„Du musst gleich ins Bett. Du kannst dir ja den Tod holen, so nass wie du bist“, entscheidet der Großvater.
Das Bett ist schon warm von der Wärmflasche. Laura trägt jetzt das warme rosa Flanellnachthemd. Schläft sofort ein, obwohl ja erst Nachmittag ist. Sie schläft bis zum nächsten Morgen, bis es Zeit ist zum Aufstehen für die Schule. Traumlos ...
„Oh du Fallada, da du hangest…“
Nur der abgeschlagene Pferdekopf unterm finsteren Tor zeigte Verständnis, denn er hatte die Erinnerung aufbewahrt.
„Dahinten hat Eri Dich hingelockt? Hingelockt und dann hineingestoßen?“ Helmut kann es nicht fassen. „Da ist der Fluss am tiefsten.“
„Wenn ihr schon im Fluss baden müsst, dann nicht an dieser Stelle“, warnte die Großmutter, damals. Die Dorfkinder badeten hinter der Brücke, so wie ihre Eltern, als diese noch Kinder waren. Herbert ist dort ertrunken. An einem heißen Sommertag inmitten der badenden Kinder. Da war er sieben Jahre alt. Keiner hat es bemerkt. Am Abend fehlte Herbert. War nicht nachhause gekommen. Die Feuerwehr hat die Badestelle nach ihm abgesucht. Ein Feuerwehrmann hat Herbert gefunden. Auf seinen Armen trägt er das leblose Kind an Lauras Haus vorbei auf dem Weg zu Herberts Eltern. Ein schwerer Weg. Sie hatten eine Decke über Herbert gebreitet, auch sein Gesicht war verhüllt. Am nächsten Tag in der Klasse blieb sein Platz leer. Der Lehrer hatte einen Blumenstrauß hingestellt. Die Kinder durften zur Beerdigung. Herbert im offenen Sarg. Herbert im dunkelblauen Anzug, mit weißem Hemd und schwarzer Fliege, die blonden Haare gekämmt. Herbert hatte die Augen geschlossen, als ob er schliefe. Er war blass, sehr blass.
„Das hat die Eri bestimmt nicht absichtlich gemacht“, sagt die Mutter.
Laura stockt der Atem. Sie ringt nach Worten und es vergeht eine Weile, bis sie mit gepresster Stimme antwortet:
„Allerdings! Sie hat mich von zuhause abgeholt. Nur dieses eine Mal. Nicht vorher und nicht hinterher. Sie hat mich abgeholt und zum Fluss gelockt, wo er am tiefsten ist. Absichtlich. Ich weiß nicht, warum. Ich hatte ihr doch nichts getan. Und dann hat sie mich hineingestoßen. Mit voller Wucht. Das hatte sie sich vorgenommen. Nur deshalb hat sie mich abgeholt. Hast Du mir nicht zugehört?“
„Wenn sie das gemacht hat, dann hat das eine Ursache. Wahrscheinlich ist ihr so etwas passiert und da wollte sie es auch einmal machen.“
‚Sie mal wieder. Mutter. Die Rächerin der Entrechteten und Enterbten. Das kann doch nicht wahr sein’, denkt Laura. Es ist immer das Gleiche: Wenn sie jetzt etwas Falsches sagt, dann trifft sie Mutters gekränkt vorwurfsvoller wie-kannst-du-nur-ich-habe-es-schon-schwer-genug-Blick. Die Mutter meint es doch so gut und will niemanden kränken und enttäuschen Hat für alles und jeden Verständnis. Das geht nicht ohne Verrat. Doch Laura soll das für sich behalten, dass sie sich allein gelassen fühlt, denn das hält die Mutter nicht aus.
„Und wenn ich ertrunken wäre, damals. Ich war erst acht Jahre alt und konnte noch nicht schwimmen?“
Die Mutter geht nicht darauf ein. Muss das Ungeheuerliche abwehren, das ihr da gerade zu Ohren gekommen ist.
„Doch, das stimmt. Was dir passiert ist, das wiederholst du bei anderen. Das kam neulich im Fernsehen.“
Dann muss es ja stimmen. Laura ist entsetzt, sprachlos. Was Eri getan hatte, das war ein Mordversuch, ein strafloser, denn sie war ja erst neun Jahre alt.
Wie eine ewige Krankheit…
Das Wasser war eiskalt, damals im November auch wenn Laura das nicht gespürt hat.
„Das ist noch nicht einmal eine Erklärung, bestenfalls eine Vermutung. Auf keinen Fall eine Entschuldigung. Die Eri hat sich noch einige Sachen geleistet, das weißt Du ganz genau. Tu‘ nicht so scheinheilig. Vor allem die Geschichte mit Bruno. Das war das Schlimmste neben den anderen Eskapaden. Aber Du entschuldigst sie noch.“
,Typisch, dass Dir weiter nichts dazu einfällt. Noch nicht einmal die Frage, warum ich mehr als 40 Jahre geschwiegen habe. 40 Jahre. Warum wohl?‘
Laura spricht es nicht aus, fürchtet den mütterlichen wie-kannst-du-nur…-Blick.
