Fernando sah schließlich ein, dass er Ruth nicht davon abbringen konnte, ihn zu begleiten und gab nach.
Zu viert fuhren sie zum Flughafen. Ruth und Fernando saßen hinten im Auto und hielten Händchen. Gespräch kam zwischen den Beiden keines auf, also sorgten Atilio und Oscar für eine lockere Unterhaltung um die Situation zu entspannen. Vergeblich!
Am Flughafen kam Hektik auf. Fernando hatte zu viel Gepäck und wollte keinen Aufpreis bezahlen. Also öffnete er den Koffer nochmals und nahm ein paar Mitbringsel heraus. Er überließ sie Ruth, Oscar und Atilio. Vielleicht konnten sie die Sachen gebrauchen.
Bis zur letzten Minute blieb Fernando bei seinen Begleitern, dann war der Augenblick des Abschieds unwiderruflich gekommen.
Zuerst sagte Fernando seinen Freunden Adiós. Die verschwanden sofort in Richtung Ausgang. Nun wandte sich er Ruth zu.
„Ich werde dir jeden Tag schreiben“, versprach er ihr und strich die Tränen von ihren Wangen. „Vergiss nicht, ich liebe dich.“
Ruth konnte nicht viel sagen. Sie hatte die Augen voller Tränen und sah ihren Liebsten verschwommen vor sich stehen.
„Ich liebe dich“, war alles, was sie gequält herausbrachte. Noch einmal küssten sie sich auf den Mund. Dann ging jeder in seine Richtung, ohne sich nochmals umzusehen.
Wie in Trance erreichte Ruth Atilio und Oscar, die am Ausgang auf sie warteten. Sie bestiegen das Auto. Ruth saß wieder hinten. Diesmal alleine! Sie hatte keine Tränen mehr. Völlig ausdruckslos schaute sie aus dem Fenster und sah doch nichts. Sie fühlte sich leer, wie ausgehöhlt.
Nun war sie also alleine. Wie sollte sie die Zeit ohne Fernando nur durchstehen? Sie wusste es nicht. Im Augenblick wollte sie es auch nicht wissen. Sie war viel zu einsam.
Zu Hause angekommen, war sie alleine. Gabi hielt sich an der Uni auf. Ruth warf sich, so wie sie war, mit Kleidung und Schuhen auf ihr Bett und schluchzte haltlos.
Zweieinhalb Jahre würde es dauern, bis sie Fernando wiedersah. So lange gab es nur Briefe.
Später setzte sie sich hin und schrieb den ersten Brief für Fernando. Das würde während der nächsten Monate ihre Hauptbeschäftigung sein. Die Briefe an Fernando! Mehr war ihr für den Augenblick nicht geblieben.
Der Zug fährt am Bahnhof in Sonthofen ein. Zusammen mit den anderen Reisenden steigt Ruth ein und versucht einen Sitzplatz zu ergattern. Erfolglos! Also bleibt ihr nichts anderes übrig, als die Reisetasche im Gang vor sich abzustellen und sich am Haltegriff eines Sitzes festzuhalten.
Vor ihr, auf vier Plätzen sitzen fünf pubertierende Jugendliche und schäkern miteinander. Ruth lächelt amüsiert. Es ist doch immer dasselbe mit den jungen Menschen.
Die Bremsgeräusche des Zugs holen Ruth wieder in die Wirklichkeit zurück. Immenstadt. Sie hat den Halt am Bahnhof Blaichach gar nicht bemerkt.
Hastig schnappt sie ihre Tasche und folgt den anderen Reisenden zur Türe. Es ist ein schreckliches Gedränge und Geschiebe. Beim ersten Mal versteht sie die Ansage aus dem Lautsprecher nicht richtig, doch schon sieht sie den Anschlusszug auf dem gegenüberliegenden Gleis stehen.
Sie steigt ein und sucht sich einen freien Platz. Schließlich wird sie in diesem Zug bis München Hauptbahnhof sitzen bleiben. Die meisten Fahrgäste bleiben in Immenstadt und verlassen deshalb hier den Bahnhof. Im Zug nach München geht es zum Glück ruhiger zu.
So lange der Zug im Bahnhof stehen bleibt, schaut Ruth interessiert hinaus. Ist das nicht der Kollege Schneider? Hoffentlich steigt er nicht in diesen Wagen ein. Sie hat absolut keine Lust sich mit ihm zu unterhalten. Nein, er geht am Zug entlang und steigt weiter vorne ein. Umso besser! Das hätte ihr gerade noch gefehlt! Sicherlich hätte er sie ausgefragt oder ihr ein Gespräch aufgedrängt. Und sie hat niemandem, außer Anne von ihrer Reise in die Vergangenheit erzählt. Und die hält dicht! Es geht schließlich niemanden etwas an. Ein bisschen Privatsphäre braucht der Mensch ab und zu.
