Scrooge sagte, daß er ihn erst verdammt sehen wol e; ja
wahrhaftig, er sprach sich so deutlich aus.
»Aber warum?« rief Scrooges Neffe. »Warum denn?«
»Warum hast du dich verheiratet?« fragte Scrooge.
»Weil ich mich verliebte.«
»Weil er sich verliebte!« brummte Scrooge, als sei dies das
einzige Ding in der Welt, das noch lächerlicher als eine fröhliche
Weihnacht ist. »Guten Abend!«
»Aber Onkel, Sie haben mich ja auch vorher nie besucht.
Warum sol es da ein Grund sein, mich jetzt nicht zu besuchen?«
»Guten Abend!« sagte Scrooge.
»Ich brauche nichts von Ihnen, ich verlange nichts von Ihnen,
warum können wir nicht gute Freunde sein?«
»Guten Abend!« sagte Scrooge.
»Ich bedaure wirklich von Herzen, Sie so hartnäckig zu finden.
Wir haben nie einen Zank miteinander gehabt, an dem ich schuld
gewesen wäre. Aber ich habe den Versuch gemacht,
Weihnachten zu Ehren, und ich will meine Weihnachtsstimmung
bis zuletzt behalten. Fröhliche Weihnachten, Onkel!«
»Guten Abend!« sagte Scrooge.
»Und ein glückliches Neujahr!«
»Guten Abend!« sagte Scrooge.
Trotz allem verließ der Neffe das Zimmer ohne ein böses Wort.
Trotz allem verließ der Neffe das Zimmer ohne ein böses Wort.
An der Haustür blieb er dann stehen, um mit dem Glückwunsch
des Tages den Kommis zu begrüßen, der trotz der Kälte
dennoch wärmer war als Scrooge, denn er gab den Gruß
freundlich zurück.
»Das ist auch so ein Kerl!« brummte Scrooge, der es hörte.
»Mein Kommis, mit fünfzehn Shilling die Woche und Frau und
Kindern, spricht von fröhlichen Weihnachten. Ich gehe nach
Bedlam ins Irrenhaus.«
Der Kommis hatte, als er den Neffen hinaus ließ, zwei andere
Personen eingelassen. Es waren zwei behäbige, wohlansehnliche
Herren, die jetzt, mit dem Hut in der Hand, in Scrooges Kontor
standen. Sie hatten Bücher und Papiere unterm Arm und
verbeugten sich.
9
»Scrooge und Marley, glaube ich«, sagte einer der Herren,
indem er auf seine Liste sah. »Hab ich die Ehre, mit Mr. Scrooge
oder mit Mr. Marley zu sprechen?«
»Mr. Marley ist seit s ieben Jahren tot«, antwortete Scrooge. »Er
starb heute vor sieben Jahren.«
»Wir zweifeln nicht, daß sein überlebender Kompagnon ganz
seine Freigebigkeit besitzen wird«, sagte der Herr, indem er ihm
sein Beglaubigungsschreiben überreichte.
Er hatte ganz recht, denn sie waren wirklich zwei verwandte
Seelen gewesen.
Bei dem ominösen Wort Freigebigkeit runzelte Scrooge die
Stirn, schüttelte den Kopf und gab das Papier zurück.
»An diesem festlichen Tage des Jahres, Mr. Scrooge«, sagte der
Herr, eine Feder ergreifend, »ist es mehr als sonst
wünschenswert, wenigstens einigermaßen für die Armen zu
sorgen, die zu dieser Zeit in großer Bedrängnis leben. Vielen
Tausenden fehlen selbst die notwendigsten Bedürfnisse,
Hunderttausenden die notdürftigsten Bequemlichkeiten des
Lebens.«
»Gibt es keine Gefängnisse?« fragte Scrooge.
»Überfluß an Gefängnissen«, sagte der Herr, die Feder wieder
hinlegend.
»Und die Armenhäuser?« fragte Scrooge. »Bestehen die noch?«
»Allerdings«, antwortete der Herr, »aber doch wünschte ich, sie
brauchten weniger in Anspruch genommen zu werden.«
»Tretmühle und Armengesetz sind in voller Kraft?« sagte
Scrooge.
