selbstgenügsam und ganz für sich, wie eine Auster. Die Kälte in
seinem Herzen machte seine alten Gesichtszüge starr, seine spitze
Nase noch 6
spitzer, sein Gesicht runzlig, seinen Gang steif, seine Augen rot,
seine dünnen Lippen blau, und sie klang aus seiner krächzenden
Stimme heraus. Ein frostiger Reif lag auf seinem Haupt, auf
seinen Augenbrauen, auf dem starken struppigen Bart. Er
schleppte seine eigene niedere Temperatur immer mit sich herum:
in den Hundstagen kühlte er sein Kontor wie mit Eis, zur
Weihnachtszeit machte er es nicht um einen Grad mol iger.
Äußere Hitze und Kälte wirkten wenig auf Scrooge. Keine
Wärme konnte ihn wärmen, keine Kälte frösteln machen. Kein
Wind war schneidender als er, kein Schneegestöber
erbarmungsloser, kein klatschender Regen einer Bitte weniger
zugänglich. Schlechtes Wetter konnte ihm nichts anhaben. Der
ärgste Regen, Schnee oder Hagel konnten sich nur in einer Art
rühmen, besser zu sein als er: sie gaben oft im Überfluß, und das
tat Scrooge nie und nimmer.
Niemals kam ihm jemand auf der Straße entgegen, um mit
freundlichen Blicken zu ihm zu sagen:»Mein lieber Scrooge, wie
freundlichen Blicken zu ihm zu sagen:»Mein lieber Scrooge, wie
geht's, wann werden Sie mich einmal besuchen?« Kein Bettler
sprach ihn um eine Kleinigkeit an, kein Kind fragte ihn, wie spät
es sei, kein Mann und keine Frau hat ihn je in seinem Leben nach
dem Weg gefragt. Selbst der Hund des Blinden schien ihn zu
kennen, und wenn er ihn kommen sah, zog er seinen Herrn in
einen Torweg und wedelte dann mit dem Schwanz, als wol te er
sagen: »Gar kein Auge, blinder Herr, ist besser als ein böses
Auge.«
Doch was kümmerte all das den alten Scrooge? Gerade das
gefiel ihm. Allein seinen Weg durch die engen Pfade des Lebens
zu wandern, jedem menschlichen Gefühl zu sagen: »Bleibe mir
fern«; das war es, was Scrooge gefiel.
Einmal, es war von allen guten Tagen im Jahr der beste, der
Christabend, saß der alte Scrooge in seinem Kontor. Draußen
war es schneidend kalt und neblig, und er konnte hören, wie die
Leute im Hof, um sich zu erwärmen, prustend auf und nieder
gingen, die Hände aneinander schlugen und mit den Füßen
stampften. Es hatte eben erst drei Uhr geschlagen, doch war es
schon stockfinster. Den ganzen Tag über war es nicht hel
geworden, und die Kerzen in den Fenstern der benachbarten
Kontore flackerten wie rote Flecken auf der dicken braunen
Luft. Der Nebel drang durch jede Spalte und durch jedes
Schlüssel och und war draußen so dick, daß die
gegenüberliegenden Häuser des sehr kleinen Hofes wie ihre
eigenen Geister aussahen. Wenn man die trübe, dicke, alles
eigenen Geister aussahen. Wenn man die trübe, dicke, alles
verfinsternde Wolke heruntersinken sah, hätte man meinen
können, die Natur wohne dicht nebenan und braue en gros.
Die Tür von Scrooges Kontor stand offen, damit er seinen
Kommis beaufsichtigen konnte, der in einem erbärmlich feuchten,
kleinen Raum, einer Art Burgverlies, Briefe kopierte. Scrooge
hatte nur ein sehr kleines Feuer, aber des Dieners Feuer war um
so viel kleiner, daß es nur wie eine einzige Kohle aussah. Er
konnte aber nicht nachlegen, denn Scrooge hatte den
Kohlenkasten in seinem Zimmer, und jedesmal, wenn der
Kommis mit der Kohlenschaufel in der Hand hereinkam, meinte
sein Herr, es sei wohl nötig, daß sie s ich trennten.
Worauf der Kommis seinen weißen Schal umband und
versuchte, sich an dem 7
Licht zu wärmen, was aber immer fehlschlug, da er ein Mann von
nicht sehr starker Einbildungskraft war.
»Fröhliche Weihnachten, Onkel, Gott erhalte Sie!« rief da eine
heitere Stimme. Es war die Stimme von Scrooges Neffen, der so
schnel hereingekommen war, daß dieser Gruß das erste war,
was man von ihm bemerkte.
