„Es scheint für mich ein völlig neues und unbekanntes Metall zu sein, so etwas habe ich noch nie gesehen!“
Die Außenhaut der Kapsel hatte sich als eine völlig neuartige Legierung aus Titan und einem zweiten, unbekannten Stoff entpuppt.
„Vielleicht der gleiche, aus dem die Kügelchen sind“, hatte Pfeiffer gemutmaßt.
Es wurmte ihn ganz gewaltig, dass er bei diesem Fall mit seinem Latein am Ende war.
An der Tür klingelte es und erst jetzt wurde ihm bewusst, dass Mirjam heute kommen würde, die kleine Palästinenserin, die einmal die Woche über die Grenze aus dem Flüchtlingslager fuhr, um seine Wohnung in Schuss zu halten.
Ihr arabischer Name war für ihn schwer auszusprechen deshalb nannte er sie lieber so. Das Geld konnte sie gut gebrauchen, da ihr Verlobter Yousef nur ab und zu als Tagelöhner auf Baustellen Arbeit fand und sie beide bald heiraten wollten.
„Guten Tag Herr Professor!“ begrüßte sie ihn mit einem verschämten Lächeln.
Zielstrebig ging sie zu der kleinen Abstellkammer und holte die für sie wichtigen Putzutensilien hervor.
„Sie wollten doch eine neue Flasche Chlorreiniger besorgen“ rief sie halb enttäuscht halb vorwurfsvoll in Richtung ihres Arbeitgebers.
„Ach Gott, das hab ich ja völlig vergessen, tut mir leid!“ Seine Entschuldigung nahm sie mit einem Achselzucken und ohne weitere Äußerung zur Kenntnis und fing an, die Kacheln im Badezimmer mit einfacher Seifenlauge, in die sie etwas Essig gespritzt hatte, einzuseifen.
Saubermachen gehörte nicht unbedingt zu den Lieblingsbeschäftigungen Pfeiffers, gerade deshalb war er ja so froh, Mirjam gefunden zu haben, die ihm die ungeliebte Tätigkeit wenigstens einmal in der Woche ersparte.
Seine Frau war durch eine schwere Krankheit ans Bett gefesselt, so dass alle Arbeit an ihm hängen blieb. Zweimal pro Tag kam eine ambulante Pflegerin vorbei um seine Frau zu waschen und ihr die lebensnotwendigen Medikamente zu verabreichen.
Er wollte seiner Putzfrau nicht im Weg stehen und verabschiedete sich deshalb eilig mit den Worten:
„Ich geh mal einkaufen, solange du hier beim Staubsaugen bist. Du weißt ja, meine Hausstauballergie!“
Mirjam grinste verständnisvoll und rief „Vergessen Sie aber den Chlorreiniger nicht wieder!“
Sie wird eine gute Frau und Mutter abgeben, dachte er im Stillen und machte sich auf den Weg.
Obwohl, bei einem kleinen Seitenhieb auf den doch schon etwas länger andauernden Plan zu heiraten ohne ihn umzusetzen, hatte sie eine Äußerung getan, die ihm zu denken gab. Auf die Frage ob sie sich Kinder wünsche hatte sie nur verlegen geantwortet „So Gott will“
***
Als er vom Einkaufen zurückkam, sah er wie Mirjam schnell ihr Handy vom Ohr nahm und in ihre Tasche steckte.
„Yousef hat gerade angerufen, nur ganz kurz!“ sagte sie mit sichtbar schlechtem Gewissen und lächelte verlegen.
„Ja, ja Mirjam, ist ja gut. Wir sind ja hier nicht beim Militär, dass Sie gleich immer um Erlaubnis fragen müssen, wenn Sie telefonieren möchten“ antwortete Pfeiffer.
„Mein Verlobter war gerade bei seinem Arzt. Er hat jetzt den endgültigen Befund bekommen, dass er keine Kinder zeugen kann.“ Die Trauer war ihr ins Gesicht geschrieben, hatte sie doch oft genug erwähnt wie sehr sie sich auf Kinder freuen würde, sobald sie verheiratet wären.
Der Professor überlegte kurz, wie er sie aufmuntern konnte. Denn nichtssagende Floskeln oder fadenscheinige Trostworte wie ist doch nicht so schlimm, ihr könnt ja auch welche adoptieren waren ihm ein Gräuel.
Da fiel ihm wieder die mysteriöse Samenprobe ein, die noch im Gefrierschrank des Instituts lagerte. Er hatte da so eine Idee:
Ob Mirjam und ihr Verlobter mitspielen würden war natürlich mehr als zweifelhaft. Aber in ihm erwachte wieder der alte Forscherdrang. Ob die Spermozyten wohl noch lebensfähig sein und eine künstliche Befruchtung möglich machen würden?
