Rick sah seinen Spielkameraden schräg von der Seite an:
»So poetisch, Bradey? Und das schon vor Mitternacht?«
»Ich mein‘ ja nur, Rick. Sportler haben eine steile und oftmals kurze Karriere.«
»Ich weiß.«
Zu später Stunde hatte Rick von den Feierlichkeiten genug. Er wollte nach Hause zu seiner Verlobten.
»Halt! Warte!«, rief einer seiner Spielkameraden. Henrik trat auf Rick zu, der schon in der Türe stand. Er zog einen Baseball aus der Tasche. Bedächtig hielt er ihn Rick entgegen. Während ihn beide ehrfürchtig betrachteten, sagte er:
»Das ist dein Homerunball! Der hat dich nach ganz oben
katapultiert, mein Freund. Herzlichen Glückwunsch! Tolles Spiel.«
Mit einem gekonnten Wurf und einem ebensolchen Fang wechselte der Ball seine Besitzer. Rick hielt ihn lächelnd in der Hand. Dann steckte er ihn schnell in seine Jackentasche, um sich gleich weiter an ihm festzuhalten.
»Und?«, fragte Henrik, »hat sich etwas in eurer Beziehung verändert, seit dem du und Kris verlobt seid?«
Rick schüttelte den Kopf.
»Wir kennen uns schon mehr als 11 Jahre. Da gibt es meistens auch nach der Verlobung keine bösen Überraschungen mehr.«
Sie lächelten einander an und Rick verabschiedete sich.
Das Taxi fuhr rasant über die Brooklyn Bridge. Der Taxifahrer blickte immer wieder verlegen in den Rückspiegel, bis er schließlich doch noch schüchtern nach einem Autogramm fragte. Rick unterschrieb gerne auf dem alten Pappbecher, der ihm entgegen gehalten wurde.
»Darf ich den Stift behalten?«
»Sie dürfen alles, Mr. Tylor.«
Vor einem bescheidenen Reihenhaus hielt das Taxi an und Rick ging hinein. Kris kniete gerade über einer weißgrundierten Leinwand und führte gekonnt erste Pinselstriche darüber. Als sie Rick bemerkte, ließ sie alles fallen und sprang ihm in die Arme.
»Dein Homerun war klasse!«, strahlte sie.
Liebevoll schaute er sie an und sie erwiderte seinen Blick. Wie sehr er dieses Lächeln liebte.
»Warum bist du nach dem Spiel gleich nach Hause gefahren?«
»Damit du ungestört mit deinen Kameraden feiern kannst. War es denn lustig im Clubhouse?«
»Ach, früher war es irgendwie spaßiger. Heutzutage sind viel zu viele andere Leute mit dabei und man kann nicht mehr ausgelassen feiern.«
»Warum nicht?«
»Weil du deinen zukünftigen Managern nicht gerade zeigen willst, wie du in Feierlaune aussiehst.«
Sie strahlte ihn mit ihren blauen Augen an.
»Du siehst immer noch so aus wie damals.«
Kurz verlor er sich in ihren Augen und dachte daran, wie sie sich kennenlernten. Als er vor elf Jahren in einem Sportladen arbeitete, kam sie eines Tages schüchtern auf ihn zu, um ihn nach bequemer Radbekleidung zu fragen. Sie hatte damals genau wie heute, ihre langen braunen Haare streng nach hinten, zu einem hohen Pferdezopf gebunden. Ihre blauen Augen strahlten ein Bewusstsein aus, in das sich Rick sofort verliebt hatte. Kris wusste zu der Zeit nicht, dass sie mit einem Stern am Baseballhimmel sprach. Sie verliebte sich in seine lockere Art, die Dinge mit einer Zielsicherheit anzugehen und den Spaß des Lebens in jeden Tag mit einfließen zu lassen.
»Wir schauen in eine goldene Zukunft«, lächelte er, »mit dem Profivertrag können wir uns alles leisten, das mit Geld zu kaufen ist.«
Sie wussten in diesem Augenblick noch nicht, was ihnen bevorstand. Wie konnten sie auch.
Auch für die Profiliga kam nun die Ruhepause. Die freie Zeit genoss Rick in vollen Zügen. Er schlief lange aus, begleitete Kris zu den vielen Kunstausstellungen und traf sich mit seinen
Sportkameraden auf ein Bier. Er gab Interviews und unterhielt sich mit einigen Managern über seine Zukunft.
»Nach dem Spiel habe ich dich kaum für mich alleine gehabt«, beschwerte sich Kris eines Abends. Rick lächelte vergnügt.
