„War ein Hund oder so was“, sagte Ray und wischte sich Zigarettenasche von der Hose.
„Hab ich mich erschrocken! Wir wären fast im Graben gelandet.“ Tony wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. „Nein, war kein Hund. Eher ein Fuchs. Von den Biestern gibt es hier eine Menge.“
Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung.
„Ein Fuchs? Soso …“, bemerkte Ray leise und lächelte, ohne dass der Fahrer es bemerkte.
„Nicht mehr lange und wir sind da.“ In der Dunkelheit tauchten nun die unförmigen Umrisse der Red Hills auf. „Vor uns liegt Ashland. Ein Achthundert-Seelen-Kaff. Schimpft sich Stadt, aber außer einer Tankstelle, einer Bar, einem miesen Hotel und einem Krämerladen gibt es hier nicht viel. Sie werden es lieben, Ray.“
Einzelne, schüchterne Lichter tauchten vor ihnen auf. Ashland, Kansas – Population 850 , hieß es in weißen Lettern auf einem wackligen, von rotem Staub bedeckten Holzschild. Auch hier teilte eine breite Straße den Ort, der in seiner nächtlichen Leblosigkeit an eine Filmkulisse erinnerte. Sie fuhren an den Häusern vorbei, aber Ray interessierte sich kaum dafür.
Vier Meilen hinter dem Städtchen bogen sie von der Straße in einen Feldweg ab. Der Pick-up rumpelte über die unebene Fahrbahn und zog eine Staubwolke hinter sich her. Nach einigen Metern tauchte ein Wall hoher Bäume links und rechts der Zufahrt auf. Sie fuhren durch ein weißes Holztor und sahen das Haus. Das gesamte Erdgeschoss war hell erleuchtet und auf der breiten Veranda glomm eine große Laterne.
Mit knirschenden Rädern kam der Wagen hinter einem gepflegten, schwarzweißen Packard zum Stehen.
„Da sind wir“, seufzte Tony und stieß die Wagentür auf.
Ray stieg aus und reckte die Arme.
Von einer Hollywood-Schaukel auf der Veranda beobachteten ihn zwei Personen.
Während Tony die Ladefläche öffnete, sagte er: „Das sind Cora, die kleine Reed, und ihr Freund Donald. Hier haben Sie schon alle sehnsüchtig erwartet.“
Bevor sie zum Haus hinübergingen, nahm der neue Gast noch einen tiefen Zug aus seiner Zigarette, eher sie auf dem Boden austrat. „Dann los“, meinte er. Gemeinsam stiegen sie die drei Stufen zur Veranda hinauf.
In der Dunkelheit wirkte das Haus sehr einladend. Es sah sauber und gepflegt aus, der Anstrich schien nur ein paar Wochen alt zu sein.
„Gefällt es Ihnen?“, fragte Tony.
„Hübsch.“
„Habe es selbst gestrichen. Ist eine von diesen neuen Farben, besonders witterungsbeständig.“ Er tätschelte liebevoll einen weißen Stützbalken.
Im Licht der Laterne nahm Ray seinen Fahrer genauer in Augenschein. Tony trug einen hellen Anzug und glänzende Schuhe. Seine Haltung war gerade, aber sein schmaler Kopf pendelte unruhig auf dem dünnen Hals hin und her. Er sah noch immer kränklich aus, fahle Haut und Schweiß auf der Stirn, aber dennoch war er auf eine bestimmte Weise attraktiv. Ein charmanter Zug um seine Augen und ein schnelles Lächeln unter dem dünnen Schnurrbart.
Ray stellte seinen Koffer neben der Eingangstür ab. Die Blumen vor der Veranda verströmten einen schweren Duft.
Die beiden Personen waren von der Schaukel aufgestanden und kamen herüber. „Hallo, Tony. Wir haben uns schon Sorgen gemacht.“ Eine spöttische, melodische Mädchenstimme, klar und gewinnend. Ray blickte ihre Besitzerin automatisch an. Sie reichte ihm bis zur Brust, hatte rotblondes, glattes Haar, das im Lampenschein zu glühen schien, und sehr helle, blaue Augen, die wirkten, als läge ein Schleier darüber. Ihr Gesicht war hübsch, noch voller jugendlicher Unschuld, die sich zu handfester Schönheit auswachsen würde. Ihre Stimme perlte über ihre ebenmäßigen Lippen. Sie trug ein dunkles Kleid, das von einem Gürtel tailliert wurde.