Pfeiffer beschloss, sobald als möglich seinen Professorenkollegen Martin Schmidt anzurufen. Dessen Institut für In-Vitro-Fertilisation in Jerusalem war weit über die Grenzen berühmt und hatte auch bei fast aussichtslosen Fällen schon hin und wieder Erfolge gezeigt.
Seine Forschungsobjekte, die von ihrem „Glück“ noch gar nichts ahnten konnte er noch früh genug fragen, zuerst mussten jetzt grundsätzliche Dinge geklärt werden.
Sofort setze er sich an den Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer und suchte die Nummer im Telefonregister heraus.
Professor Schmidt war überaus erfreut, mal wieder etwas von Pfeiffer zu hören.
„Mensch, Moshe, altes Haus“, meldete er sich, „wir haben uns ja schon eine Ewigkeit nicht gesehen.
Komm mich doch mal besuchen, nächsten Montag ist unser Institut geschlossen wegen einer Generalüberholung der Tiefkühlsysteme im Labor. Da könnte ich dir alles zeigen und wir besprechen deinen Fall. Zeit hast du doch genug als Pensionär. Also dann bis Montag!“ Damit beendete er lachend sein Telefongespräch.
Ehe Pfeiffer noch ablehnen konnte, hatte Schmidt aufgelegt.
Im Gegensatz zu ihm hatte der deutschstämmige Schmidt es seinerzeit abgelehnt in den einstweiligen Ruhestand zu gehen, denn die ungewollt kinderlosen Paare rannten ihm die Bude ein und außerdem war er einfach so sehr von seiner eigenen Kompetenz überzeugt, dass er keinem seiner potentiellen Nachfolger die Fortführung seiner Arbeit wirklich zutraute.
Mitte Dezember am Hofe von Kronprinz Abdullah, der nach dem Schlaganfall von König Fahd das Amt des Staatsoberhaupts von Saudi Arabien übernommen hatte.
Abdul Alim, der neue Chefastrologe des Herrschers trat ein in das Audienzzimmer Abdullahs, nicht ohne die zahllosen Verbeugungen zu absolvieren, die die Etikette am Hofe so vorschreibt.
Nachdem er auch noch alle anderen Ehrbezeugungen hinter sich gebracht hatte, befahl ihm der Herrscher, schnell zur Sache zu kommen.
„Majestät, die große Konjunktion wird am Ende des Jahres stattfinden, wenn sich Saturn und Jupiter begegnen. Diesmal ist es sogar eine Dreifachkonjunktion. So etwas findet nur alle achthundert Jahre statt. Wenn Ihre Friedenskonferenz unter einem guten Stern stehen soll, wäre dies der beste aller Termine!“
Ängstlich blickte sich Abdul Alim um zum Zeremonienmeister, der ihn mit strengen Blicken musterte. Aber dessen gütige Handbewegung zeigte ihm, dass er seine Sache wohl einigermaßen gut gemacht hatte.
„An welcher Stelle wäre denn der beste Platz für die Konferenz?“,
fragte Abdullah, ohne sich weiter zu äußern zu den Worten des Astrologen.
„Die Konjunktion steht am 6.Januar fast senkrecht über Haifa, noch besser etwas südöstlich in Kiryat Ata, einem kleinen Provinznest in Palästina.“
„Bist du völlig verrückt geworden, du Hurensohn? Wir verhandeln doch nicht an einem Ort der von unserem Todfeind besetzt ist!“
Der Herrscher war außer sich. Nur mühsam gelang es ihm die Fassung zurückzugewinnen.
Er unterhielt sich flüsternd mit einem seiner Berater und winkte dann dem Astrologen zu, sofort aus dem Saal zu gehen.
Dieser tat wie geheißen, er war ohnehin heilfroh den Ort des Geschehens verlassen zu können.
Danach wurde dem Außenminister des Königreiches Saudi Arabien der königliche Auftrag erteilt, alle diplomatischen Schritte in die Wege zu leiten um ein geheimes Treffen von außenpolitischen Sachverständigen der Länder Ägypten, Jordanien und Saudi Arabien am genannten Termin zusammenzubringen.
„Und die Engländer sollen auch jemanden schicken, die sind schließlich schuld an dem ganzen Schlamassel!“ rief Abdullah noch dem Stenographen nach, der sich danach eiligst entfernte.
„Das wird sich ja noch machen lassen. Aber wie sie die Israelis davon überzeugen wollen, ist mir schleierhaft!“ murmelte der Stenograf.
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