So blieb viel Spielraum für die Fantasie der Besucher, die vor allem die Tafel und auch den Prinzen sehen wollten, dessen Mumie im Raum aufgebahrt war. “Räucherschinken“ war der Kommentar von Ernst Wohlfarth, der sich im Moment mehr für das Wetter interessierte. Dunkle Wolken hatten sich über Frankfurt zusammengezogen, die sich wohl in der nächsten Zeit über der Stadt entladen würden, um den lang ersehnten Regen zu bringen. Aber vorerst hatte sich nur die Schwüle ins Unerträgliche gesteigert.
Auch aus diesem Grund hatte man den Eingang vorzeitig geschlossen, um die Menge zu zerstreuen, die vor dem schattenlosen Museumsvorplatz wartete. Manch einer hatte seinem Kreislauf in der prallen Sonne zu viel zugemutet und war zusammengeklappt, sodass die Rettungsdienste alle Hände voll zu tun hatten. Die aufziehenden Wolken hatten die Situation auch nicht viel verbessert.
Jetzt war der Vorplatz menschenleer. Wer konnte, verzog sich in einen kühleren Raum und wartete auf Abkühlung durch das aufziehende Gewitter an diesem Spätnachmittag. Das Museum leerte sich allmählich und Wohlfarth erhob sich von seinem Stuhl, der ihm am Körper zu kleben schien. Er ging an das dahinter liegende Fenster, um nach dem Stand der Dinge zu sehen. In seinen Gedanken war er bei einem kühlen Glas Apfelwein, das seine Rita für ihn bereithalten würde, und in seinen Gedanken lief ihm das Wasser im Mund zusammen.
Schlagartig wurde er in die Realität zurückgeholt, als ein großer Blitz am Himmel zuckte und sofort darauf ein Knall die andächtige Stille zerriss, der die Scheiben des alten Gebäudes erzittern ließ. Erschrocken trat Wohlfarth einen Schritt zurück. Der Himmel öffnete seine Schleusen und brachte das ersehnte Nass. Der fallende Regen klatschte gegen die Scheiben und erzeugte eine konstante Geräuschkulisse, die nun in schneller Folge von Blitz- und Donnerschlägen unterbrochen wurde.
„Na prima!“, dachte Wohlfarth. „Gleich zu viel des Guten, so komm isch abber nit’ trocken heim!“ Verärgert sah er durch die Scheibe und folgte den undeutlichen Konturen einiger Mutiger, denen der Sturm die Schirme aus der Hand riss und über den Platz trieb. Das Gewitter steigerte sich und sorgte dafür, dass die Autos stehen blieben, weil die Scheibenwischer das niederprasselnde Wasser nicht bewältigen konnten.
Die Besucher hatten sich im Vorraum des Museums zusammengerottet wie eine Herde Schafe, denn die offizielle Öffnungszeit war vorbei. Keiner traute sich nach draußen, weil das Gewitter immer heftiger zu werden schien. Das Klatschen des Regens wurde nun von prasselnden Hagelkörnern übertönt, die rasch an Größe zunahmen. Das Trommeln gegen die Glasfenster wurde rasch heftiger, sodass Wohlfarth Bedenken hatte, sie würden dem Druck standhalten. Er würde wohl noch etwas auf seinen geliebten Apfelwein warten müssen, er konnte ja schließlich nicht das Häuflein Menschen im Vorraum dem Sturm zum Fraß vorwerfen.
Ängstlich duckten sich die Frauen bei jedem Blitzschlag, aber die Männer schauten auch nicht viel mutiger nach draußen. Dort war es rabenschwarze Nacht geworden. Alle Geräusche wurden vom Jaulen des Windes und dem Trommelfeuer des Hagels geschluckt. Nur wenn ein Blitz über den Himmel zuckte, war unscharf etwas von draußen zu erkennen.
Ein Besucher löste sich aus der Menge und nutzte die verbleibende Zeit, um noch einmal die Mumie des Chaemwaset zu betrachten. Ihn schien das tobende Inferno draußen wenig zu beeindrucken. Allen anderen wurde klar, dass ein Unwetter wie dieses seit ewigen Jahren nicht stattgefunden hatte. Ernst Wohlfarth konnte sich nicht vorstellen, dass es heute etwas Schlimmeres für ihn geben könnte als eine solche Naturgewalt, aber er sollte sich irren, und zwar gewaltig.
„Ob es am Nil auch mal regnet?“, dachte er noch, kurz bevor das Unheil seinen Lauf nahm.
Der Druck der Windböen auf die Scheiben und die Erschütterung durch den Hagel war zu groß geworden für das alte Fenster, an dem Wohlfarth stand. Der Rahmen gab ein ächzendes Geräusch von sich, das ihn unmittelbar zur Seite springen ließ. Bruchteile von Sekunden später barst die Scheibe. Ein Schwall Wasser, gemischt mit Hagel und Glassplittern, stürzte sich in den Raum und auf den Platz, an dem Ernst Wohlfarth gerade noch gestanden war. Zeitgleich ging die Sirene der Alarmanlage los, die Hölle brach über ihn herein. Gelähmt vor Schreck war er unfähig, sich zu bewegen.
