„Ha!“ rief er auf einmal aus.
„Was hast du?“
„Da vorne…, die Schneebel!“
„ Wer ?“ „Sandra Schneebel, bisher unsere Auszubildende. Wird übernommen.“ „Ach so.“ Sie sah in die Richtung, in die sein Finger zielsicher deutete. Unweit von ihnen stand eine junge Frau mit schwarzem, lockigem Haar, die ihnen halb den Rücken zudrehte. Sie unterhielt sich lebhaft mit einer anderen jungen Frau. „Willst du hingehen und ihr begrüßen?“ „ Sie begrüßen.“ „Am Ende gefällt dir noch und machst ihr schöne Augen!“ Rehles wusste nicht genau, ob sie es nun ernst meinte. Er nahm vorsichtig einen Schluck Glühwein, schüttelte den Kopf: „Keine Sorge, ich glaube, da gibt es andere , die ihr hinterher sehen...“ „Ach, ja?“
„Wa…“, er hielt gerade noch rechtzeitig inne.
„Wie?“
„Wa…s ich gerade sagen wollte: Der Puhrmann hat, glaube ich, ein Auge auf sie.“
Von Wagner sage ich besser nichts. Wo er doch so oft bei ihr im Eiscafé vorbeischaut. Ist schließlich mein Chef. Nur nichts anbrennen lassen.
„Ah, du meinst eure, wie sagt man, oberste…?“
„Hauptkommissar.“
Sie kniff ein Auge zu.
„Hat ein Auge auf sie? Na, wenn nur ein Auge ist…“ In diesem Moment drehte Sandra Schneebel sich um. Sie erkannte Rehles, stieß ihre Freundin an und beide kamen näher. Der Kommissar fuhr eine Hand aus. „Oksana, das ist Sandra Schneebel. Oksana, meine Frau.“ Nun kreuzten sich Arme und Hände. Oksana nahm Sandra heimlich ins Visier: Ist sie sehr hübsch…Kein Wunder, dass diese Puhrmann oder wie heißt, um sie herum schleicht wie um Brei . Wagner arbeitet auch mit diese Sandra. Bestimmt gefällt sie ihm auch. Kommt er vielleicht deswegen nicht mehr so oft in Eiscafé? Hm. Ihr Mann trat von einem Fuß auf den anderen. Was nun? Den Damen einen Glühwein spendieren? Geht ganz schön ins Geld. „Einen Glühwein, die Damen?“ Bevor sie noch protestieren konnten, bestellte er. Sandra war vergnügt: „ Noch änner? Oh, wei!“ Dann dankten beide. Er trank zügig aus und erhob erneut die Hand. „Für uns dann auch noch einen, bitte.“ Oksanas Protest kam zu spät. „Musst du mir nachher nach Hause tragen, quer durch Stadt. Kann ich sowie schlecht laufen, mit diese Schuhe.“ Sandra Schneebel probierte den Glühwein. „Huu, der iss noch heiß!“ Nun war wieder einmal die Erfahrung eines Mannes gefragt, der mit beiden Beinen fest im Leben stand. „Am besten, man trinkt ganz vorsichtig, so wie eine Katze.“ Sandra und ihre Freundin lachten fröhlich. Oksana dachte, sie höre nicht richtig. Sie sah ihren Mann aus den Augenwinkeln an und setzte für einen Moment einen Schmollmund auf.
