„Fast so wie damals“, warf Ute ein.
„Was meinst du jetzt wieder mit damals?“, fragte Sven. „Meinst du, als die Gretel verschwand?“
„Nein. Dereinst kam in einer solchen Nacht der Blanke Hans und spülte die Dörfer davon.“
Armin horchte müde auf. Wenn Geschichten erzählt wurden, war er immer stets hellwach, auch wenn ihm beinahe die Augen zufielen. Auch Sven und Peer sahen sie stumm an. Wer wusste schon, ob an den Geschichten nicht etwas Wahres dran war?
„Unzählige ertranken damals oder wurden vom Blanken Hans davon gerissen.“
„Erzähl‘ keine Lügenmärchen, Ute!“, erwiderte Peer.
Doch Ute fuhr fort. Die Kerze flackerte leicht.
„Nur ein Knabe konnte sich vor den tosenden Gewalten in Sicherheit bringen.“
Ute beugte sich verschwörerisch vor. „Man sagt, er sei zwei Tage vorher zum Schafehüten auf den Wiesen gewesen. Und während er sich bei den Schafen die Zeit vertrieb, kam Merkenau dahergeflogen. Merkenau warnte ihn, dass der Blanke Hans kommen würde. Da lief der Knabe zurück ins Dorf und warnte auch die Bewohner. Er hatte es dabei so eilig, dass er die Schafe vergaß.“
„Und dann?“
„Als er ins Dorf kam und den Leuten vom Blanken Hans berichtete, da verhöhnten sie ihn. Sie lachten über ihn, denn am Himmel waren keine Wolken zu sehen und die Sonne schien kräftig und warm. Sein Herr schlug mit der Gerte auf ihn ein, denn er hatte die Schafe vergessen. Er hieb so fest, dass sein Nacken blutig und geschunden wurde.
So eilte der Knabe zurück, um die Schafe zu holen. Zwei aber hatten sich im Moor verlaufen und er fand sie nicht mehr. Er kehrte nur noch mit vier Tieren zurück. Und sein Herr verdrosch ihn erneut.“
„Und kam dann die Flut am nächsten Tag?“
„Nein.“
„So hatte er Unrecht. Merkenau hatte ihn getäuscht. Was für ein fade Geschichte!“
„Der Knabe wurde den ganzen Tag verhöhnt. Die Kinder trieben Schabernack mit ihm. Da wurde er sehr zornig und wollte sich rächen. Er lief in den nahen Wald. Dort sprach er erneut mit Merkenau und den anderen Tieren. Er warnte sie, so dass sie fortliefen. Wenn die Menschen ihn so verhöhnten, so sollten sich wenigstens die Tiere retten.“
Sie hielt kurz inne und sah Armin tief in die Augen: „Und dann rief er den Blanken Hans.“
Armin sah sie gebannt an. „Erzähl weiter, Ute, was dann?“
„In der nächsten Nacht kam der Blanke Hans. Es war furchtbar. Er riss das ganze Dorf mit sich. Alles raffte er dahin. Das Vieh, die Häuser, die Menschen…Und als er sich wieder zurückzog, kamen die Bewohner der anderen Dörfer, die verschont blieben, um zu sehen, was geworden war. Sie fanden alle tot. Die Menschen waren im Schlaf ertrunken. Das Vieh war dahingerafft, die Ernte vernichtet. Eine Mutter, so heißt es, habe versucht, ihr Kind zu retten, und hielt es in die Höhe. Doch auch sie wurde mitgerissen und ertränkt. Viele Leiber hatte der Blanke Hans mit sich genommen. Einige fand man Tage später im Watt. Alles war vernichtet. Unzählige Menschen starben. Gott sei ihrer Seelen gnädig. Der Knabe hatte sich furchtbar gerächt.“
Ute bekreuzigte sich.
„Was ist aus ihm geworden?“, fragte Armin.
„Man fand ihn in einem Baum unweit des Dorfes. Er hatte sich gerettet. Merkenau saß neben ihm auf einem Ast und krächzte höhnisch. Man holte den Knaben herunter. Doch er war starr vor Kälte und Entsetzen.“
„Nur er hatte überlebt?“
„Ja. Komisch, nicht wahr? Man fragte ihn, wie er sich retten konnte, und warum er den anderen nicht geholfen habe. Aber er schwieg. Er sprach keinen Ton. Merkenau saß derweil immer noch im Baum und krächzte…Da kam aber ein Mädchen. Es war am Tag zuvor dem Knaben nachgeschlichen, weil es wissen wollte, was er im Wald trieb. Sie hatte ihn mit Merkenau im Wald sprechen hören. Er hatte sie nicht bemerkt und den Blanken Hans aus Wut über seinen Fehler heraufbeschworen und das ganze Dorf vernichtet.“
„Er hat den Blanken Hans gerufen?“
„Ja.“
„Was geschah mit ihm?“
„Man wollte ihn bestrafen. Er sollte wegen des Teufelswerks auf dem Scheiterhaufen brennen. Offensichtlich hatte er teuflische Kräfte, denn er konnte mit den Tieren sprechen und den Blanken Hans heraufbeschwören. Aber bevor man ihn mitnehmen konnte, riss er sich los und rannte davon.“
Stille trat ein. Nur die Wachskerze auf dem Tisch flackerte geheimnisvoll.