Auch Helmut wundert sich:
„Jeder dem etwas Schlimmes passiert ist, der darf einen anderen umbringen? Das ist doch nicht Dein Ernst!“
Warum hat Laura so lange geschwiegen?
Einmal hat sie ein großer Junge umgerannt. Davon hatte Laura blutige Schrammen im Gesicht. Das war nicht zu übersehen. Laura war sieben und neu in der Schule. Sie wollte, dass die Mutter mit Wilfried spricht. Denn er hatte Laura verletzt und war weitergelaufen, als ob nichts gewesen wäre. Hatte sich nicht um Laura gekümmert, die durch seine Schuld am Boden lag. Die Mutter sollte zu Wilfried sagen, dass er sich bei Laura entschuldigen soll.
„Wenn ich den anspreche, dann lacht der mich aus.“ Die Mutter hatte befürchtet, dass ein Schuljunge sie nicht ernst nimmt. Deshalb hatte sie Laura nicht verteidigt. Das war schwach.
‚Wenn ich als Kind von Erwachsenen kritisiert wurde, dann hat mich das in Verlegenheit gebracht’, denkt Laura. ‚Erwachsene waren für mich Respektpersonen. Damals. Wie klein muss sich die Mutter gefühlt haben, dass sie den Konflikt mit einem Zwölfjährigen scheute.’
Doch Laura ließ nicht locker, hakte immer wieder nach:
„Hast Du es ihm heute gesagt?“
„Heute Mittag bin ich ihm zufällig begegnet. Da habe ich es gesagt.“
„Und was hast Du gesagt. Was hat er geantwortet?“
„Ich habe gesagt: „Na, bist Du mit Laura zusammengestoßen?“
„Mehr nicht? Und er hat nur Ja gesagt, sonst nichts?“ Laura ist enttäuscht. Wahrscheinlich hat sie zu ihm gesagt,
,ich weiß, du konntest nichts dafür, die Laura, die passt ja nicht auf, wo sie hinläuft, guckt immer in die Luft. Immer mit den Gedanken woanders. Da kann das schon mal passieren. Selber schuld.‘
Später hat Laura so etwas mit sich allein ausgemacht. Die Mutter hatte auch so komische Sachen gesagt: „Wenn ich gestorben bin, dann pflanze einen Rosenstock auf mein Grab.“
Warum sagte sie so etwas? Ist sie krank? Stirbt sie bald? Das machte Laura Angst.
„Musst Du mich auch noch ärgern ...“ Wie oft hat Laura diesen Satz gehört. Auch die Suggestion, „ich habe es auch so schwer genug.“
Lauras Mutter war in Ungarn aufgewachsen. Und es war Krieg. Die Front lief nah am Dorf vorbei. Die Mutter musste mit ihrer Schwester Schützengräben ausheben. Am Abend versteckte die Großmutter ihre Töchter in der Scheune, um sie vor den betrunkenen Russen zu schützen. Nach dem Krieg musste die Mutter mit der Familie ihr Dorf verlassen. Als Volksdeutsche mussten sie nach Deutschland, obwohl ihnen das Land fremd war. Ihre Vorfahren waren 300 Jahre vorher von Schwaben nach Ungarn ausgewandert. Die Heimatvertriebenen wurden auf die Familien im Dorf verteilt. Dort wollte man sie nicht, denn sie waren fremd und man lebte auch so schon in beengten Wohnverhältnissen. Die Großeltern waren dagegen, dass der Vater ein Flüchtlingsmädchen heiratete. Der Vater setzte sich durch. Wenigstens dieses eine Mal. Die Mutter lebte fortan im Haushalt der Großeltern. Wollte alles richtig machen. Erkrankte nach der Geburt von Laura. Schwangerschaftsvergiftung. Davon erholte sich die Mutter nur langsam bei der vielen Arbeit mit dem Kind, dem Haushalt und der Landwirtschaft.
Auch der Vater war im Krieg gewesen. Mit 17 als Hitlers letzte Reserve. Kam in amerikanische Gefangenschaft. Mit 70 hat er davon geredet, wie er eingezogen wurde. Immer dasselbe. Immer wieder.
Vom Vater war keine Hilfe zu erwarten. Der war den ganzen Tag auf den Beinen. Laura hat sich gefreut, wenn er nachmittags von der Arbeit kam. Hat gewartet und ihn angestrahlt. Der Vater sah an ihr vorbei, durch sie hindurch. Sein Gesicht war angespannt.
Der Vater redete nicht mit den Kindern. Machte nur Späße. Auf Kosten der Kinder. Amüsierte sich über ihre Naivität und Unwissenheit. Musste gleich wieder weg. Aufs Feld. Gras mähen, Heu machen, Kartoffeln ernten, säen, später die Kühe füttern und den Stall ausmisten. Beim Nachmittagskaffee wurde der Rest des Tages verplant.
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