Am nächsten Morgen verließ Oberkommissar Wagner Schramm’s Kaffeerösterei in der Gilgenstraße. Er spürte, wie die Tasse Columbian Medellin ihre Wirkung zu entfalten begann. Ah…, das tut gut! Die Luft war angenehm frisch und kühl, Straßen glänzten von frisch gefallenem Schnee, es atmete sich leicht. Er hüllte sich tiefer in seinen Mantel und rieb sich die Hände. Während er vor seinem geistigen Auge einen Kalender überflog und die Anzahl der noch freien Tage ausrechnete, steuerte er auf den Durchgang am Altpörtel zu. Ein Mädchen huschte aus einer Tür von Blumen Nothhelfer und ließ, eine Passantin begrüßend, ihren Charme spielen. Speyer, wahrlich kein schlechtes Pflaster… Ob ich für immer hier bleibe? Er blickte auf Schnee, der ringsum gut verteilt war. Was nun? Sehen, ob irgendein Bistrot aufhat, in dem ich ein vernünftiges Frühstück bekomme? Auf einmal wurde ihm bewusst, dass er seit etlichen Tagen einen Termin vor sich herschob: Es hilft ja alles nichts, muss mal wieder zum Friseur. In der Wormser Straße angekommen, passierte er die alteingesessene Buchhandlung Oelbermann , überquerte die Straße und lenkte dann seine Schritte zum Haarparadies Hammer . Er schaute hinein: Noch war kein anderer Kunde da. Er trat ein, hängte seinen Mantel auf. Ein junger Mann begrüßte ihn freundlich. „Nehmen Sie Platz. Ich komme gleich.“ Es dauerte nicht lange – „So, jetzt!“ – und der Friseur stand hinter ihm. Er holte einen Umhang und brachte ihn so an, wie es sich gehörte. Eine flinke Handbewegung und schon entdeckte Wagner einen Spiegel hinter sich. „Wie sollen wir’s schneiden?“ Wagner sah sich um. Wir ? Ist noch jemand da? „Kürzer.“ Der Friseur lachte, gut gelaunt, hell auf. „Und ich dacht’ schon, ich soll’s Ihne länger mache.“ Er trat näher und fügte leiser hinzu: „Ä Spässel.“ Der Friseur stellte das Radio etwas leiser −…auf der A6…, bitte fahren Sie vorsichtig − und ergriff ein kleines Sprühgerät. „So, jetzt wird’s graad e bissje nass.“ Wagner verdrehte die Augen. Der Friseur, der behutsam vorging, sprühte nichtsdestoweniger so lange, bis die Haare feucht genug waren. Da komme ich mir ja vor, als wäre mein Kopf eine Topfpflanze… „So kann ich einfach besser schneide, als wenn’s ganz trocke iss.“ Wagner nickte. Am besten nicht widersprechen, lag ja außerhalb seines Kompetenzbereichs.
„Unn um die Ohre rum…? Halb bedeckt oder alles freimache?“
„Wäre gut, wenn Sie die Ohren dran lassen: Spässel!“
Der Friseur lachte vergnügt auf.
„Alla guut.“
Er kämmte und schnitt, schob Haare hin und her, veränderte den Blickwinkel, schnitt weiter. Doch der Gast blieb stumm. Nun sah er, dass er sogar die Augen geschlossen hielt. Der wird mir doch am Ende nicht hier einschlafen…Da hörte Wagner vorderpfälzischen Singsang:
„Ä Tässel Kaffee?“
„Nein, danke. Ich war vorhin in Schramm’s Kaffeerösterei .“ „Ich dacht’ nur, weil Sie so still sinn.“ „Ach, wissen Sie…, wenn man beruflich immer so viel reden muss…“ „ Wem sagen Sie das? Des iss ganz klar, dess versteh ich. Da iss mer als froh, wenn man mal sei Ruh hat. Nur manche Kunde, die erwarten einfach, dass man sich nach Ihne erkundigt und sich unnerhält.“ „Da können Sie bei mir beruhigt sein.“
Langsam wurde er doch ein wenig neugierig. Würd’ mich schon mal interessieren, was der beruflich so macht…
„Da haben Sie einen Beruf, in dem man viel rede muss? Ich versteh…“
Was könnt’n der sei: Anwalt?
„Manchmal bin ich auch lange Zeit still und grübele nur.“
„Und dafür wer’n Sie bezahlt? Dess deed mer aah gefalle! Ich grübel als auch viel, aber mir zahlt niemand was dafür. Das iss der Unnerschied.“ „Die Lebensschicksale sind sehr unterschiedlich.“ „So isses!“
Der Friseur setzte mit einer letzten Schnittoffensive gleichsam das Fanal zum Endspurt.
„Ein paar graue hab ich schon entdeckt. Iss abber net schlimm.“
Wagner zog die Mundwinkel nach unten.
„Wenn’s Ihne mit der Zeit mit dem Grau zuviel wird, kummen Se halt zu mir und dann mache mer die Packung druff.“
Der Friseur raunte unter dem Siegel der Verschwiegenheit:
„Sie wer’n lache, dess machen immer mehr Männer. Oft die, wo mer’s gaar net denkt.“
„Ich fürchte, ich werde nicht lachen.“
Der Friseur holte flugs einen großen Spiegel und zeigte seinem Neukunden das Resultat seiner Haarpflegekunst.
„Zufriede?“
„Sehr gut!“
In diesem Moment ging die Tür auf, ein Mann trat ein. Wagner blickte in den Spiegel und war bestürzt.
„Was machen S I E hier?!?“
Hinter ihm stand Kommissar Rehles, der Mann, den ihm sein berufliches Schicksal vor einigen Jahren über den Weg führte.
„Äh, ich wollte gerade zum Friseur.“
Rehles starrte vor sich hin, als habe er sich in der Zimmertür eines Büros geirrt. Dann deutete er auf die vielen Haare am Boden:
Читать дальше