„Das wäre schade“, sagte ich und versuchte Bestürzung zu mimen.
Der Zauberer starrte mich eine Weile lang an.
„ Schade ?“, schrie er dann. „ Schade ? Ihr begreift offenbar nicht, was das alles zu bedeuten hat! Möglicherweise wird die Welt in ein paar Tagen untergehen, und Ihr findet es schade ?“
„Also gut!“, sagte ich ungeduldig. „Es ist entsetzlich! Aber was wollt Ihr eigentlich von mir?“
„Wir müssen etwas dagegen unternehmen“, sagte er. „Vor allem müssen wir Lord Sylvan von dem Fluch erlösen, den er auf sich geladen hat, um dadurch den Riss im Weltengefüge zu schließen, der so lange weiterbestehen wird wie der Lord in dieser Gestalt gefangen ist.“
„Wir?“, fragte ich, nun sehr aufmerksam geworden. „ Wir ?“
„Natürlich“, sagte der Zauberer streng. „Euch geht das doch genauso an.“
„Was habe ich damit zu schaffen?“, fragte ich. „Ich verstehe nichts von Weltgefügen und derlei Dingen. Das ist doch wohl eher etwas für gelehrte Leute wie Euch. Und überhaupt“, fügte ich hastig hinzu, „muss ich jetzt gehen. ich wünsche Euch viel Glück und gutes Gelingen beim Erlösen von Lord Sylvan. Ich für mein Teil möchte ihm nie wieder begegnen.“ Damit wollte ich aufstehen, um dieses unglückselige Haus zu verlassen, aber er packte mich wieder am Arm, und sein Griff war bekanntlich von eisenharter Beschaffenheit.
„Nichts da, Freund! Da Ihr nun von der Sache wisst, seid Ihr aufgerufen, alles zu tun, um das Schicksal der Welt zum Guten zu wenden. Ihr könnt Euch nicht einfach davonmachen. Und wozu wäre das auch gut? Über kurz oder lang wäret Ihr wie alle anderen Menschen dem Untergang geweiht, begreift Ihr das nicht? Jemand muss versuchen, das Unheil aufzuhalten.“
„Aber was kann ich schon tun?“, jammerte ich. „Ich würde Euch keine Hilfe sein.“
„Ihr könntet mir die Unterstützung gewähren, die ich brauche. Eben gerade habt Ihr Euch als sehr klug und geistesgegenwärtig erwiesen.“
„Aber nur weil mein Leben unmittelbar in Gefahr war“, beteuerte ich. „Ich bin nicht klüger als ich aussehe, glaubt mir!“
„Wie auch immer“, sagte der Zauberer, „ich nehme Euch in meine Dienste. Ich werde nach Osten gehen und das Problem vor den Rat der Zauberer bringen. Je mehr Leute von der Sache erfahren, desto besser. Falls mir etwas zustoßen sollte, müsst Ihr die Botschaft weitertragen. Das ist wichtig und dringend geboten. Wollt Ihr Euch der Verantwortung entziehen?“
Das hätte ich gerne getan, sah aber im Moment keine Möglichkeit dazu.
„Also gut“, brummte ich. „Ich komme erst mal mit Euch.“ Diese vage Absichtserklärung fiel mir umso leichter, als ich ohnehin nach Osten wollte, denn im Westen erstreckte sich offenbar nur diese Grasebene und in den Süden konnte ich aus bekannten Gründen vorläufig nicht wieder zurück. Ich hoffte, dass ich bald Gelegenheit finden würde, dem alten Zausel zu entwischen.
„Na also!“, sagte er erfreut. „Wir bleiben heute Nacht in diesem Haus und brechen morgen früh auf. Ich nehme an, der Anblick seiner Gemahlin hat Lord Sylvan so mitgenommen, dass er eine Weile Ruhe geben wird.“
Ich fragte mich beunruhigt, ob er recht hatte. War das Ungeheuer wirklich gezähmt oder würde seine Wut schnell wieder aufflammen, wenn es sich beruhigt hatte?
Als ich kurze Zeit später, eingewickelt in eine kostbare Samtdecke, auf einem Diwan in dem Raum lag, den ich ein Weilchen zuvor so bewundert hatte, dachte ich, dass ich nach diesem seltsamsten aller Tage sicher keinen Schlaf finden würde.
Dann schlief ich ein.
„Ihr seid so schweigsam, mein Freund.“
Ich grunzte mürrisch während ich sowohl an diesem Vorwurf als auch an einem dicken Stück Schinken kaute.
