„Also“, sagte ich, als wir im Schatten der Bäume vor dem Tor stehen geblieben waren, „Ihr wollt sicher hineingehen und nach dem Rechten sehen. Ich werde hier auf Euch warten, und wenn etwas ist, macht Euch bemerkbar, damit ich davonlaufen kann.“
„Aber, aber!“, Der Zauberer schmunzelte. „Ihr seid doch nicht wirklich so ein Hasenfuß, oder?“
„Ich will einfach keinen Ärger, und wenn ich ihn vermeiden kann, ist es ein Zeichen von großem Verstand, es auch zu tun“, sagte ich und wählte beiläufig am Horizont die Richtung aus, in die ich verschwinden wollte.
„Jetzt lasst uns erst mal hineingehen, oder seht Ihr vielleicht irgendeine Gefahr, die uns droht?“ Damit schob der Zauberer mich auf den Eingang zu.
„Gefahren kann man nicht immer auf den ersten Blick erkennen, und ich habe den Eindruck“, sagte ich, während ich mich gegen seine Drängelei zu wehren versuchte, „dass Ihr einfach Angst habt, allein dort hineinzugehen!“
„Ach was!“, keuchte er. „Stellt Euch nicht so an!“ Dabei schob er mich weiter, und während wir so miteinander rangen, stolperten wir über die ersten Treppenstufen. Als wir beide auf unserem Hintern landeten, öffnete sich plötzlich über uns die Eingangstür.
Der Zauberer schrie, und ich schrie auch – aber nicht so laut wie er –, wir klammerten uns aneinander – er klammerte fester als ich – und starrten gebannt zum Eingang hinauf. Dort war niemand zu sehen.
„Lasst mich los!“, schrie ich. „Ich will hier weg!“
„Nein, nein, Ihr seht doch, da ist nichts!“ Er hielt mich fest.
„Aber drinnen ist etwas!“ Ich versuchte mich loszureißen. „Warum wäre sonst die Tür aufgegangen?“
„Das war nur der Wind, der durch das Haus pfeift!“
„Hier weht kein Wind. Da pfeift was anderes!“
„Jetzt reißt Euch endlich zusammen, oder muss ich Euch mit Magie wieder auf den Pfad der Vernunft führen?“ Dabei hob er drohend seinen Holzstab gegen mich.
Die Drohung wirkte. Ich hatte keine Ahnung, was er mit mir anstellen konnte, und wollte es auch nicht herausfinden. Ich verfluchte voll Selbstmitleid meine Höflichkeit, die es mir nicht gestattet hatte, an dem Zauberer vorbeizugehen, als ich ihn schlafend unter dem Baum hatte stehen sehen – nicht einmal meine Salbe hatte er kaufen wollen! –, und stieg in dem sicheren Gefühl, einem schrecklichen Unheil entgegenzutreten, neben, nein eigentlich vor meinem tyrannischen Weggefährten die restlichen Stufen zur Tür hinauf und trat ein.
Zitternd und angestrengt ins Ungewisse spähend, durchquerte ich einen Gang, der mich in einen großen, lichtdurchfluteten Raum führte. Das Licht strömte durch breite Fenster in der hinteren Wand des Raumes herein, die Ausblick auf einen entzückenden Garten gewährten. Ganz bezaubert von der Idylle vergaß ich augenblicklich meine Befürchtungen und betrachtete bewundernd die mit kostbaren Stoffen überzogenen Stühle und Liegen, die Tische, einige aus Marmor, andere aus Holz, mit kunstvoll geschnitzten Verzierungen. An den Wänden standen Schränke voller Vasen, Figuren und ähnlich schöner Dinge, die auch überall im Raum verteilt standen, ohne dass dieser überladen gewirkt hätte. Zwischen den Schränken hingen Musikinstrumente und breite Wandteppiche mit szenischen Darstellungen. Ihre Farben leuchteten hell, wo das Sonnenlicht auf sie traf, und glühten geheimnisvoll dort, wo Schatten auf sie fiel. Auch ein Gemälde hing dort. Es zeigte eine ausnehmende schöne und bezaubernden Frau mit einem verklärten, von langen Locken umgebenen Gesicht. Kurz gesagt, die Behausung gefiel mir außerordentlich, und ich war gerade dabei, mir träumerisch auszumalen, wie behaglich und angenehm es sich hier leben ließe, als ich weit hinter mir die Stimme des Zauberers vernahm.
„Ist da was?“, rief er mit zittriger Stimme.
„Wie man´s nimmt“, antwortete ich versonnen.
Der alte Magier trat mit einem Grunzen ein und riss mich in die Wirklichkeit zurück.
„Hier ist Unheil geschehen“, sagte er.