»Ich bin ein Baseballstar. Da muss ich viele Hände schütteln. Für mich gilt es jetzt Kontakte zu knüpfen, um die nächste Saison wieder zur meinigen zu machen.«
»Ich weiß, aber ich möchte mal wieder ganz alleine mit dir etwas unternehmen, ohne Trainer, Teamkollegen, Presse oder sonst noch jemand. Wie wäre es mit einem Skiausflug, hoch hinauf in die Berge?«
»Skifahren? Das habe ich noch nie gekonnt.«
»Wir müssen ja nicht gleich mit den schwarzen Pisten anfangen. Ein bisschen hin und her rutschen, um uns am Abend von dem langen Tag im Schnee zu erholen.«
»Bei ausgiebigem Essen und scharfen Getränken?«
»Selbstredend!«, grinste Kris ihn verschmitzt an.
»Dann können wir doch gleich hierbleiben?«
Kris zog eine Augenbraue hoch und schaute ihn erwartungsvoll an. Rick willigte also ein und der Ski Trip war gebucht.
In seinem Gepäck verwahrte Rick den Homerunball.
»Der muss ab jetzt immer mit!«, hatte er noch gesagt. Nach dem sie sich im Hotelzimmer ausgebreitet hatten, machte sich Kris schon für die Piste fertig. Elegant zog sie sich ihre Schneekleidung an, während Rick auf dem Bett lag und teilnahmslos seinen Baseball in die Luft warf.
»Sollen wir nicht erst morgen früh auf die Piste? Die Sonne wird bald untergehen.«
»Noch ist es hell draußen. Los! Komm!«, forderte sie ihn auf, »zieh dich an. Eine Abfahrt schaffen wir noch.«
Rick platzierte folgsam seinen Baseball auf dem Nachttisch und freute sich schon darauf, mit diesem später wieder spielen zu können. Etwas umständlich zog er seine Skiausrüstung an und folgte Kris hinaus zum Lift.
Die Sonne stand schon tief am Himmel, als Rick sich in seine Skier einklinkte. Kris war schon ungebremst vorgefahren. Mit einem Handkuss hatte sie noch gesagt:
»Wir treffen uns unten.«
Rick richtete sich noch einmal auf, um den schönen Ausblick zu genießen. Er stand auf einem der höchsten Berge und schaute ins Tal hinunter. Dort ging schon vereinzelt die Nachtbeleuchtung an. Die Sonne sendete ihre letzten Strahlen in einem prächtigen Farbenspiel. Das Bergpanorama war in ein wunderschönes Abendrot getaucht. Der Schnee funkelte wie viele kleine Diamanten. Rick nahm die Skistöcke auf und stieß sich ab. Doch durch das lange Stehen waren seine Kufen an der Schneedecke festgefroren und er musste sich noch einmal umständlich abstoßen. Noch einmal! Stärker diesmal! Mit einem kräftigen Ruck befreite sich ein Ski vom Eis. Der andere Ski aber blieb fest an der Stelle und gab nicht nach. Rick verlor das Gleichgewicht und rutschte zur Seite weg. Der freie Ski folgte dieser Richtung, jedoch der andere blieb verkeilt und zwang Ricks Knie in eine unnatürliche Bewegung. Es knackste laut und ein lähmender Schmerz durchfuhr seinen ganzen Körper wie ein Blitz. Er versuchte sich verzweifelt von dem verkeilten Ski zu befreien. Dabei verdrehte sich Ricks Körper aber umso mehr. Der Schmerz wurde immer schlimmer und er konnte nicht anders, als laut zu schreien. Wie ein Tier krümmte er sich am Boden und brüllte vor Schmerzen. Er konnte seinen Herzschlag spüren. Es drohte ihm aus der Brust zu springen. Schweiß quoll aus all seinen Poren. Ihm stockte der Atem. Sein Magen drehte sich um, während er mit dem Kopf voraus auf den Boden schlug. Der Schweiß auf seiner Stirn, vermischte sich mit Blut, das aus der Platzwunde hervorquoll und den Schnee rot färbte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Rick in den dunklen Himmel.
Die Sonne war untergegangen.
In der Zeitung stand
Rick Tylor, der Zukunftsstar des amerikanischen Baseballs, verletzte sich bei einem Skiunfall in den Bergen so schwer, dass es das Aus für ihn als Profisportler bedeutet. Wie das Sportmanagement heute mitteilte, wird Rick Tylor nicht mehr in der Lage sein, ohne Gehhilfe zu laufen, geschweige denn Baseball zu spielen. Noch bevor die Profikarriere des jungen Sportlers richtig angefangen hat, ist sie auch schon wieder vorbei. Rick befindet sich noch im Krankenhaus unter dem Einfluss von Schmerzmitteln, die ab sofort sein Leben begleiten werden. Seine Fans trauern um ihn, da er für sie als Held der Homeruns gestorben ist. Wir wünschen ihm alles Gute.
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