Armin legte die lederne Geldtasche in die Ecke des Schrankbodens. Als er sich aufrichtete, sah er wieder den kleinen ledernen Beutel, den Martin ihm in der Loodiele unter die Nase gehalten hatte. Er hielt einen Augenblick inne und betrachtete ihn genau.
„Was gibt es da zu gaffen“, packte Fiete ihn an der Schulter und schubste ihn kräftig zur Stubentür. „Hast du sonst keine Arbeit? Soll ich dir Beine machen?“ Zornig und mit rotem Kopf stierte er Armin an, der sich schnell aus der Schreibstube in den Hof machte.
Die Erntezeit kam. Die Ackersleute und die Knechte wurden jetzt sämtlich zum Mähen und Einbringen des Korns und der Garben gebraucht. Es war nicht die beste Ernte, aber dennoch war der alte Fiete zufrieden. Früh morgens ging es hinaus aufs Feld. Gefrühstückt wurde nicht, dafür wurde das Essen aufs Feld gebracht. Wenn die Garben auf die Karren verladen waren, ging es am späten Nachmittag zurück auf den Hof, um das Korn in die Loodiele zu bringen. Dort sollte es gebunkert werden, um es nach der Ernte ausdreschen zu können. Es war ein heißer Sommer. Die Knechte und Ackersleute schwitzten um die Wette und Ute und ein paar weitere angeheuerte Mägde hatten alle Hände voll zu tun, um die Wasserkrüge auf die trockenen Felder zu bringen.
Die Karren mit den Garben fuhren in den Hof direkt unter die Luke der Loodiele.
„Wer geht hinauf und öffnet die Luke?“
„Ich geh schon“, sagte Peer erschöpft und trottete müde ins Haus.
„Schnell Armin, wir wollen vor ihm oben sein!“, tuschelte Sven ihm mit einem Grinsen zu.
„Kletter auf das Reetdach. Beeil dich, der Alte ist gerade nicht da!“
Armin wusste, was Sven meinte und grinste. Er schnappte sich die dünne Gerte vom Karren, steckte sie sich zwischen die Zähne und schwang sich aufs Reetdach. Geschickt und barfuß hangelte er sich am Reet hinauf bis er am Ulenluch angelangt war. Er war schon immer ein geschickter Kletterer gewesen.
„Mach schon, Peer ist gleich oben.“
Schnell nahm Armin die Gerte aus dem Mund und langte nach der Luke. Endlich passte sie zwischen den Spalt und er konnte entriegeln. Die Luke schwang leicht auf. Jetzt hielt er sich am Ulenluch fest und hangelte sich geschickt auf den Dreschboden.
Als Peer die Tür zur Loodiele öffnete, verzog er das Gesicht.
„Na toll. Hättet ihr das nicht früher sagen können?“
Armin grinste.
Sie verbrachten die Garben über die Luke in die Loodiele. Erst als die Sonne den Horizont erreichte, waren sie fertig.
In den Nächten der Erntezeit schliefen alle gut. Die Arbeit war schwer und für Streit oder Ärger reichten die Kräfte nicht. Sogar der alte Fiete schien mit der Arbeit zufrieden zu sein.
Nach dem Einbringen der gesamten Ernte, war es wieder Zeit für eine Fahrt zum Markt nach Beversate, auf dem Ute immer verschiedene Dinge für die Hauswirtschaft kaufte, die nicht selber hergestellt werden konnten.
Armin spannte früh morgens den Karren an. Er sollte wie immer Ute begleiten und die Waren tragen.
„Hier hast du Geld“, Fiete zog ein kleines Geldsäckchen aus der Tasche und schüttete ein paar Münzen in Utes Hände. „Und sei ja sparsam.“
Ute und Armin fuhren los. Die Lerchen zwitscherten noch auf den Feldern am Wegesrand, und auch wenn es nicht so heiß war, wie noch vor ein paar Wochen, so war es trotzdem trocken und warm. Sie passierten die Gnarrenburg, fuhren gen Norden und hatten bald Beversate erreicht. Das Markttreiben war schon im vollen Gange.
„So, Armin. Wir brauchen ein paar neue Krüge, Schüsseln und Löffel. Die selbstgeschnitzten sind gut, machen es aber nicht mehr lange.“
Die Dinge, die Ute kaufen musste, hatte sie im Kopf.
„Bleib beim Karren, ich hole dich, wenn ich etwas habe.“
Der Markt war nicht groß, aber dennoch konnte man hier all das Handwerk erstehen, was man selbst nicht anfertigen konnte. Hier wurden Körbe angeboten, dort rief ein Händler seine Waren aus, und ein Töpfer bot an anderer Stelle seine Krüge an.