»Pah«, sagte Scrooge, »dummes Zeug!«
Der Neffe war vom schnel en Laufen so warm geworden, daß er
über und über glühte; sein Gesicht war rot und hübsch, seine
über und über glühte; sein Gesicht war rot und hübsch, seine
Augen glänzten und sein Atem rauchte.
»Weihnachten dummes Zeug, Onkel?« sagte Scrooges Neffe.
»Das kann nicht Ihr Ernst sein.«
»Es ist mein Ernst«, sagte Scrooge. »Fröhliche Weihnachten?
Was für ein Recht hast du, fröhlich zu sein? Was für einen
Grund, fröhlich zu sein? Du bist arm genug.«
»Nun«, antwortete der Neffe heiter, »was für ein Recht haben
Sie, grämlich zu sein? Was für einen Grund, mürrisch zu sein? Sie
sind reich genug.«
Scrooge, der im Augenblick keine bessere Antwort darauf bereit
hatte, sagte noch einmal »Pah!« und brummte hinterher
»Dummes Zeug!«
»Seien Sie nicht böse, Onkel«, sprach der Neffe.
»Was sol ich anderes sein«, antwortete der Onkel, »wenn ich in
einer Welt voll solcher Narren lebe? Fröhliche Weihnachten!
Der Henker hole die fröhlichen Weihnachten! Was ist
Weihnachten für dich anderes, als eine Zeit, in der du
Rechnungen bezahlen sol st, ohne Geld zu haben, eine Zeit, in
der du dich um ein Jahr älter und nicht um eine Stunde reicher
findest, eine Zeit, in der du deine Bücher abschließest und in
jedem Posten durch ein volles Dutzend von Monaten ein Defizit
siehst? Wenn es nach mir ginge«, setzte Scrooge heftig hinzu, »so
müßte jeder Narr, der mit seinem ›Fröhliche Weihnachten‹
herumläuft, mit seinem eigenen Pudding gekocht und mit einem
Stechpalmenzweig im Herzen begraben werden.«
»Onkel!« bat der Neffe.
»Neffe«, antwortete der Onkel erbost, »feiere du Weihnachten
nach deiner Art und laß es mich nach meiner feiern.«
»Feiern!« wiederholte Scrooges Neffe. »Aber Sie feiern es ja
nicht.«
»Laß mich ungeschoren«, brummte Scrooge. »Mag es dir
Nutzen bringen. Es hat dir ja immer schon Nutzen gebracht.«
»Es gibt viele Dinge, die mir hätten nützen können und die ich
nicht genutzt habe, das weiß ich«, antwortete der Neffe, »und
Weihnachten ist eins davon.
Aber ich weiß gewiß, daß ich Weihnachten, abgesehen von der
Verehrung, die wir seinem heiligen Namen und Ursprung
schuldig sind, immer als eine gute Zeit betrachtet habe, als eine
liebe Zeit, als die Zeit der Vergebung und Barmherzigkeit, als die
einzige Zeit, die ich in dem ganzen langen Jahreskalender kenne,
da die Menschen einträchtig ihre verschlossenen Herzen auftun
und die andern Menschen ansehen, als wären sie wirklich
Reisegefährten 8
Reisegefährten 8
nach dem Grabe und nicht eine ganz andere Art von
Geschöpfen, die einen ganz andern Weg gehen. Und daher,
Onkel, wenn es mir auch niemals ein Stück Gold oder Silber in
die Tasche gebracht hat, daher glaube ich doch, es hat mir Gutes
getan, und es wird mir Gutes tun, und ich sage ›Gott segne das
Weihnachtsfest!‹«
Der Diener in dem Burgverlies draußen applaudierte
unwillkürlich; aber im Augenblick darauf fühlte er auch die
Unschicklichkeit seines Betragens, schürte die Kohlen und
löschte dadurch die letzten kleinen Funken unwiederbringlich.
»Wenn Sie da drin mich noch einen einzigen Laut hören lassen«,
sagte Scrooge, »so feiern Sie Ihre Weihnachten mit dem Verlust
Ihrer Stel e. - Du bist ein ganz gewaltiger Redner«, fügte er dann
hinzu, sich zu seinem Neffen wendend. »Es wundert mich, daß
du noch nicht ins Parlament gekommen bist!«
»Seien Sie nicht böse, Onkel. Essen Sie morgen mit uns.«
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