Das, was für jeden Menschen selbstverständlich ist, musste sie erst wieder lernen. Sie machte ein Schritt nach dem anderen, noch unbeholfen, sie schwankte und drohte zu stürzen, doch es gelang ihr, sich am Fenstergitter festzuhalten.
Eine kühle Brise wehte ihr ins Gesicht und plötzlich hatte sie das Gefühl, dass sie etwas sehr Wichtiges verloren hatte. Sie steckte ihren Arm durch das Gitter, als plötzlich etwas ihren Arm berührte. Sie schreckte zurück und fiel auf den Boden. Schwarze Gestalten huschten hin und her, sie hörte viele Flügelschläge, die sich schnell vom Fenster wegbewegten. Dann herrschte tiefe Stille.
Sie zog sich am Gitter wieder auf die Füße und schloss das Fenster. Als sie noch ein letztes Mal aus dem Fenster hinaus schaute, entdeckte sie auf dem Fensterbrett eine schwarze Feder.
Schwarze Federn kamen ihr bekannt vor, die Frage war nur, woher, doch damit wollte sie sich am nächsten Tag beschäftigen. Die Anstrengung hatte sie müde gemacht. Sie taumelte zum Bett zurück und fiel in tiefen Schlaf.
In der Nacht waren einige Jugendliche unterwegs von der Disco nach Hause. Sie konnten nicht mehr gerade gehen und brachen immer wieder in Gelächter aus.
Einer von ihnen versuchte eine Ratte zu fangen, seine Bewegungen waren unkoordiniert und langsam, doch seine Füße waren groß.
Er erwischte die Ratte am Schwanz, so dass sie nicht flüchten konnte. Als er sich bückte, um das Tier unsanft mit der Hand zu packen, ging langsam die Sonne auf.
Der Kampf der Sonne gegen die Schatten begann von Neuem. Der betrunkene Jugendliche hielt die Ratte in die Luft. Seine Freunde jubelten ihm zu. Einer fing an zu hüpfen und verlor dabei sein Gleichgewicht, sodass er in eine Hecke fiel.
Die anderen bekamen davon nichts mit und jubelten weiter. Der, der in der Hecke lag, öffnete die Augen, vor ihm sammelten sich viele schmale Schatten. Kleine Körper mit einem langem Schwanz wurden nach und nach erkennbar. Sie kamen näher und ihre scharfen Schneidezähne blitzten in den wenigen Sonnenstrahlen auf, die durch die Hecke fielen.
Der Junge versuchte sich aus der Hecke heraus zu winden, doch ihre Äste hatten sich an seinem T-Shirt verhakt. Er schrie, doch es war zu spät, die vielen Schneidezähne gruben sich in sein Gesicht und arbeiteten sich immer weiter darin voran.
Seine Freunde hörten ihn schreien und sie liefen wieder zurück. Der Junge, der die Ratte noch am Schwanz gepackt hielt, warf das Tier zur Seite und fasste seinen Freund an den Beinen.
Als er ihn aus der Hecke ziehen wollte, krabbelten mehrere Ratten über den Gefallenen hinweg und bissen den Helfer in die Finger. Das Schreien verstummte und man hörte nur noch das Rascheln vieler kleiner Kreaturen. Der Junge schlug jede Ratte weg, die er zu packen bekam. Dabei wurde er vor Schreck schlagartig nüchtern, genau wie seine Kumpane, als sie den Ernst der Lage erkannten.. Sie packen alle mit an und zogen gemeinsam ihren Freund aus der Hecke.
Der Anblick, der sich ihnen bot, war so schrecklich, dass es ihre Schreie erstickte. Einige Jungs pressten sich die Hände auf den Mund, andere übergaben sich, wieder andere taumelten und wandten sich ab, weil sie den Anblick nicht ertragen konnten.
Ihr Freund war tot, sein Gesicht war zur Hälfte weggefressen, der Rest war furchtbar entstellt, und es liefen immer noch viele Ratten über den Leichnam hinweg und auf sie zu. Einige bissen ihnen in die Schuhe. andere sprangen sie an und begannen, an ihren Hosenbeinen hinauf zu klettern.
Die Jungs liefen davon, sie rannten um ihr Leben. Das Heer der Ratten aber hielt an und blickte den Flüchtenden nach. Ihre Blicke drückten Triumph und Siegesgewissheit aus. Sie würden die Stärkeren sein. Dann zwängten sie sich durch die schmale Öffnung eines Gullis und verschwanden in den Tiefen der Kanalisation.
Sie mochten das Licht nicht. Im Licht war ihre Existenz bedroht. Doch hier unten im Dunkel waren sie die Herrscher. Und sie würden es auch dort oben sein, wenn eines Tages die Schatten das Licht besiegt hatten.