Ute kaufte zwei Körbe, ein paar Krüge und anderes Küchengerät und Armin lud die Sachen auf den Karren.
„So, und nun geh noch ein bisschen über den Markt. Schau dich ruhig um! Halt dich aber auch nicht allzu lange auf.“ Sie steckte ihm noch eine Münze zu. „Die habe ich heute dem Korbflechter abgehandelt. Erzählst du aber auch nur ein Wort an irgendwen oder gar an den alten Fiete, gibt es was hinter die Ohren.“
Armin verlor keine Zeit. Schnell stürzte er sich ins Getümmel aus Händlern, Marktschreiern, Mägden und viel-leicht auch Dieben. Er kaufte sich einen süßen Fladen und genoss es, einmal eine solche Süßigkeit zu probieren. Sonst hatte er höchstens einmal im Sommer süße, wilde Erdbeeren beim Schafehüten gegessen.
Während er noch interessiert das Treiben der Menschen beobachtete, wurde er plötzlich am Ärmel gezogen.
„Hast du eine milde Gabe für mich?“, brummte die tiefe Stimme. Es war der Bettler, der sonst in Karlshöfen sonntags vor der Kirche um etwas zu essen oder Geld bat.
Armin erkannte ihn sofort und war etwas verwundert, ihn in Beversate zu sehen, denn die Strecke war für jemanden, der so stark am Bein versehrt schien, nur schwer zu bewältigen. Der Bettler erkannte aber offensichtlich nicht, dass es Armin war, der da vor ihm stand.
„Was machst du hier?“, verwunderte sich Armin. „Der Weg muss wahrlich beschwerlich gewesen sein, oder?“
Der Alte sah ihn mit dem einen Auge etwas wirr an, als verstünde er nicht. Speichel lief ihm aus dem Mundwinkel und er brummte erneut.
„Hast du eine milde Gabe für mich?“
„Wie geht es deinem Bein?“, fragte Armin.
Der Bettler grunzte etwas unverständlich, zuckte mit dem Kopf und fragte erneut: „Hast du eine milde Gabe für mich?“
Armin gab ihm vom Fladen. Durch einen Rempler war er kurz abgelenkt und als er sich wieder dem Bettler zuwenden wollte, war dieser verschwunden.
Auf der Heimfahrt erzählte er Ute von der Begegnung.
„Bist du sicher, dass es der Bettler von Karlshöfen war?“
„Ja. Er sagte zwar nicht viel und schien mich auch nicht zu erkennen, aber er war es gewiss.“
„Sonderbar. Bis Beversate ist es ein beachtliches Stück für einen Bettler mit einem Hinkefuß. Er muss den ganzen Tag unterwegs sein. Merkwürdig, dass er die Gnarrenburg problemlos passierte. Durch den Sumpf wird er wohl nicht gekommen sein.“
Am Sonntag zog es wieder jeden zum Gottesdienst. Da der Ernte-Dank später gefeiert werden sollte, sprach der Priester von guter Ernte, den Früchten, die der Herrgott über die Erde streute, und dass die schwere Feldarbeit belohnt wurde. Armin hörte aufmerksam zu. Er tat es immer, wenn die Ernte eingebracht war, denn dann fühlte er sich durch die harte Arbeit besonders angesprochen.
Als der Gottesdienst zu Ende war und alle wieder gen Ausgang strömten, ließen sich Armin und Ute wieder etwas zurückfallen. Ute steckte Armin wieder etwas Brot für die Bedürftigen zu, die vor der Kirche warteten. Er glaubte sich unbeobachtet und verteilte sein Brot, als er plötzlich am Arm gepackt wurde und eine Stimme hörte, die er lieber nicht gehört hätte.
„Hast du etwa diesem Aussätzigen Brot gegeben?“
Leugnen war zwecklos, denn Fiete hatte ihn auf frischer Tat ertappt.
„Ich habe dem armen Mittellosen etwas von meinem Brot gegeben, das ich von meinem Frühstück aufsparte.“
Der Alte wollte schon vor Wut aus seiner Haut fahren, sah aber den Priester in Hörweite.
Er zog Armin mit sich und zischte nach einer Weile durch die Zähne: „Heute Abend kommst du nach dem Abendbrot in die Schreibstube. Und wage es nicht, zu spät zu kommen. Außerdem wirst du deine Brotration für morgen mitbringen.“
Was hatte der Alte vor? Armin grübelte den ganzen Tag darüber nach, ohne es zu erraten.
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