Der Zug fährt an. Vorbei geht es an der Hauptschule, später am Krankenhaus Immenstadt. Dann kommt Stein.
*
Ruth schrieb Fernando jede Woche einen Brief. Das hatten sie sich beim Abschied versprochen.
Als sie den ersten Brief zur Post trug, war es für sie als würde sie einen Teil ihrer selbst mitschicken. Sie hatte versucht, Fernando so viel wie nur möglich zu erzählen und zu beschreiben was vorgefallen war. Aber sie wollte ihm natürlich in erster Linie ihre Gefühle übermitteln. Die Einsamkeit, die sie seit seiner Abreise empfand. Dies alles sollte, ja musste, Fernando erfahren. Schließlich liebten sie sich und Gefühle gehörten dazu. Ruth war sich sicher, Fernando verstand sie. Durch die Liebe, die sie verband, mussten sie sich einfach verstehen. Es ging gar nicht anders.
Fernandos erster Brief traf erst drei Wochen später bei ihr ein. Sie war enttäuscht, vollkommen beunruhigt und verunsichert. Würde er sich überhaupt noch bei ihr melden? Auf dem Stempel der Post konnte sie erkennen, dass Fernando ihr nicht sofort nach seiner Ankunft geschrieben hatte. Sie entschuldigte das damit, dass er so lange von zu Hause weg gewesen war und nun erst einmal Familie, Verwandte und Freunde besuchen musste. Außerdem hatte er ihr erklärt, dass er der Firma Siemens in Santiago einen Besuch abstatten würde um zu erfahren, wann er seine Stelle antreten sollte.
Der Inhalt des Briefes war für Ruth enttäuschend. Sie hatte sich das Ganze etwas feuriger vorgestellt. Aber auch hier schob sie den Umstand des kühlen Stils auf die Entfernung und die Tatsache, dass ihn nun sein Latinoleben in Chile eingeholt und beeinflusst hatte. Dort herrschten eben puritanische Gepflogenheiten und Umgangsformen. Das hatte sie stets herausgehört, wenn Fernando von seinem Leben dort erzählte. Auch andere Mittel- und Südamerikaner hatten ihr das Leben in ihrer Heimat beschrieben und sie konnte deutliche Unterschiede zu den Lebensgewohnheiten in Deutschland heraushören. Nicht umsonst hieß es: Andere Länder, andere Sitten.
Trotzdem schrieb Ruth ihm brav jede Woche. Sie wartete nicht auf Antwort, sondern hielt sich an die Abmachung. Es gab schließlich immer etwas zu erzählen, von dem sie ausging, es interessierte Fernando.
Einmal war sie mit Gabi unterwegs. Dann ließen ihre Eltern Grüße ausrichten. Auch die waren von ihrem „Schwiegersohn in spe“ inzwischen angetan. So ein netter und wohlerzogener junger Mann, hieß es dann immer. Er wurde Ruths Geschwistern gegenüber als lobendes Beispiel erwähnt. Ein andermal luden Atilio und Oscar sie ein, mit in La Peseta Loca zu gehen. Sie hatten einen neuen Gitarristen und Sänger gefunden, sodass die Gruppe ihre Auftritte nach wie vor abhalten konnte. Der neue Gitarrist hatte ein Auge auf Ruth geworfen. Sie hatte jedoch nur Fernando im Kopf.
In ihren Briefen an Fernando erzählte Ruth all diese Begebenheiten. Sie wollte ihn an ihrem Leben teilhaben lassen, wenn er schon nicht bei ihr sein konnte. Ruth war sich sicher, für Fernando war das so wichtig wie für sie selbst. Schließlich wollte sie auch alles von ihm wissen, doch er schrieb so wenig, so unpersönlich und so unregelmäßig.
Obwohl immer etwas los war, fühlte sich Ruth einsam. Es war, als fehlte ein Teil von ihr. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie dieses Gefühl der Einsamkeit wieder einmal verlassen würde. Und die ganze Tortur würde noch gut zwei Jahre andauern.
Eines war klar, die Klausuren an der Uni musste sie jedes Mal auf Anhieb bestehen, damit sie ihre Scheine bekam und ihr Studium nicht unnötig verlängerte.
Immer, wenn in der Wohnung oder auch bei ihren Eltern das Telefon läutete, hoffte Ruth, Fernando meldete sich. Sie hatten zwar nicht vereinbart, miteinander zu telefonieren, doch die Hoffnung wollte sie nicht aufgeben.
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