Über ihnen krächzten erneut die schwarzen Vögel, sie flogen auf das Krankenhaus zu und umkreisten es. In ihren Blicken lag viel Zuversicht, sie würden wieder ihren Glanz bekommen, denn das Gleichgewicht von Licht und Schatten war dabei, sich der dunklen Seite zuzuneigen.
Es gab nur noch eine Möglichkeit, dem zu entkommen.
Ein Mann eilte den Weg entlang, die Schöße seines langen schwarzen Mantels wehten gespenstisch hinter ihm her. Er ging auf den Toten zu, der Anblick gefiel ihm so sehr, dass er freudig in die Hände klatschte. Das Gesicht des Toten war zu einem blutigen Klumpen geschrumpft, in dessen Mitte die Augenhöhlen wie zwei Einschusslöcher leer gähnten.
Der Mann flüsterte ein paar Worte, diese wurden durch den Wind getragen.
„Diese armselige Kreatur, wie alle dieser Art, konnte noch nie wirklich sehen, also wozu brauchen diese Leute ihre Augen? Etwa nur, um ein Trugbild ihrer selbst zu betrachten?“
Er machte einen Schritt um den Jungen herum, die schwarzen Vögel versammelten sich um ihn.
Er schaute nach oben, die Sonne blendete ihn, mit schnellen Schritten ging er in eine Gasse, in die kein Sonnenstrahl eindringen konnte, hinter ihm flogen die schwarzen Vögel her, bis sie ihn komplett einhüllten. Als sie dann kreischend davon stoben, war der Mann in ihrer Mitte spurlos und wie vom Erdboden verschluckt verschwunden.
Die Sonne überzog die Stadt mit ihrem hellen Glanz. Die Singvögel sangen mit ihren lieblichen Stimmen und begrüßten den neuen Tag, doch unter der Stadt in der Kanalisation sammelten sich Tausende kleiner pelziger Tiere, das Heer der Ratten rannte rastlos durch die Finsternis.
Die Ratten waren vollgefressen. Das Mahl der Meute war köstlich, warm und blutig gewesen. In der finsteren Kanalisation konnten sie nichts sehen, aber sie sahen auch am Tage schlecht. Duftspuren, die sie hinterlassen hatten, verrieten ihnen, ob der Weg sicher war und wohin es ging.
An Stellen, wo sie Hindernisse überwinden und springen mussten, konnten sie anhand der Duftspur erkennen, wie weit sie springen mussten und welche Form und Ausmaße diese Hindernisse hatten.
Doch heute folgten sie einer frischen Duftspur, einer, die ihnen einen neuen Weg nach oben zeigte. Sie endete in einem schmalen Rohr, den Rest des Weges mussten sie tauchend zurücklegen.
Am Ende des Rohres angekommen, schlüpften sie in ein schattiges Versteck. Dort wollten sie warten, bis der Tag vorüber war und die Dunkelheit an der Oberfläche sie einhüllen und ihnen Schutz gewähren würde.
Ryu öffnete die Augen, dehnte und reckte ihre Glieder und stellte fest, dass sie sich immer besser bewegen konnte. Sie ging ans Fenster und bemerkte die Menschen und Fahrzeuge auf dem Vorplatz. Dort hatten zwei Polizeiautos und ein Krankenwagen gehalten.
Zwei Männer trugen schnellen Schrittes eine Tragbahre, wer darauf lag, konnte sie nicht erkennen, da die Person in einem schwarzen länglichen Sack steckte. Die Männer gingen nicht besonders sorgsam mit der Bahre um und rüttelten den schwarzen Sack ziemlich heftig durch. Ryu schaute sich das Geschehen eine Weile an, dann wollte sie wieder zum Bett, als Frau Sorokin ihr Zimmer betrat.
„Du bist aber schon früh wach“, sagte sie und ging zu Ryu ans Fenster.
„Was ist denn da passiert?“, fragte Ryu, doch Frau Sorokin antwortete nicht und zog den Vorhang vor dem Fenster zu.
„Nichts Besonderes, man bringt uns einen neuen Patienten. Nun setz dich erst mal und frühstücke. Du musst regelmäßig essen, damit du schnell wieder zu Kräften kommst“, sagte sie und stellte das Tablett auf den kleinen Tisch.
„Wann sagt mir endlich jemand, was passiert ist?“, flüsterte Ryu und riss den Vorhang vor dem Fenster wieder auf. Das Dämmerlicht im Krankenzimmer machte ihr Angst. Frau Sorokin seufzte, nahm sich einen Hocker und setzte sich hin. „Eigentlich wollte der Doktor mit dir über deinen Unfall reden, aber so wie es aussieht, solltest du das besser jetzt erfahren,“ meinte sie und winkte Ryu mit einer herrischen Geste zu sich. Ryu setzte sich aufs Bett, sie war aus einem Grund, den sie selbst nicht zu nennen wusste, so aufgeregt, dass ihr Herz so heftig pochte, als wolle es ihr gleich aus der Brust springen.
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