Ich zeige es dir, das Geheimnis.«
»Gleich?«, fragte sie. Ihr Herz klopfte.
»Ja, gleich. Aber erst musst du schwören!«
Wai zeichnete ein großes offenes Dreieck auf den Boden. »Da trete hinein! Und jetzt schwöre bei der, die Eins ist in Drei und Drei in Eins! Schwöre, dass dir die Zunge abfallen soll und du nie wieder sprechen kannst, wenn du ein Wort von dem verrätst, was ich dir zeige!«
Sie schluckte. Schaute sich rasch noch einmal um.
Dann trat sie in das Dreieck und sprach den Schwur.
»Komm!« Wai nahm ihre Hand. Gemeinsam liefen sie auf den großen Wald zu. Sie krochen durch die Büsche, tauchten zwischen den Bäumen ein, drangen tiefer und tiefer in den Wald. Wusste Wai überhaupt, wohin sie gehen muss ten? Würden sie zurückfinden?
Nach endlos erscheinender Zeit erreichten sie eine kleine Lichtung. Wai blieb stehen und wies auf den großen runden Stein inmitten der Lichtung.
»Da ist sie«, sagte Wai sehr leise, feierlich und scheu. Moria stieß die Luft aus. Die Göttin hatte Wai ihr versprochen, und nun war da nichts als ein riesiger Stein. Wäre nicht Wai gewesen, wäre sie gleich wieder umgekehrt.
Langsam machte sie ein paar Schritte auf den Stein zu. Wai war ihre Freundin, Wai hielt diesen gewöhnlichen Stein für die Göttin ihres Volkes, sie durfte Wai nicht vor den Kopf stoßen. Noch ein Schritt. Da plötzlich stockte sie. Der Stein sah sie aus unzähligen glänzenden Augen an! »Die Augen der Göttin«, flüsterte Wai dicht neben ihr.
Sie nickte. Plötzlich drängte alles in ihr niederzuknien. Etwas so Heiligem durfte sie sich doch nicht nähern! Widerstrebend ließ sie sich von Wai zu dem Stein ziehen. Die Augen erloschen.
Jetzt sah sie, dass in die glattgeschliffene Oberfläche des Findlings viele Schälchen eingelassen waren, in denen Feuchtigkeit schimmerte.
»Die Tränen der Göttin. Sie weint um unser Leid«, wisperte Wai und strich ehrfurchtsvoll über den Stein. »Fass Sie auch an, komm!« Wai führte ihre Hand. Sonst hätte sie nie gewagt, den Stein zu berühren. Sie zitterte, als sie die glatte, kühle Oberfläche fühlte.
»Du musst dich nicht fürchten«, behauptete Wai. »Pass auf, mach alles so, wie ich es mache!«
Wai trat ganz dicht an den Stein, erhob sich auf die Zehenspitzen, näherte ihren Mund einem der Schälchen, trank. »Trink auch Ihre Tränen! Sie erhalten dich gesund!«, befahl Wai.
Einen Augenblick fühlte Moria, wie etwas sie zurückhalten wollte, eine harte Hand griff mitten in ihr Herz, das Gesicht ihres Vaters blitzte vor ihr auf, zornig drohend sah er sie an, doch dann spürte sie den kühlen Schutz des Steines, näherte ihre Lippen dem Schälchen, saugte die Feuchtigkeit auf. Schauer rieselten ihr den Rücken hinunter.
»Jetzt müssen wir unsere Augenlider benetzen, damit wir sehend werden!«, sagte Wai.
Moria wusste nicht, was das war: sehend werden. Aber sie tat es Wai nach. Als sie mit dem feuchten Finger ihre Augenlider berührte und die Tränen der Göttin fühlte, spürte sie, wie etwas mit ihr geschah. Sie wusste nicht, was. Aber es war da.
»Und wenn wir uns an dem Stein reiben, dann werden wir fruchtbar«, erklärte Wai. Und fügte in plötzlicher Verlegenheit hinzu: »Na ja, dazu sind wir noch zu klein.« Stumm standen sie da.
»Pass auf«, sagte Wai endlich, »ich habe etwas für dich!« Wai öffnete ihre Gürteltasche und holte zwei Kieselsteine hervor. Den einen legte sie Moria in die Hand. »Tauch ihn in die Tränen der Göttin! Dann geht Ihre Kraft aus dem großen Stein in den kleinen! So kannst du Sie immer bei dir haben!«
Sie starrte auf den Kiesel in ihrer Hand. Hell und glatt war er, fast wie ein Vogelei geformt, nur da, an der Rundung, war eine kleine Vertiefung. Sie schloss die Finger um den Kiesel. Wai trat an den großen Stein, badete ihren Kiesel in einem der Schälchen. Da machte sie es Wai nach. In den Tränen der Göttin begann der Kiesel zu schimmern und rötlich zu leuchten. Die Kraft war in ihm.
Eine Weile hielt sie ihn noch in der Hand, dann verbarg sie ihn wie Wai in ihrer Gürteltasche. Nun war Wais Göttin immer bei ihr.
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