Als wir am Morgen von Lord Sylvans Haus aufgebrochen waren, hatten wir von den Geistern nichts mehr gesehen. Nur ein gelegentlicher eisiger Lufthauch und einige hohle Seufzer ließen auf ihre fortgesetzte Anwesenheit schließen. Ich für mein Teil konnte auf ihren Anblick und weitere Gespräche mit ihnen gut verzichten und war froh, von diesem merkwürdigen Ort wegzukommen.
Die Stallungen beim Haus hatten sich allesamt als leer erwiesen. Immerhin hatten wir in der Speisekammer einiges entdeckt, das noch nicht verdorben war und das wir als Proviant gut gebrauchen konnten, und so deckten wir uns mit geräuchertem Fleisch und Würsten ein. Wir nahmen so reichlich, dass wir dies als Entschuldigung für eine frühe Rast hernahmen, denn es erschien uns sinnvoll, die Last aus unseren Taschen in unsere Bäuche zu verfrachten, wo sie, nach entsprechender Ruhezeit, leichter zu tragen war.
Als wir jetzt satt im Gras der Ebene saßen, träge angelehnt an sonnengewärmte Felsbrocken, musste ich zugeben, dass ich in den letzten Stunden sehr einsilbig gewesen war. Mir gingen natürlich die Ereignisse des Vortages im Kopf herum.
„Sagt mal“, begann ich endlich, „wenn ich das richtig verstanden habe, gibt es also zwei Welten, und durch das, was Lord Sylvan heraufbeschworen hat, ist ein heilloses Durcheinander entstanden?“
Der Zauberer nickte zögerlich. „Ja, so ungefähr. Es gibt nicht wirklich zwei Welten, sondern eher zwei Aspekte derselben Welt. Der eine ist die Welt wie wir sie kennen, der andere ist die dinglose Welt des Lichts. Der erste geht aus der zweiten hervor, und nach dem Tod gehen die Seelen der Menschen dorthin zurück, deshalb nennt man diesen Aspekt der Welt das Totenreich, weil sich dort der Zugang zum Licht befindet. Ich vermute, Lord Sylvan konnte sich nicht mit dem Tod seiner Gemahlin abfinden und wollte sie durch eine Beschwörung ins Leben zurückrufen. Dabei ist etwas wirklich schiefgegangen.“
„Warum hat er es überhaupt versucht?“
„Verzweiflung“, sagte der Zauberer bekümmert, „kann einen Mann zu den verrücktesten Taten treiben.“
„Und nun?“, fragte ich. „Geht die Welt jetzt unter?“
„Das befürchte ich. Das Totenreich liegt zwischen den beiden Aspekten der Welt. Dort, an der Grenze, ist der Riss im Weltgefüge durch Lord Sylvans Untat entstanden. Sie hat die natürliche Ordnung der Dinge zerstört. Er muss bei seinen Beschwörungen bis zu jener Grenze zwischen den Welten vorgedrungen sein, und seine monströse Gestalt, die es nicht geben dürfte, ist der sichtbare Ausdruck des Risses, den er dabei verursacht hat.“
„Das heißt, Lord Sylvan selbst ist der Riss?“
„Nein, der Riss besteht zwischen den Welten, aber der Lord ist durch einen Bann an ihn gebunden.“
„Also müsste das Ungeheuer getötet werden?“
„Nein, das würde nicht genügen. Die Untat des Lords muss rückgängig gemacht und dadurch der Riss geschlossen werden, sonst wird sich das Weltgefüge immer weiter auflösen, und nichts wird mehr sein wie es war. Die Toten werden mit uns wandeln, und die Lebenden werden wie Tote sein.“
Bei diesen Worten lief mir ein Schauer über den Rücken, obwohl sie mir recht theatralisch vorkamen.
„Und was sollen wir nun tun?“, fragte ich unbehaglich. „Was können wir überhaupt tun?“
Der Zauberer kratzte sich am Kopf. „Das ist mir auch nicht ganz klar.“
„Ich denke, Ihr wisst über diese Dinge Bescheid“, sagte ich ungehalten.
„Ja, ja, das weiß ich auch“, brummte er. „Aber das will alles gut bedacht sein. Ihr Laien stellt euch das zu einfach vor.“
„Mit anderen Worten, Ihr habt keine Ahnung, was zu tun ist.“
„Nicht im Moment“, sagte er kleinlaut.
„Großartig!“, rief ich und schleuderte einen Wurstzipfel ins hohe Gras. „Ihr müsst die Welt retten und habt keinerlei Plan. Aber was soll´s? Vielleicht ist es ja ganz lustig, wenn die Toten mit den Lebenden wandeln!“
„Erspart mir Euren Sarkasmus“, sagte der Zauberer. „Natürlich habe ich einen Plan. Was sucht Ihr da eigentlich?“
Читать дальше