»Beide haben alle Hände voll zu tun.«
»So? Nach dem, was Sie zuerst sagten, fürchtete ich, es halte sie
etwas in ihrem nützlichen Gang auf«, sagte Scrooge. »Ich freue
mich, das Gegenteil zu hören.«
»In der Überzeugung, daß sie doch wohl kaum imstande sind,
der Seele oder dem Leib der Armen christliche Stärkung zu
geben«, entgegnete der Herr, »sind einige von uns zur
Veranstaltung einer Sammlung zusammengetreten, um für die
Armen Nahrungsmittel und Feuerung anzuschaffen. Und wir
wählen diese Zeit, weil sie vor allen andern eine Zeit ist, da der
Mangel am bittersten gefühlt wird und nur der Reiche sich freut.
Welche Summe darf ich für Sie aufschreiben?«
»Nichts«, antwortete Scrooge.
»Sie wünschen ungenannt zu bleiben?«
»Ich wünsche, daß man mich in Ruhe läßt«, sagte Scrooge. »Da
Sie mich fragen, meine Herren, was ich wünsche, so ist eben dies
meine Antwort. Ich freue mich selbst nicht zu Weihnachten und
habe nicht die Mittel, mit meinem Geld Faulenzern Freude zu
machen. Ich trage meinen Teil zu den Anstalten bei, die ich
genannt habe; s ie kosten genug, und wem es schlecht geht, der
mag dorthin gehen!«
»Viele können nicht hingehen, und viele würden eher sterben.«
»Viele können nicht hingehen, und viele würden eher sterben.«
10
»Wenn sie eher sterben würden«, sagte Scrooge, »so wäre es
gut, wenn sie es täten und die überflüssige Bevölkerung dadurch
verminderten. Übrigens, Sie entschuldigen, ich weiß nichts
davon.«
»Aber Sie könnten es wissen«, bemerkte der Herr.
»Es kümmert mich nichts«, antwortete Scrooge. »Es genügt,
wenn ein Mann sein eignes Geschäft versteht und sich nicht in
das anderer Leute mischt. Das meinige nimmt meine ganze Zeit in
Anspruch. Guten Abend, meine Herren!«
Da sie deutlich einsahen, wie vergeblich weitere Versuche sein
würden, zogen sich die Herren zurück. Scrooge setzte sich
wieder an die Arbeit mit einer erhöhten Meinung von sich selbst
und in einer bessern Laune als gewöhnlich.
Nebel und Dunkelheit hatten inzwischen so zugenommen, daß
die Leute mit brennenden Fackeln herumliefen, um den Wagen
vorzuleuchten. Der alte Kirchturm, dessen brummende alte
Glocke sonst unverwandt aus einem alten gotischen Fenster in
der Mauer listig auf Scrooge herabsah, wurde unsichtbar in den
Wolken und schlug die Stunden und Viertel mit einem zitternden
Nachklang, als wenn in dem erfrorenen Kopfe droben die Zähne
klapperten. Die Kälte wurde immer schneidender. In der
klapperten. Die Kälte wurde immer schneidender. In der
Hauptstraße an der Ecke der Sackgasse wurden die
Gasleitungen ausgebessert, und die Arbeiter hatten ein großes
Feuer in einer Kohlenpfanne angezündet. Darum herum drängten
sich einige zerlumpte Männer und Knaben, die über den
Flammen behaglich blinzelnd s ich die Hände wärmten. Aus der
eisernen Pumpe, sich selbst überlassen, floß ungehindert Wasser
aus, aber bald war es zu Eis erstarrt. Der Lichtschimmer der
Läden, in deren Fenstern Stechpalmenzweige und Beeren in der
Lampenwärme knisterten, rötete die bleichen Gesichter der
Vorübergehenden. Die Gewölbe der Geflügel-und
Materialwarenhändler sahen aus wie ein glänzendes, fröhliches
Märchenland, und es schien fast unmöglich, damit den Gedanken
an eine so langweilige Sache wie Kauf und Verkauf zu
verbinden. Der Lord Mayor gab in den innern Gemächern des
Mansion House seinen fünfzig Köchen und Kellermeistern
Befehl, Weihnachten zu feiern, wie es eines Lord Mayors würdig
ist, und selbst der kleine Schneider, den er am Montag vorher
wegen Trunkenheit und blutrünstiger Äußerungen in der
Öffentlichkeit mit fünf Shil ing gestraft hatte, rührte den Pudding
für morgen in seinem Dachkämmerchen, während seine magere
Frau mit dem Säugling auf dem Arm wegging, um das Roastbeef
zu kaufen.
Immer nebliger und kälter wurde es, durchdringend, schneidend
kalt. Wenn der gute, heilige Dunstan die Nase des Gottseibeiuns
nur mit einem Hauch von diesem Wetter gefaßt hätte, anstatt
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