Ich hatte keine Ahnung, wie er in dieser Umgebung so eine Behauptung aufstellen konnte, und wollte gerade auf die ästhetischen Vorzüge der Einrichtung hinweisen, als es mich plötzlich eiskalt anwehte, mehrmals und aus verschiedenen Richtungen. Dabei war ein Seufzen und Wimmern zu vernehmen, das mich womöglich noch mehr erschauern ließ.
„Geister“, sagte der Zauberer und packte mich am Arm, denn dieses eine Wort hatte genügt, um mir die Notwendigkeit augenblicklicher, würdevoller, aber zügiger Flucht vor Augen zu führen.
„Wartet! Wir müssen mit ihnen reden.“
„Wie bitte?“, japste ich. „Wir sollen mit Geistern reden? Seid Ihr von allen guten …“ Ich brach ab, denn die Redewendung schien plötzlich unangebracht.
Der Alte hob seinen Holzstab. „Sie können uns sagen, was hier passiert ist. Ihre Anwesenheit ist unnatürlich und dürfte nicht sein.“
Das fand ich allerdings auch, aber trotz seines Alters hatte der Mann einen eisenharten Griff, und da ich mich nicht losreißen konnte, musste ich mit ansehen, wie er anfing Beschwörungen zu murmeln und dabei mehrmals seinen Stab auf den Boden zu stoßen. Die Luft vor uns begann zu flimmern, an einigen Stellen des Raumes wurde das Licht der Nachmittagssonne dunstig, bis ich schließlich vermeinte, dort menschliche Umrisse erkennen zu können.
„Geister dieses Hauses!“, rief der Zauberer mit tiefer Stimme. „Erzählt uns, wodurch ihr gebannt worden seid!“
Die flackernden Umrisse – es mögen acht oder neun gewesen sein, durch die Überlagerungen war es schwer erkennbar – wanden sich unruhig hin und her und gaben murmelnde Laute von sich, von denen sich allmählich eine deutliche Stimme abhob.
„Ihr Herren, hört unser Unglück!“, sagte sie. „Dieses Haus gehört Lord Sylvan, ein guter und gerechter Mensch, der den Süden mit seinem geliebten Weib verließ, als dieses sehr krank wurde, und die Einsamkeit suchte, um sich in Studien zu vergraben, von denen er sich die Heilung seiner Gattin erhoffte. Wir waren seine Diener und versorgten dieses Haus, aber wir bekamen ihn immer seltener zu Gesicht. Wir sorgten uns, doch blieb er unzugänglich. Manchmal öffnete er tagelang die Tür seines Studierzimmers nicht. Dann aber starb seine Gemahlin. Lord Sylvan war untröstlich, klagte sich selbst an, weil er versagt hätte, und zog sich wie rasend in sein Studierzimmer zurück.
Am nächsten Morgen – es mag einen Mond her sein – sprang die Tür auf, und ein Ungeheuer kam heraus, wütete unter uns und fraß uns alle auf. Unsere Seelen aber spie es wieder aus, und seitdem sind wir an dieses Haus gebunden und können die Welt nicht verlassen und dahin gehen, wohin wir gehören.
Das Ungeheuer aber war Lord Sylvan. Wir wissen nicht, wie es zur Verwandlung kam, seine Studien haben ihn wohl auf unglückselige Abwege geführt. Vielleicht hat er versucht, seine Gemahlin aus dem Totenreich zurückzuholen, und ist zum Opfer seines Frevels geworden. Ihr Leichnam war verschwunden. Vielleicht hat er auch ihn gefressen.
Seitdem hält er sich nicht weit von hier im Wald versteckt, und wann immer jemand sein Haus betritt, eilt er herbei, und es geht den Unglücklichen wie uns. Schon vier oder fünf haben unsere Zahl vermehrt. Auch Euch wird dieses Schicksal jetzt ereilen. Bald werdet Ihr mit uns klagend durch diese Räume wehen!“
Ich erschrak, als ich dies hörte. „Wir müssen fort!“, schrie ich.
Der Zauberer nickte und schaute verwirrt um sich.
„Zu spät!“, rief die Geisterstimme mit hohlem Klang. Viele flackernde Formen umdrängten uns jetzt. „Er ist schon fast hier!“
Die Worte wurden leiser und gingen in dem allgemeinen Gewimmer unter, das uns in den Ohren klingelte, während mir Eiseskälte in die Knochen fuhr.
„Was machen wir jetzt?“, rief ich verzagt, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Die trügerische Idylle der Schönheit, die uns umgab, der lichtdurchflutete Raum, nun ward er zum Albtraum, zu einer tödlichen Falle.
Читать дальше