Mehr aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass der Besucher vor Chaemwasets Mumie diese plötzlich in der Hand hielt. Zuerst sah es so aus, als wollte er sie in Sicherheit bringen. Aber im nächsten Moment warf er sie auf den Boden, wo sie in Hunderte Stücke wie morsches Holz zerbrach. Auf den Knien riss er die verbliebenen Binden von dem Teil herunter, das zuvor den Brustkorb gebildet hatte. Dabei zerfiel dieser in noch kleinere Stücke.
Als man Wohlfarth später vernahm, gab er zu Protokoll, dass der Besucher rief: „Oh Gott, er ist es nicht!“ Das war wohl der Moment, in dem ihm klar wurde, dass er nicht träumte.
„Das gibt es doch nit!“, schrie er und rannte auf den Täter los. Von überall her kamen jetzt seine Kollegen gelaufen, aber er war derjenige, der dem scheinbar Irren am nächsten war. Kurz bevor er ihn greifen konnte, rutschte er auf dem hereinbrechenden Eis-Hagel aus und schlug hart auf den Boden auf. Wie im Nebel nahm er wahr, dass der Fremde über ihn hinwegsetzte und auf das zerbrochene Fenster zu lief. Er sprang auf den Stuhl von Ernst Wohlfahrt und von dort auf das Fenstersims. Gespenstisch hob sich der Umriss seines Körpers gegen das Chaos draußen ab, das kurz von einem Blitz erhellt wurde. Dann stieß er sich ab und landete auf den Steinplatten des Vorplatzes.
Er sah die Polizisten noch, die sich durch die Alarmanlage aufgeschreckt durch den Sturm kämpften. Doch bevor sie ihn erreichen konnten, krachte ein Blitz in eine Fahnenstange, direkt neben ihm am Rande des Vorplatzes. Als gleißendes Licht sprangen Millionen Volt an Energie aus dem Mast und stachen Flammen sprühend in den Körper des Fremden. Wie eine Stoffpuppe wirbelte er über den Vorplatz und blieb reglos liegen.
Kurz darauf war der Sturm so schnell vorbei, wie er gekommen war. Außer dem Toten hinterließ der Sturm eine Schneise der Verwüstung und einen pensionsreifen Museumswärter. Die Zeitungen am nächsten Tag hatten genug Material, um das Sommerloch zu füllen.
Das Talfest
„Beeile dich, Sohn! Der Pharao wird gleich da sein!“ Die Barke hatte am westlichen Ufer des Nils angelegt, um ihre Passagiere aussteigen zu lassen. Lediglich der halbwüchsige Junge war noch im Boot und sah fasziniert auf die Flotte der Schiffe, die den Nil hinaufsegelte. Alle Boote waren von Fackelschein erleuchtet, denn es war Neumond im zweiten Monat des Schemu, des ägyptischen Sommers. Der Schein der Fackeln spiegelte sich golden in den Fluten des Nils. Bereits am Tage war die goldene Barke des Amun aus seinem Heiligtum in Theben aufgebrochen, um in Begleitung der Götter Mut und Chons über das Netz der Kanäle zum Totentempel am Rande der Wüste zu gelangen. Jetzt war alles bereit zur Ankunft des Pharaos.
Schon von Weitem kündigten Sistrum, Trommeln und Bläser das Nahen des Herrschers der beiden Länder mit seiner Familie und seinem Hofstaat an.
„Senenmut, beeile dich, sonst werden wir zu spät kommen!“ Erst nachdem er ihn an die Hand nahm, gelang es dem Vater, seinen Sohn von dem Anblick zu lösen. Wie seit vielen Jahren kam Senenmut in der Nacht mit seiner Familie zum alljährlichen Talfest auf dem westlichen Nilufer, um die Toten zu ehren und mit ihnen gemeinsam zu feiern. Nach dem ägyptischen Glauben waren die Seelen der Verstorbenen in der Lage, mit ihren Familienmitgliedern zu feiern und unter ihnen zu wandeln. Aber bevor man sich der eigenen Familie widmete, wartete man gespannt auf das Erscheinen des Pharaos, der mit seinem Gefolge den Nil heraufkam. Das war der Höhepunkt im Jahreslauf von Senenmuts Familie. Die Menschen kamen von überall her, um den lebenden Horus zu sehen, denn er war direkter göttlicher Abstammung; ihn zu sehen verhieß Glück und Segen für das Jahr. Durch die Hand des Vaters geführt, bahnte sich die Familie einen Weg durch die immer dichter werdende Traube an Menschen. Wachen hatten einen Bereich am Nilufer abgesperrt, dessen Zugang den niedriger gestellten Untertanen verwehrt war. Als sie den Bereich durchschritten, trat ein Soldat mit seinem Schwert fragend auf sie zu.
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