„Sie rannten hinter ihm her. Man hetzte ihn mit Hunden. Zwei Tage und eine Nacht. Am Ende des zweiten Tages hatte man ihn beinahe gefasst. Und dann rannte er ins Teufelsmoor.“
„Ins Teufelsmoor?“
„Ja.“
„Dann fand er seine Bestrafung?“, fragte Peer.
„Die Moorhexe holte ihn…Niemand hat ihn je wieder gesehen.“
„Schon wieder die Moorhexe.“
Peer schaute wieder ungläubig.
„Ja. Verlacht sie nicht. Ihr habt die Gretel gesehen. Nun wisst ihr, die Moorhexe wohnt tief im Teufelsmoor und treibt dort ihr Unwesen. Wer sich des Nachts zu tief ins Moor wagt, den verführt sie. Denkt an ihre Irrlichter, die den Verirrten immer tiefer in die Sümpfe führen. Sie zieht die armen Seelen in ihr dunkles Reich. Niemand ist lebend wieder zurückgekehrt.“
Armin war ein wenig unbehaglich geworden. Es war nun schon die zweite Geschichte von der sagenhaften Moorhexe.
„Viele Unbescholtene zog sie schon in ihren Bann. Niemand hat sie je wieder gesehen.“
Am nächsten Tag war Sonntag. Auch wenn es viel zu tun gab, so gestattete der alte Fiete, dass sein Gesinde in die Kirche ging. Denn auch wenn er insgeheim von der Kirche nichts hielt und besonders die Almosen für ihn Verschwendung waren, so würde er es niemals wagen, gegen die Kirche zu sprechen. Zu groß war ihr Einfluss auf die Leute. Er hätte an Ansehen verloren.
Noch bevor die Glocken läuteten, hatten die Knechte das Vieh versorgt. Nach der Kirche würde Armin die Schafe wieder auf die Wiesen treiben. Er ging gerne in die Kirche, denn hier fand er von all der Plackerei ein wenig Ruhe, wenn auch nur für kurze Zeit.
Die kleine Glocke, der alte Fiete hatte sie gespendet, läutete die Bauern, Knechte und Gesinde zum Gottesdienst. Und während die Leute in das kleine Gotteshaus zogen, bemerkte Armin wieder die Bettler und Armen. Manche hatten durch Unfälle Gliedmaßen oder gar ein Auge verloren, manche humpelten und zogen ein Bein nach. Vielleicht war auch der eine oder andere darunter, der sein Gebrechen besonders zur Schau stellte, um die Möglichkeit ein Almosen zu erlangen, zu erhöhen. Der alte Fiete gab nie etwas. Er spendete lieber direkt für die Kirchen.
Ute allerdings hatte ein weiches Herz. Sie hatte, versteckt vor den Augen ihres Herrn, immer ein paar kleine Brotkanten bei sich, die sie den Bettlern als Almosen gab. Geld hatte sie nur wenig. Aber als Küchenmagd hatte sie einen genauen Überblick über die Speisen und konnte geschickt und unbemerkt das eine oder andere unter ihren Umhang stecken, wenn es zur Kirche ging.
Die Ruhe und Erholung in der Kirche taten Armin gut. Er musste achtgeben, nicht einzuschlafen. Auch wenn er den Geistlichen und auch die Kirche achtete, die Müdigkeit kam häufig wie eine schwere Bürde, die auf seine Augenlider drückte.
„Schlaf nicht ein“, zischte Ute und knuffte Armin in die Seite.
„Entschuldigung“, flüsterte Armin und versuchte, wieder den Worten des Geistlichen zu folgen. Der alte Fiete hatte von all dem nichts bemerkt. Er saß stets vorne, wo er seinem Ansehen noch mehr Ausdruck verleihen konnte.
Als der Gottesdienst beendet war, strömten die Kirchgänger aus der kleinen Kapelle. Der Priester gab jedem die Hand und die Bewohner zerstreuten sich. Es wurden Almosen für die Armen und die Bettler verteilt, die sich rege bedankten. Wie immer ließ Ute den alten Fiete vorausgehen, damit sie ihre mitgebrachten Gaben unbemerkt geben konnte. Armin half ihr dabei. Sie steckte ihm dazu unbemerkt im Gottesdienst das eine oder andere zu.
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