Tony verharrte einen winzigen Moment, als träfe ihn ihr Spott wie glühende Nadeln, aber dann richtete er sich auf und antwortete brüsk: „Ich habe mir den Magen verdorben und musste unterwegs anhalten.“ Sie lachte, nur kurz, aber der Laut schien sich noch einen Augenblick länger in der zwischen Blumenduft und Sommerschwüle aufzuhalten, ehe er verklang. „Lass gut sein, Cora“, entgegnete er müde. Seine Zunge glitt über die ausgetrockneten Lippen. „Mr. Ray Corbin, dies ist Ms. Cora Reed und das hier ist Mr. Donald March von der March-Ranch nebenan.“
Cora hielt ihm eine kühle Hand hin und Ray ergriff sie langsam. Sie war so klein und zierlich, dass sich seine kräftigen, gebräunten Finger wie eine Bärenfalle darum schlossen. Die Berührung dauerte etwas länger als üblich gewesen wäre. „Freut mich, Ms. Reed.“
„Sie sind Vaters Freund, nicht wahr? Ich erinnere mich an Sie.“ In ihr spöttisches Lächeln schlich sich ein Anflug von Wärme.
„Ja, früher nannten Sie mich Onkel Ray und hatten eine helle Freude daran, mir an den Ohren zu ziehen.“
„Daran erinnere ich mich nicht“, sagte sie mit übertriebener Unschuld. Ihre Finger lösten sich zögernd voneinander. Er wollte die Kühle ihrer Haut nicht verlieren.
Donald March ergriff seine Hand und schüttelte sie enthusiastisch. Er war ein gut gebauter Junge mit einem glatten Gesicht, einer breiten Nase und trägen Augen, die sich kaum zu bewegen schienen. Er trug eine dunkle Anzughose, ein weißes Hemd und einen hellbraunen Pullover darüber. „Freut mich, Mr. Corbin. Ich habe Photographien von Ihnen gesehen, aus dem Krieg.“
Ray nickte höflich, aber er spürte, dass Cora ihn noch immer ansah.
Tony stöhnte: „Ihr entschuldigt mich, aber mein Magen … Ich werde Ira sagen, dass Sie da sind, Ray.“ Er presste eine Hand auf den Mund, die andere auf den Bauch und stolperte ins Haus.
Die drei verbliebenen Personen schwiegen einige Zeit. Ray blickte in die Dunkelheit hinaus, aber aus den Augenwinkeln betrachtete er das Mädchen.
Donald schlenderte zu einem kleinen Tisch vor der Schaukel und fragte: „Wollen Sie ein Glas Limonade? Das Eis ist leider geschmolzen, aber sie ist noch kühl.“ Mit der Linken schwenkte er ein halbvolles Glas.
Ray schüttelte den Kopf: „Danke, nein.“
Cora nahm den Blick von der Tür, durch die der kranke Tony verschwunden war und lächelte zögerlich, als ließen sich die Gedanken nur mühsam aus ihrem Kopf verscheuchen. „Sie sehen anders aus ohne die Uniform.“
„Ich trage schon lange keine mehr.“
„In Vaters altem Arbeitszimmer hängen ein paar Bilder, aber alle zeigen Sie nur als Soldat, Mr. Corbin.“
Donald trat zu ihnen, trank einen tiefen Schluck und leckte sich über die Lippen. „Ira meinte, Sie wären im Krieg schwer verwundet worden?“
Ray nickte und legte eine Hand an seine linke Seite, kurz oberhalb der Hüfte. „Das war in Frankreich, ’44. Ein deutscher Heckenschütze hat mich durchlöchert.“
Cora sah ihn mit ihren verschleierten blauen Augen an: „Vater hat Ihnen das Leben gerettet, stimmt es?“
„Ja. Er war ein tapferer Mann, Ihr Vater.“
Über das Gesicht der jungen Frau huschte ein Schatten. Ray überlegte und versuchte sich an Coras Alter zu erinnern. Wenn er sich nicht täuschte, musste sie neunzehn oder zwanzig sein.
„Zwanzig“, lachte sie, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Der Schatten war aus ihrem Gesicht verschwunden, aber eine dauerhafte Andeutung davon blieb in ihren Augen bestehen. Ein Splitter aus Trauer, Enttäuschung oder Verbitterung im klaren Blau.
Etwas stach ihn in den Nacken und Ray schlug danach. Als er seine Hand betrachtete, war ein wenig Blut an seinen Fingern. „Verdammte Viecher“, knurrte er.
„Die Mücken sind dieses Jahr eine Plage. Aber mir macht das nichts, sie stechen mich nicht.“ Donald reichte ihm ein Taschentuch.
Cora knuffte dem Jungen in den Arm: „Das liegt daran, dass du selbst eine Mücke bist, Donny. Eine große, starke Mücke, die mir ins Netz gegangen ist.“
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